Winnenden

Auf dem Weg der Besserung

1/3
732a97e0-f4cd-41bc-8777-827a93a5a76e.jpg_0
Was früher eine „Schießscharte“ war, zeigt sich mittlerweile stark vergrößert und aufgebessert. Notaufnahme und die Anlaufstelle für die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte sind jetzt zusammengelegt. An vier Arbeitsplätzen werden die eingehenden Fälle aufgenommen © Büttner / ZVW
2/3
Notaufnahme
Einer der neu geschaffenen Behandlungszimmer für die Notaufnahme, gleich nebenan. © Büttner / ZVW
3/3
Notaufnahme
Dr. Torsten Ade, Chef der Notaufnahme, seit einem halben Jahr tätig. © Büttner / ZVW

Waiblingen. „Es verbessert sich, aber wir sind bei weitem noch nicht da, wo wir hinwollen.“ Es geht um die Notaufnahme im Winnender Krankenhaus, ein „Dauerthema“, „eine große Baustelle“, wie der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken freimütig einräumt. Wobei, und das war jetzt Thema eines Vorstellungstermins, viel getan wurde zuletzt. Die Früchte der Arbeit sich also bemerkbar machen müssten.

Video: Dr. med. Torsten Ade Chefarzt der Notaufnahme Klinikum Winnenden erklärt die Änderung bei der Notaufnahme/Notfallpraxis.

Es gibt einen weiteren Umzugstermin. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach Fertigstellung des Winnender Baus. Auf den 1. Februar zieht die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte, die immer nachts und am Wochenende akute Fälle abdeckt, in den Hauptbau der Klinik um. Sie rückt ganz nahe an die Notaufnahme heran. Die Annahmetresen wurden zusammengelegt. Vier Arbeitsplätze sind so entstanden, die gleich gut besetzt sind. Dazu wurden auch die Angestellten der Kassenärzte nochmals geschult. So dass überall die gleiche Kompetenz vorhanden sein sollte. Das klingt jetzt nach einer Selbstverständlichkeit. Aber Nickel verweist darauf, dass bei der Planung des Winnender Hauses das ganze Thema Notfallannahme falsch angegangen worden sei, total unterbewertet. Der Notaufnahme-Schalter bisher, das sei ja nur eine „Schießscharte“ gewesen.

Hoher sechsstelliger Betrag kostet der Umbau

Beim Rundgang zeigt Nickel auf die Ecke, die jetzt unbeleuchtet ein Restdasein fristet. Derweil der neue gemeinsame Tresen sich hell ausgeleuchtet zeigt. Mit Blickkontakt durch die automatischen Glastüren zur Anlieferungshalle für die Krankenwagen. Mit Rufweite zu den Erstaufnahmezimmern, ganz neu geschaffene erste Behandlungsräume schließen sich an. Nickel will die genaue Summe noch nicht nennen, aber er rechnet mit einem „hohen sechsstelligen Betrag“, und erklärt dabei sofort, warum das jetzt schon wieder so teuer werden musste. Nur ein Hinweis: Bei jeder baulichen Veränderung, speziell in einer Klinik, spricht der Brandschutz mit.

Wartende müssen nicht mehr auf Bettlägrige schauen

Eine abschließende Zahl kann auch nicht genannt werden, weil Weiteres in Planung ist. Diejenigen, die derzeit im nun gemeinsamen Wartebereich für Notaufnahme und Notfallpraxis sitzen, müssen nicht mehr der Patienten gewahr werden, die auf eine Röntgenaufnahme warten. Das hat regelmäßig zu Beklemmungen geführt. Die Radiologie hier unten ist die zentrale fürs ganze Haus. Manchmal stöhnen die zu Untersuchenden vor Schmerz auch mal auf. Manchmal erscheint den Wartenden diese Schlange der Liegenden als abschreckend. So nach dem Motto: Wenn die alle drankommen sollen, wie lange muss es dann bei mir dauern.

So weit die baulichen Neuerungen. Aber es geht nach dem Willen der Umstrukturierer viel mehr damit einher: nämlich eine strukturelle und personelle Verbesserung. Wenn abends oder am Wochenende das tendenziell überlastete Personal der Notaufnahme neu Einströmende darauf hinwies, 100 Meter weiter gebe es ja eine Notfallpraxis, dann bewegten die sich trotzdem nicht dorthin. Das war der Eindruck von Dr. Torsten Ade, Chefarzt der interdisziplinären Notaufnahme in Winnenden seit einem halben Jahr. Er kam vom Esslinger Klinikum, mit der Zusatzqualifikation „Fachkunde Leitender Notarzt“ in der Tasche.

Gleichzeitig war er es, der jetzt beim Pressetermin vor Ort Realismus in die Debatte einbrachte. Die Notaufnahme an sich sei ein solch komplexer Komplex, „dass wir falsch gewickelt wären, wenn wir Ihnen Perfektion versprechen würden“. Dass die erste Tür in die Klinik und zur ärztlichen Versorgung der Dreh- und Angelpunkt ist für die spätere Beurteilung durch die Patienten, dass sie eine absolut neuralgische Stelle darstelle, das zeige die internationale Diskussion. Sowie der Versuch, mittels Standards, die in dem Fall aus dem nicht gerade vorbildlichen englischen Gesundheitssystem kommen, Maßgaben an die Hand zu bekommen. Verglichen mit England sei Deutschland schon doppelt so gut. Und die Winnender Klinik schiebe sich nochmals nach vorne.

Die Bitte des Chefs, gerecht zu sein

Schließlich ist ja offenbar alles gut dokumentiert, die Zahlen schaut sich die Leitung periodisch an. Nur bittet Ade darum, gerecht zu sein. So sei zu trennen zwischen Wartezeit und Behandlungszeit. Wartezeit ist für ihn die Zeit, bis jemand einen Arzt sieht. Die Behandlungszeit geht dann etwa bis Ende der Röntgenaufnahme und bis zum Befund. Durschnittlich sei es jetzt schon so, „wir halten diese Zeiten hier gut ein. Wir werten das jede Woche aus“. Und dieser Standard werde dann auch automatisch auf die Patienten der Notfallpraxis übertragen. Das Rad könne nicht neu erfunden werden, aber man sei auf dem Weg „zur besten Lösung“ jetzt mit dem gemeinsamen Eingang. Es wird zudem über eine Telefon-Hotline nachgedacht zu den niedergelassenen Ärzten.

Dass es einen „Graubereich“ (Nickel) gibt, der vor anderthalb Wochen hier in dieser Zeitung geschildert wurde, das geben alle zu. Es geht um die Fälle, bei denen jemand zu seinem Hausarzt geht, der dann aber eine schnelle Abklärung durch die Ärzte und Apparate der Klinik will. Da gibt es noch Nachsteuerbedarf, wird eingestanden. Der Vize-Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung im Land, Dr. Johannes Fechner, sprang der Winnender Klinikleitung bei. Er rechnet mit einem Drittel an Notfallpatienten, die in die Notaufnahme nicht hingehörten. Sondern zum niedergelassenen Arzt oder in Tagesrandzeiten eben in die Notfallpraxis. „Wenn wir dieses eine Drittel nicht hätten, dann würde es für die akuten Fälle besser aussehen.“ Die Notaufnahme wäre entlastet. Er wünscht sich, dass man in die Notaufnahme nur dann hingeht, wenn man der Meinung ist, „man übersteht den nächsten Tag nicht“.

„Wartezeiten sind nichts Schlimmes“

Es sei eben der bessere Weg, mit einem festen Termin, ausgemacht vom niedergelassenen Arzt, beim Krankenhaus anzuklopfen. Er geht noch weiter: „Wartezeiten sind nichts Schlimmes. Bei der Kfz-Zulassungsstelle geht es auch nach einem festen System. Hier im Krankenhaus werden Sie sofort angeschaut und dann wird verteilt.“

Beschwerden in Prozent

Notaufnahmen haben ein Finanzierungsproblem. Auf das immer knappe Geld wies Dr. Marc Nickel, der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, auch hin. Notfallpatienten bereiten der Klinik Kosten im Durchschnitt von 120 Euro. Die Kliniken bekommen pro Fall aber nur 32 Euro. Man betrachte nur mal, was der Schlüsselnotdienst kostet, wenn die Leute vor der verschlossenen Tür stehen. Es sei Aufgabe der Politik, hier einen neuen Verteilungsschlüssel zu finden. Freilich, große Hoffnung hat Nickel nicht.

Es wird laufend neues Personal gesucht und eingestellt für die Notaufnahme, sagt der Chef der Rems-Murr-Kliniken. Es sei aber auch so, dass inzwischen „tagtäglich genug Kollegen da sind, anderswo ist das nicht der Fall“.

Die Leiterin von Winnenden, Claudia Bauer-Rabe, weist darauf hin, dass die Notfallzahlen stark steigen. Sie erhöhten sich von 2015 auf 2016 um 15 Prozent.

Laut Nickel liegt die Beschwerdequote bei 0,5 Prozent. Er wisse auch, dass es einen Graubereich gibt. „Aber von den 99,5 Prozent Zufriedenen sprechen wir nicht.“