Winnenden

Aufnahmestopp für neue Kunden! Tafelladen in Winnenden ist am Limit

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Harald Zabel (Bildmitte) und sein Team können nicht mehr alle Bedürftigen versorgen. Der Laden ist zu klein, der Andrang zu groß. © Sebastian Striebich

Die Nachricht aus dem Tafelladen klingt dramatisch: „Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten angekommen“, schreibt Harald Zabel (73), der Vorsitzende des Tafelvereins, in einer Mail an unsere Redaktion. Es sei der Tafel „nicht mehr möglich, neue Kunden aufzunehmen“. Zu groß ist der Ansturm, zu viele neue Kunden sind in den vergangenen Monaten hinzugekommen – vor allem eine Folge des Angriffs auf die Ukraine. Es sei eine Ausnahmesituation, wie die Tafel sie noch nicht erlebt hat, so Zabel bei einem Treffen im Laden in der Brunnenstraße.

Eine halbe Stunde vor Ladenöffnung stehen schon einige Menschen Schlange

Vor dessen Eingang stehen am Donnerstagmorgen um 9 Uhr schon erste Kunden Schlange, eine halbe Stunde, bevor der kleine Laden überhaupt aufmacht. Drinnen sortieren ehrenamtliche Helferinnen und Helfer noch Lebensmittel in die Regale ein. Es gibt Obst, Gemüse, Konserven, verpackte Ware im Kühlregal, die am Morgen eingesammelt wurde bei Supermärkten in der Region. Im hinteren Bereich ist die Bäckerstheke aufgebaut, mit Brot, Brezeln und anderen Backwaren, gespendet von lokalen Bäckern. In spätestens drei, vier Stunden wird der ganze Laden leer geräumt sein, vermutlich schon vor Ladenschluss.

Verkauft wird die Ware zu circa 20 Prozent des Originalpreises an alle aus Winnenden und Umgebung, die einen Berechtigungsschein vorweisen können, weil sie zum Beispiel Geringverdiener oder Sozialhilfeempfänger sind. Aktuell hält der Tafelladen mit seiner Mannschaft aus rund 40 Ehrenamtlichen dem Ansturm nicht mehr stand.

Seit Gründung des Tafelvereins vor 17 Jahren ist der Kundenstamm stetig größer geworden. Rund 700 bis 800 Berechtigungsscheine waren bis vor wenigen Wochen im Umlauf, eine Menge, die den kleinen Tafelladen bereits an seine Kapazitätsgrenze brachte. Schließlich versorgen die meisten Kunden nicht nur sich selbst, sondern im Schnitt drei Personen. Jetzt sind auf einen Schlag rund 200 Menschen dazugekommen, Flüchtlinge aus der Ukraine, die für mehr als doppelt so viele einkaufen.

Schlagartiger Kundenzuwachs von 25 Prozent – „nicht zu bewältigen“

Der schlagartige Zuwachs von rund 25 Prozent sei „nicht mehr zu bewältigen“, sagt Harald Zabel trotz erweiterter Öffnungszeiten, in denen versucht wird, die Regale schon im Betrieb nachzufüllen. Menschen, die jetzt noch mit ihren Unterlagen in die Brunnenstraße kommen, um sich einen Berechtigungsschein ausstellen zu lassen, muss der 73-Jährige schweren Herzens abweisen.

Und das in Zeiten, in denen die Preise im regulären Einzelhandel steigen und steigen, viele Menschen noch an den Folgen der Corona-Pandemie zu knabbern haben, die Krisen dieser Welt sich negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken: „Der Zulauf ist ohnehin größer als sonst“, sagt Harald Zabel, „und es wird nicht weniger werden."

Das Hauptproblem ist die Enge des Ladens

Das Hauptproblem der Tafel ist aktuell die Enge des Ladens. Selbst wenn die Ehrenamtlichen in den Supermärkten noch mehr Ware, die kurz vor dem Verfallsdatum steht, einsammeln würden, noch mehr Brot, Obst und Gemüse gespendet würde – es wäre gar kein Platz dafür. Zwar liegt der Laden in der Brunnenstraße ideal – mittendrin und doch etwas abseits, was gerade bei vielen älteren Menschen, die sich schämen, hier einzukaufen, die Hemmschwelle etwas senkt –, er verfügt aber weder über ausreichend Platz für Regale noch über ein echtes Lager oder ein angemessenes Büro, geschweige denn über Sozialräume für die Mitarbeiter.

Die einzige Lösung wäre eine Vergrößerung. Seit zwei Jahren schon steht Harald Zabel mit der Stadt in Kontakt, gemeinsam werden größere Räume gesucht, doch bislang hat sich nichts Passendes ergeben.

Harald Zabel: „Wie will ein Rentner mit 750 Euro Rente einkaufen?“

Auf lange Sicht, ist auch Harald Zabel überzeugt, ist die Politik gefragt. Der Tafelladen kann nicht die halbe Stadt ernähren. „Viele könnten sich ohne uns nicht halten“, sagt der Leutenbacher. „Wie will ein Rentner mit 750 Euro Rente einkaufen? Er muss auch noch die Miete zahlen und den Strom.“ Dasselbe gilt für die Geringverdiener, viele von ihnen Ausländer, deren Gesamtanteil an den Kunden bei 60 bis 65 Prozent liegt.

Fürs Erste gilt: Daumen drücken, dass bald ein neuer Standort gefunden wird – und: „Wir freuen uns über jede Spende“, sagt Harald Zabel. Nicht nur für den Laden, sondern auch für Aktionen des Vereins mit Kindern, die in Armut leben. Eine Fahrt in den Schwabenpark zum Beispiel wird jetzt von einem Freundeskreis in Höfen finanziert. Eine Mitgliedschaft im Tafelladen kostet 25 Euro im Jahr (zur Homepage).

Die Nachricht aus dem Tafelladen klingt dramatisch: „Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten angekommen“, schreibt Harald Zabel (73), der Vorsitzende des Tafelvereins, in einer Mail an unsere Redaktion. Es sei der Tafel „nicht mehr möglich, neue Kunden aufzunehmen“. Zu groß ist der Ansturm, zu viele neue Kunden sind in den vergangenen Monaten hinzugekommen – vor allem eine Folge des Angriffs auf die Ukraine. Es sei eine Ausnahmesituation, wie die Tafel sie noch nicht erlebt hat, so Zabel bei

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