Winnenden

Auf dem Tandem mit einem Blinden

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© Habermann / ZVW

Winnenden. Sebastian Bärschneider ist leidenschaftlicher Radfahrer – für einen blinden Menschen mehr als ungewöhnlich. Doch als Kollegen von ihren Touren schwärmten, wollte auch er sich wieder Wind um die Nase wehen lassen. Fahrten mit Leihtandem waren so gut, dass sich der 34-Jährige ein eigenes Doppelrad kaufte und beim Radclub ‘93 Winnenden „Piloten“ suchte.

Der Einzige, der sich vor anderthalb Jahren auf die E-Mail an alle Mitglieder meldete, war Manfred Doll. Der heute 61-jährige Diplomingenieur stand kurz vor dem Eintritt in die Passivphase der Altersteilzeit, hat aber nicht gerade Ehrenamts-Mangelerscheinungen. Der frühere Radclub-Präsident ist seit Jahren Leiter des Bikeparks unter der B-14-Brücke und besucht einmal die Woche einen behinderten Menschen in der Blauen Arche des Paulinenhofs. „Sebastian ist, wenn man so will, auch mein Ehrenamt, aber aus dem monatlichen gemeinsamen Tandemfahren ist mehr geworden, es hat sich eine Freundschaft entwickelt.“ So hat Manfred Doll kürzlich beim Umzug geholfen. Sebastian Bärschneider erinnert sich noch gut an die erste gemeinsame Probefahrt. „Sie war länger als gedacht, Richtung Affalterbach.“ Sehen kann er zwar nichts, durch eine Netzhautablösung im Teenageralter ist es ständig schwarz für ihn, aber er nimmt viele Reize aus der Umgebung wahr und zieht mehr Schlussfolgerungen daraus, als Sehende ahnen. Nie vergessen wird er die lange Abfahrt von Adelberg nach Schorndorf, bei der es das Tandem auf 70 km/h brachte: „Gigantisch, es ist wie Fliegen, oder wie wenn man auf dem Meer segelt.“ Und auch die Bergauffahrt durch den Wald vom Remstal nach Buoch, „ein matschiger Weg, die besondere Luft, das war toll“.

Es läuft locker und leicht von Anfang an – und beiden macht’s Spaß

Das Cannondale wiegt etwa 25 Kilo, hat 26-Zoll-Reifen, 27 Gänge und Allroundreifen. Darauf legen Doll und Bärschneider 60 bis 80 Kilometer und 800 Höhenmeter zurück. Abends oder am Samstag, zusammen mit der langsameren Rennradgruppe des Radclubs. „Bergauf ist eine Quälerei, aber bergab und eben zu fahren, da sind wir im Vorteil“, sagt Manfred Doll schmunzelnd.

Schnell merkten die beiden, dass es locker und leicht läuft, ihre Bewegungsabläufe zusammenpassen und sie Spaß haben. Doll muss als Sehender auf alles achten, was ihnen gefährlich werden könnte, den Splitt in der Kurve oder das Auto, das noch schnell vor dem Tandem in die Straße einbiegt. Nur er kann vorne bremsen und schalten, und er muss Sebastian sagen, wo’s langgeht und wann angehalten wird. Der Begriff Pilot ist also ziemlich passend.

In der Jugend war er Leichtathlet und lernte als Kind Radfahren

Sebastian hat als Kind alles gut gesehen und hat Fahrradfahren gelernt. Er vermutet, dass ein schwerer Sturz die erbliche Erblindung beschleunigt hat. Als Leichtathlet kam er bis zur Teilnahme an einer Jugendmeisterschaft – Ausdauer, Sprintvermögen und Ehrgeiz, die zum Sportlerdasein gehören, sind also ebenfalls vorhanden. Der 34-Jährige stammt aus Rudolstadt in Thüringen und machte nach dem Abitur in Weiler zum Stein eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Nach dem Studium an der Dualen Hochschule arbeitet er in Weilimdorf bei Vector-Informatik. Animiert von den Kollegen dort, beendete er seine lange Sportpause, ging mit ihnen auf Touren und auf längere Freizeiten. Davor hatte Sebastian Bärschneider nur ab und zu in Urlauben mit der Mutter ein Tandem ausgeliehen.

"Piloten gesucht"

Sebastian Bärschneider möchte öfter auf seinem Tandem radeln. Außer Manfred Doll hatte er bisher zwei weitere Piloten, die aber aus gesundheitlichen oder zeitlichen Gründen derzeit ausfallen.

Wer es mal ausprobieren möchte, mit Sebastian Bärschneider zu radeln, kann sich auf seinem Handy unter der Nummer 01 70/6 84 21 16 melden.

Der 34-Jährige achtet auf ein sicheres Fahrrad, lässt alle Komponenten regelmäßig warten. Sein Pilot Manfred Doll sagt, dass man sich am Anfang ans Kurvenfahren und Wenden gewöhnen müsse. Sebastian sagt lachend: „Die Kür ist langsam fahren, Balance halten und enge Stellen nehmen.“