Winnenden

Asylbewerber bleibt in Haft

Gewalttat
Symbolbild. Ein Mann bleibt hinter Gittern, weil er einen Mitbewohner verletzt und einen anderen mit einem Messer bedroht hat. © Buettner/ZVW

Waiblingen/Winnenden. Seit Juni 2015 hat ein Asylbewerber in den Gemeinschaftsunterkünften Winnenden, Leutenbach und Remshalden gelebt – seit Oktober 2016 sitzt er im Gefängnis, und da bleibt er auch. Richterin Dotzauer verurteilte ihn wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Sachbeschädigungen, Beleidigungen und einem Diebstahl zu einem Jahr und sechs Monaten Haft.

„Es ist traurig, es ist hart. Aber ich sehe keine gute Prognose für Sie“, wandte sich Richterin Dotzauer in der Urteilsbegründung direkt an den Angeklagten. „Sie haben hier keinen Halt, das ist nicht Ihre Schuld. Aber ich bin überzeugt: Lassen wir Sie aus dem Gefängnis, finden Sie schnell den Weg zum Alkohol und es geht wieder los“, so Dotzauer.

"Ihre Gewaltdelikte sind furchtbar"

Noch ein Verfahren erwartet den 22-Jährigen am Amtsgericht Ludwigsburg, die Anklagepunkte decken sich komplett mit denen in Waiblingen, aber es kommt noch Freiheitsberaubung dazu. „Sie tragen die Kosten des Verfahrens“, ließ die Richterin die Dolmetscherin ausrichten. „Ihre Gewaltdelikte sind furchtbar, Sie hantieren mit Steinen, Scheren, Messern, abgeschlagenen Flaschenköpfen, artikulieren so ihren Unmut und bedrohen Leute – das verstößt gegen unsere Rechtsordnung.“ Dotzauer vermutet, es wäre besser gewesen, wenn er nicht aus seiner Heimat Gambia geflohen wäre.

Angeklagter sieht die Ursache im Alkohol 

Der Angeklagte wirkte recht ruhig und schwach. Im Gefängniskrankenhaus war er kurz zuvor an der Lunge operiert worden. Nach vier Monaten in Untersuchungshaft sagte er, nicht zurück nach Gambia zu wollen. „Ich möchte Sie um Verzeihung bitten. Alle Probleme beruhen auf Alkohol. Ich möchte keinen mehr trinken“, beteuerte er.

Streit wegen Schnarchens, Rauchens und Frauenbesuchs

Doch die Vorwürfe wogen schwer und wurden durch die Zeugenaussagen bekräftigt. So sah es das Gericht als erwiesen an, dass der Angeklagte seinen Zimmergenossen im Winnender Wohnheim mit einer Schere attackiert hatte, im Januar vor einem Jahr. Der 40-jährige Nigerianer trug eine Schnittwunde am Arm davon, als er die Klinge abwehrte, und Verletzungen an der Stirn. Die Polizei hatte das dokumentiert. Die Tatwaffe wurde allerdings nicht gefunden. Vermutlich war der Streit eskaliert, weil der Ältere schnarchte und weil der Jüngere im Zimmer rauchte, nicht aufräumte und immer wieder Frauenbesuch mitbrachte. Gleiches Wohnheim, anderes Zimmer, zwei Monate später: Mit einem Küchenmesser ging der 22-Jährige auf einen Mitbewohner los, hielt es drohend über seinen Kopf und warf eine leere Bierflasche in dessen Zimmer, in dem er sich dann verbarrikadierte.

"Ich erkenne das Messer wieder"

Der Angeklagte beschädigte die Tür. „Ich erkenne das Messer wieder“, sagte der zweite Zeuge beim Blick auf das Foto. Seiner Meinung nach war es um Geld gegangen, das der Angeklagte dem Bedrohten angeblich geliehen hat. „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Er hatte ja eigentlich nie Geld und schnorrte von uns immer so kleine Dinge wie Zigaretten“, übersetzte die Dolmetscherin seine Ausführungen. Der dritte Zeuge, ein im Wohnheim wegen seines Rats respektierter 38-jähriger Gambier, berichtete vor Gericht, den 22-Jährigen schon öfter ermahnt zu haben, keinen Alkohol zu trinken. „Ich hatte ihn oft betrunken erlebt. Ich sagte ihm, dass die Leute hier Alkohol trinken, aber sich nicht verhalten wie er.“

"Ich hatte Stress im Kopf, keine Arbeit, keine Schule"

In der Unterkunft an der Albertviller Straße erhielt der junge Mann Hausverbot und wurde anschließend nach Leutenbach verlegt. Auch dort schlug er mal ein Loch in eine Zimmertür. „Ich hatte Stress im Kopf, keine Arbeit, keine Schule“, gab der Angeklagte die Tat zu. Psychisch krank sei er aber nicht. Danach gefragt hatte ihn der Pflichtverteidiger.

 

Zeugenaussagen:

  • Offenbar hat der 22-jährige Gambier Schlag bei Frauen, wie eine 52-jährige Winnenderin als Zeugin berichtete. Er kam oft in ihr Zimmer in einer WG im Schelmenholz, „er war sehr hilfsbereit. Manchmal habe ich seine Wäsche gewaschen.“ Die Beziehung wollte sie nach einem Jahr aber beenden, woraufhin er im März 2016 Steine auf den Rollladen ihres Zimmers warf und ihr einen Koffer mit Kleidern und Schmuck stahl, den er aber wieder zurückgegeben habe.„Er hat einen guten Charakter, aber er ist aggressiv und macht viel kaputt“, sagte die Frau vor Gericht aus. Ihre Mitbewohnerinnen hatten sich wegen des Mannes schon bei der Vermieterin beschwert.
  • Vor einer Stuttgarter Disco hatte der Afrikaner im Juni 2016 einen unschönen Auftritt. Mit seiner damaligen Freundin und ihrer Clique war er dort. Beim Gehen kam es zum Konflikt mit einem der Türsteher. Die Frau sagte, der Mann sei ihm auf den Fuß getreten und hätte ihn wegen seiner Hautfarbe beleidigt.
  • Daraufhin hätte der 22-Jährige mit einem Messer rumgefuchtelt, „I’ll kill you“ gerufen, sei weggegangen und mit einer abgebrochenen Flasche wiedergekommen, die er in eine vor der Disco stehende Gruppe warf. „Wir hatten Glück, dass er niemanden getroffen hat“, sagte der Türsteher-Kollege im Gericht aus.
  • Der andere Türsteher erschien nicht als Zeuge und muss nun ein Ordnungsgeld von 200 Euro bezahlen. Die Freundin sagte, sie habe mit ihrer Clique schon am Taxistand gewartet, daher von Messer, Flasche und Drohrufen des Angeklagten nichts mitbekommen.