Winnenden

Arbeit, die Biografien prägt

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Jobs für Migranten gibt es am Schwarzen Brett im Rathaus, das Juliana Eusebi und Manuela Voith bestücken. © Christine Tantschinez

Winnenden. Was ist die Aufgabe? Welche Paragrafen gibt’s dazu? Welche Fördergelder? Packen wir’s an. So – hat man den Eindruck – ist Manuela Voith ihre ersten 100 Tage als Leiterin der Stabsstelle für Integration angegangen. Erstes habhaftes Ergebnis: Es wird in Winnenden einen Integrationsmanager geben, der durch Zuschüsse finanziert wird.

Als Voith sich für Winnenden bewarb, wusste sie schon: Es werden neue Flüchtlinge von der Obhut des Kreises an die Stadt weitergegeben werden, und es wird Aufgabe der Stadt, diesen Flüchtlingen Wohnungen zu verschaffen, sie an die deutsche Sprache heranzuführen und ihnen Wege ins Leben und ins Berufsleben aufzuzeigen. Und sie kennt die Paragrafen und Richtlinien dazu aus ihrer früheren Arbeit.

Zahlen über Flüchtlinge ließ sie erheben und wies damit nach, dass das Land die Stelle eines Integrationsmanagers für Winnenden finanzieren muss. Sie wurde beantragt, ist genehmigt, und die Stelle ist ausgeschrieben. Diese Frau oder dieser Mann wird sich um die Berufswege der Flüchtlinge kümmern, wird sie fragen, was sie können und arbeiten wollen und wird mit Arbeitgebern sprechen und hören, was sie brauchen können. Die Koordination der gesamten Flüchtlingsarbeit wird bei Daniela Voith im Rathaus bleiben.

Um Wohnungen für diese Flüchtlinge kümmern sich die städtischen Immobilienverwalter und Ralph Köder und Angela Eberl. Die Stadt plant zurzeit Wohnheime an verschiedenen Stellen und verhandelt zugleich mit dem Landkreis über Wohnungen in den bestehenden Flüchtlingswohnheimen an der Albertvillerstraße und im Schelmenholz. Voith ist zuversichtlich, dass der Kreis Wohnungen an die Stadt vermieten wird. Damit könnte die Stadt einen Teil ihrer Unterbringungspflichten erfüllen.

Nächste Aufgabe: In Arbeit sollen die Flüchtlinge gelangen. Die Stabsstelle für Integration hat im schicken Holzbauwohnheim beim Waldfriedhof schon die meisten Flüchtlinge erfasst, weiß schon, welche beruflichen Erfahrungen sie mitbringen, weiß, dass viele Kinder dabei sind. Bei den 129 Flüchtlingen in der Albertvillerstraße müssen noch Informationen beschafft werden, von mindestens 60 Bewohnern muss noch Können und Wissen erfragt werden.

Trotz Internet kommt das gute, alte Schwarze Brett zum Einsatz

Um Flüchtlingen weiterzuhelfen, hat Manuela Voith etwas Altmodisches aufgebaut: ein Schwarzes Brett, an dem ihr Helfer Stellenanzeigen aufhängt, die er aus der Zeitung ausschneidet. Bewusst verzichtet sie aufs Internet, denn das haben Flüchtlinge sowieso. Aber zum Schwarzen Brett müssen sie erst einmal ins Rathaus kommen, und es entwickelt sich ein Gespräch mit Mitarbeitern der Stabsstelle. Das bringt mehr als 25 Mausklicks. Bei Voith hat sich zum Beispiel ein Unternehmer aus Kornwestheim gemeldet, der in Rudersberg wohnt. Er sucht einen Monteur und ist bereit, einen Flüchtling einzuarbeiten und jeden Morgen mit Auto aus Winnenden nach Kornwestheim mitzunehmen. Der Chef chauffiert. Das könnte eine Chance sein für einen Winnender Flüchtling.

Die Volkshochschule gibt mehrere Deutschkurse für Flüchtlinge und die Stabsstelle für Integration und die Sozialarbeiter in den Heimen vermitteln die Flüchtlinge dorthin. Neue ehrenamtliche Dolmetscher wurden von der Stadt geschult, so dass jetzt 34 zur Verfügung stehen, die in 22 Sprachen von Albanisch bis Urdu übersetzen können. Im Augenblick erfasst Manuela Voith, welche Sprachen in Winnender Arztpraxen gesprochen werden, und sie fand schon eine Praxis, in der Arabisch und etliche weitere vertreten sind.

Juliana Eusebi hilft ein Jahr freiwillig in der Stabsstelle mit

Dies alles – und noch viel mehr – sind Maßnahmen, die Biografien von Flüchtlingen verändern, die beeinflussen, ob ein Mensch an seinem Zufluchtsort Fuß fasst, sich einlebt. „Diese Arbeit prägt das Leben von Personen“, sagt die 19-jährige Backnangerin Juliana Eusebi, die ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) in der Stabsstelle für Integration mithilft. Sie hat sich bewusst für die Flüchtlingsarbeit beworben. „Ich möchte auch der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Sie selbst ist an den Rollstuhl gebunden und hat von der Allgemeinheit viel bekommen: Zugang zu wichtigen Einrichtungen, Hilfe gegen Hürden und mehr. Jetzt will sie helfen, den Migranten Hürden aus dem Weg zu räumen. Von der Arbeit im städtischen Büro mit Manuela Voith und Christel Degendorfer ist sie begeistert: „Es ist was Tolles, wenn man sieht, was sich alles entwickelt, wie die Leute zum Beispiel immer besser Deutsch sprechen. Es ist auch beeindruckend, wie viele Leute herkommen und Hilfe anbieten, und ich find’s schön, zu erleben, wie man Strukturen weiterbaut, die den Menschen helfen.“

Jobs in der Stadtgärtnerei werden seit mindestens zwei Jahren für Flüchtlinge angeboten. Zehn Stellen sind genehmigt. Aber Manuela Voith stellte fest, dass von Februar bis Juli 2017 keine einzige Stelle besetzt war.

Es sind „Förderintegrative Maßnahmen“. Dort wird nicht permanent die volle Leistung abgerufen, dafür bekommen Migranten auch nur 80 Cent pro Stunde.

Bisher hätten sich die Bewerber von selbst im Bauhof melden sollen. Das klappte nicht. Jetzt vermittelt Voith die Leute vom Rathaus aus und geht mit ihnen zum Bauhof der Stadt. Drei Flüchtlinge arbeiten nun dort.

Die Baden-Württemberg-Stiftung hat ein Projekt „Kicken und Lesen“ angeboten, das zehn- bis 14-jährige Jungs über Fußball wieder zum Lesen bringen könnte. Voith hofft, dass Winnender Einrichtungen darauf eingehen.

Ein Projekt Fair Play wäre sinnvoll. Im Fußball lernen Kinder, nach Regeln zu spielen. Voith spricht mit der Schelmenholzschule, ob sie zusammen mit der SV-Winnenden das Projekt übernehmen möchte.

Könnte die Musikschule ein Internationales Orchester aufbauen? Voith ist im Gespräch mit Musikschulleiter Mathias Mundl. Vom Bundesamt für Migration könnte Unterstützung kommen.

Der Deutsche Turnerbund unterstützt Sportangebote für Frauen mit Migrationshintergrund. Hier sucht Manuela Voith nach einem Projektträger.