Winnenden

Aus zwei Winnender Blaskapellen soll eine werden

Landesfestumzug, Winnenden, 08.09.2019.
Die Stadtkapelle, hier beim Landesfestumzug 2019, will künftig mit dem erst 2018 gegründeten Stadtorchester kooperieren, einen neuen Klangkörper bilden. © Benjamin Beytekin

Es ist ein Paukenschlag, der erstaunlicherweise Applaus von mehreren Seiten erhält: Die Stadtkapelle will mit ihren 32 Aktiven ab nächstem Jahr nur noch zusammen mit den 40 Musikern des Stadtorchesters proben und auftreten. Die musikalische Leitung des „großen Klangkörpers“, der künftig die Stadt Winnenden bei örtlichen Feiern und auch nach außen repräsentiert, sollen die Dirigenten des Stadtorchesters übernehmen, die auch als Lehrer an der Musik- und Kunstschule Winnenden angestellt sind. Gleichwohl bedeutet die Fusion nicht das Ende des Vereins Stadtkapelle, und auch der beim Verein angestellte Dirigent Jürgen Berger wird nicht gekündigt. Warum das so wichtig ist, wie das gehen soll, erläuterten Musikschulleiter Mathias Mundl und der Erste Vorsitzende der Stadtkapelle, Peter Lauschke.

Wie stand es bislang um die Stadtkapelle?

„Wir haben mit der Stammkapelle seit längerer Zeit zu kämpfen, sind oft nicht spielfähig, hatten Mitgliederschwund und zuletzt auch noch das Problem, eine Vorstandschaft zu finden“, so Lauschke im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats. „Seit September 2019 hatten wir unsere Auflösung auf dem Plan.“ Musikalisch fehlen Dirigent Jürgen Berger schon seit längerem die tiefen Blechstimmen von Posaune, Bariton und Tuba. „Deshalb habe ich sie mehr Richtung Big Band ausgerichtet“, berichtet der Dirigent im Gespräch mit unserer Zeitung von den wöchentlichen Proben im Karl-Krämer-Haus. Zusätzlich baute er aber auch ein Anfänger- und Wiedereinsteiger-Ensemble namens Stacapo auf, das mit rund 15 Personen alle zwei Wochen ein Pop- und Rockrepertoire erarbeitet. Einmal im Monat trifft sich ein achtköpfiges Saxofon-Ensemble unter seiner Leitung zum Proben.

War die Gründung einer zweiten Kapelle und Finanzierung durch die Stadt im Jahr 2018 dann nicht so etwas wie der Todesstoß für die Traditionskapelle?

Jein. Zwar probten beide am gleichen Tag der Woche, am Donnerstag. Aber da das Stadtorchester quasi ein Bläserensemble der Musikschule bildete, bestehend aus lauter Jugendlichen, jungen und älteren Erwachsenen, die Einzelunterricht nehmen und zusätzlich das Angebot wahrnehmen, größere Werke zusammen mit vielen anderen einzustudieren, sprach man unterschiedliche Personenkreise an. Und auch mit den Auftritten im Heimattagejahr 2019, für das der Stadt eine zuverlässige musikalische Repräsentanz wichtig war, arrangierten sich die beiden Kapellen ganz schwesterlich. Allein die Nachwuchssorgen der Stadtkapelle verschwanden nicht. Erst, als vor der wichtigen Hauptversammlung Gespräche über eine Kooperation mit Mathias Mundl geführt wurden, wie sie einige Mitglieder schon länger angeregt hatten. Peter Lauschke und Karin Wanek erklärten sich daraufhin bereit, den Verein zu führen, und wurden gewählt. „Wir rechneten anfangs noch mit vielen Skeptikern, aber inzwischen sind alle dabei und freuen sich auf die musikalische Zusammenarbeit“, so Lauschke. Immerhin sei so auch sicher, dass der Verein sein 100-jähriges Bestehen im Jahr 2021 erlebt. „Wir hoffen schon auf ein paar tolle Auftritte nächstes Jahr“, so Karin Wanek zuversichtlich.

Welches Interesse hatte denn das Stadtorchester daran, gemeinsame Sache zu machen?

Die Finanzierung des Stadtorchesters war nur bis 2021 vom Gemeinderat zugesagt, bis zum Auftritt im Rahmen der Konzerttage. Danach wollte man neu überlegen, wie es weitergehen soll. Da die Konzerttage verschoben sind, sprach nichts gegen vorgezogene Überlegungen für einen gemeinsamen Weg. Für das vorgestellte Zwischenergebnis ernteten beide Seiten viel Lob von Gemeinderäten, Susanne Kiefer (Ali) bot als Musikerin sogar an, "ehrenamtlich bei den Proben oder was sonst anfällt“ zu helfen. Tenor der anderen Wortmeldungen war die Hoffnung auf eine höhere Anziehungskraft für den Nachwuchs. Den endgültigen Finanzierungsbeschluss wird der Gemeinderat indes später fassen, wenn weitere Gespräche geführt wurden und das Kulturamt die Abstimmung vorbereitet hat. Die Kosten werden sich gegenüber den Vorjahren nicht verändern, sondern bei 22 000 Euro im Jahr bleiben. Und die Stadtkapelle wird ihren jährlichen Zuschuss in Höhe von 8000 Euro plus Zuschuss für die Kleidung weiterhin erhalten, so ist der Plan. Auch zahlen die Mitglieder weiterhin ihren Jahresbeitrag.

Was bleibt für Jürgen Berger, der selbst im Hauptberuf Musiker ist und eine private Musikschule führt, wenn die bei der städtischen Musikschule angestellten Diplom-Musiklehrer Thomas Kratzer und Julia Schmid den neuen Klangkörper führen?

„Für mich fällt ein Teil weg, dafür wird sich wieder etwas Neues ergeben“, sagt Jürgen Berger. Er werde die Arbeit mit Stacapo intensivieren und eventuell weitere kleine Ensembles ins Leben rufen. „Sie sind gerade in Coronazeiten ein Vorteil, weil man mit ihnen zum Beispiel eine Weinwanderung begleiten kann oder andere kleine Auftritte machen“, sagt Peter Lauschke. Auch die Musikschule hat ja weitere Ensembles, für jede Könnensstufe sozusagen. Das Konstrukt mit den studierten Musiklehrern als Dirigenten hat noch folgenden Charme: Ein Teil ihres Unterrichtsdeputats entfällt auf die große Kapelle, zehn Prozent der Gehälter sind durch den Landeszuschuss für Musikschulen gedeckt.

Wie soll das Kind denn heißen, wie werden sich die Musiker kleiden und was werden sie genau spielen?

Bisher gibt es nur einen Arbeitstitel, der lautet: Städtisches Orchester Winnenden oder Städtisches Blasorchester Winnenden.

Das Stadtorchester trug bisher schwarze Kleidung mit seinem Logo, die Stadtkapelle hat graue Uniformjacken mit weinroten Elementen an Kragen und Taschen. „Wir wollen uns einheitlich kleiden, wie, müssen wir aber noch besprechen, eine militärisch geprägte Uniform sehe ich nicht, die Kleidung sollte universell einsetzbar sein“, so Mathias Mundl auf Nachfrage unserer Zeitung. Und musikalisch? Hier soll es einen regelmäßigen und sogar institutionalisierten Austausch geben. Geplant ist ein künstlerischer Beirat mit Vertretern aus den Registern und den Dirigenten, die zusammen das Programm planen, die Werke auswählen.

Bleibt das Vereinsleben damit auf der Strecke?

Nein. Weder bei der Stadtkapelle noch beim neuen Klangkörper. Hier soll es einen Orchesterrat geben, in dem Mitglieder Probenwochenenden und orchesterinterne Veranstaltungen planen mit dem Ziel, die Gemeinschaft zu pflegen. Die Stadtkapelle will für alle monatliche Kameradschaftsabende nach der Probe, einen Ausflug, Events für die Jugend und eine Weihnachtsfeier organisieren. Dadurch, dass die Musikschule sozusagen das operative Management des Städtischen Orchesters übernimmt, mit der Stadt alle Kosten, auch die für Noten und Instrumente abrechnet, und die auch Proben und Konzerte plant und bewirbt, dürften die Ehrenamtlichen deutlich entlastet werden.

Es ist ein Paukenschlag, der erstaunlicherweise Applaus von mehreren Seiten erhält: Die Stadtkapelle will mit ihren 32 Aktiven ab nächstem Jahr nur noch zusammen mit den 40 Musikern des Stadtorchesters proben und auftreten. Die musikalische Leitung des „großen Klangkörpers“, der künftig die Stadt Winnenden bei örtlichen Feiern und auch nach außen repräsentiert, sollen die Dirigenten des Stadtorchesters übernehmen, die auch als Lehrer an der Musik- und Kunstschule Winnenden angestellt sind.

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