Winnenden

Bäcker mit politischer Botschaft - Günther Weber im Interview

Hädecke Buchverlag
Bäckermeister Günther Weber und sein Bruder Rainer beim Zeichnen. © Reinhold Schumann

Am Lessing-Gymnasium gibt es ein Literaturprojekt, geleitet von Lehrer Martin Baier. Schüler schreiben Porträts über verstorbene und lebende Schriftsteller aus Winnenden. Manchmal führen sie auch Interviews. Eines, von der Zehntklässlerin Marisa Früh, dürfen wir mit Genehmigung des Bäckermeisters Günther Weber hier gekürzt abdrucken. Er wohnt und arbeitet auf dem Lorettohof bei Zwiefalten.

Was waren Ihre Lieblingsorte als Jugendlicher in Winnenden?

Wir waren früher sehr viel im oberen Zipfelbachtal spazieren, das war eine Gegend, die mir sehr gut gefallen hat. Das ist unterhalb von Breuningsweiler, das war sehr schön. Lieblingsplätze hatte ich sonst nicht so, mir haben viele Orte gefallen.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken?

Ich war am Georg-Büchner-Gymnasium, da ist mir sehr in Erinnerung geblieben, dass wir dort ein Schülerkabarett hatten. Das hat damals Gustav Neumahr initiiert und war ein recht großer Erfolg. Es war ein relativ „braves“ Kabarett mit zum Teil fertig eingekauften Texten, hat aber trotzdem viel Spaß gemacht. Das war so die Zeit um 1969/70, als relativ viel Rebellion und Unruhe in uns Schülern steckte. Die Texte, die wir selbst verfasst haben, waren kritisch über unseren Schulalltag, über unsere Lehrer oder über unseren Kampf um eine Raucherecke. Im Jahr drauf haben wir verlangt, dass wir Schüler das Kabarett ganz allein gestalten dürfen. Da hat dann aber die Schulleitung Lunte gerochen, dass wir da wahrscheinlich einen großen Eklat inszeniert hätten; die haben das alles verhindert und das war dann das Ende des Schülerkabaretts (lacht).

Was waren dann ihre Beweggründe, eine Bio-Bäckerei zu eröffnen?

Zu dem Zeitpunkt hat sich sehr viel in der Gesellschaft bewegt. Mein Bruder und ich sind annähernd gleich alt und wir wurden schon einige Male gefragt, ob wir die Bäckerei unseres Vaters weiterführen würden. Daran hatten wir aber eigentlich kein Interesse und sind dann mit der damals beginnenden Anti-Atomkraft-Bewegung in Beziehung gekommen, wir waren damals bei den Kämpfen in Wendland zum Teil dabei und da haben wir darüber diskutiert, was anders werden müsste. Dass wir eine andere Landwirtschaft und einen anderen Umgang mit der Umwelt brauchen, und da ist uns eines Tages ein Licht aufgegangen, dass es, wenn es ökologisch arbeitende Bauern gibt, dass es dann auch Handwerker geben muss, die diese Produkte weiterverarbeiten. Das war der Grund, dass wir gesagt haben, unter solchen Vorzeichen können wir uns das Leben als Bäcker vorstellen. Das hatte also auch einen politischen Hintergrund.

Wie haben die Winnender auf die neue Bio-Bäckerei reagiert? Waren sie begeistert oder waren sie erst mal noch etwas misstrauisch?

Nun ja, die Bäckerei meiner Eltern war ja eine kleine Stadtteilbäckerei an der Ecke, war gut eingeführt und hatte einen guten Ruf. Wir waren klug genug, das weiterzuführen und da nicht so einen harten Schnitt zu machen, sondern wir haben gesagt, dass wir weiterhin Weber heißen und weiterhin auch die berühmten Weber-Brezeln machen. Also, die Leute sind dann gerne weiterhin gekommen, sie haben uns junge Bäcker ja gekannt und gleichzeitig war das der richtige Moment, mit einem Öko-Programm anzufangen. Wir haben dann aus der ganzen Stadt die wenigen fortschrittlich und ökologisch denkenden Menschen auch als Kunden zu uns in den Betrieb bekommen. Es war ideal, diese beiden Dinge zusammenzubringen, von der Zeit her und wegen der Kombination von traditioneller Bäckerei und wegen des ökologischen Gedankenguts.

Sie sind ja auch Autor. Nun ja, einen schreibenden Bäcker findet man ja nicht alle Tage. Wie sind Sie überhaupt zum Schreiben gekommen?

Aufsätze schreiben war schon ab der dritten Klasse meine Lieblingsbeschäftigung, das konnte ich gut und das habe ich auch gerne gemacht. Das hat mich dann so mein Leben lang begleitet, als ich auf Reisen war, hab ich immer ausführlich Tagebuch geschrieben und als wir dann die ökologische Kollektivbäckerei gegründet haben, habe ich schnell den Posten zugeschoben bekommen, die Veröffentlichungen zu schreiben. Da hat man dann auch Formen ausprobiert, hat das als Comic gestaltet. Das war einfach mein Thema.

Aber als Bäcker waren Sie ja zeitlich oft sehr eingespannt. Wie haben Sie dennoch Zeit zum Schreiben gehabt?

Die habe ich natürlich nicht immer gefunden (lacht). Aber als wir die Bäckerei vom Familien- in den Kollektivbetrieb überführt haben, war eigentlich die Zielsetzung, jeder von uns will nicht mehr als vier Tage in der Woche arbeiten, damit man noch Zeit für andere Dinge hat. Das ließ sich nicht gleich in der Anfangszeit verwirklichen, aber in den späteren Jahren, als ich noch in Winnenden war, hat man das so machen können. Da hatte ich dann auch mehr Zeit, mich um mein politisches Engagement oder um das Schreiben zu kümmern. Hier auf dem Lorettohof ist es ganz ähnlich, wir haben immer drei bis vier sehr intensive Arbeitstage in der Woche und zwei bis drei Tage, an denen es ruhig zugeht. In diesen Tagen kann man sich mit Dingen außerhalb der Backstube beschäftigen.

Das ist ja auch wichtig, dass man auch mal Zeit für was anderes hat und den Kopf etwas frei bekommen kann.

Ja, ich glaube, sonst wäre auch der Beruf Bäcker kein Lebensthema gewesen, wenn das wirklich nur die Beschränkung auf diese handwerkliche Tätigkeit wäre.

Auf diesen Punkt würde ich in meiner nächsten Frage gerne noch genauer eingehen. Sie haben ja in Ihrem Buch „Zopfbrot mit Blaulicht“ geschrieben, dass Sie „widerwillig und aus Ratlosigkeit“ das Handwerk Ihres Vaters erlernt haben. Was hat Sie danach doch noch so an diesem Beruf fasziniert, dass Sie dabeigeblieben sind?

Eigentlich war es das, dass ich mit den Leuten, die das mit mir zusammen gemacht haben, dass wir einfach verstanden haben, was für Möglichkeiten in dem Beruf, aber auch in so einem selbstständigen Betrieb stecken. Für uns war immer spannend, was wir unserer Kundschaft vermitteln können, wie weit diese mitgeht, wenn wir uns in politische Dinge einmischen. Ohne das wäre der Beruf für mich nur vorübergehend gewesen. Dass man einspringen konnte, wenn der Vater mal nicht konnte. Ich wusste damals noch nicht, wo es für mich eigentlich hingehen sollte. Aber wenn der Beruf keine gesellschaftliche Perspektive geboten hätte, als selbstständiger, kollektiver Betrieb, dann hätte mich der Beruf, glaube ich, nicht so sehr interessiert.

Okay, das ist ja ein interessanter und spannender Sinneswandel gewesen. Bleiben wir zunächst bei Ihrem Buch, darin haben Sie ja auch viel von Ihren Reisen erzählt, unter anderem nach Mittelamerika, Afrika und in die Türkei. Welche der Reisen hat Sie am meisten geprägt?

Puh ... schwierig. Vermutlich die erste lange Reise, die nach Afrika. Da war ich damals 15 Monate unterwegs, das war die Zeit nach der Schule und Berufsausbildung, wo ich zum ersten Mal ganz alleine in der Welt stand und mich durch ziemlich wilde Gegenden allein durchwühlen musste. Ich glaube, das hat mich persönlich am meisten geprägt.

Die Reisen, von denen Sie in Ihrem Buch erzählen, hören sich interessant und spannend an, man bekommt viel von anderen Ländern mit. Welche Art von Leserinnen und Lesern wünschen Sie sich und was wollen Sie mit Ihrem Buch bewirken?

Hm ... Es ist ja die Kombination aus einem Bäckerleben und aus dem Zusatznutzen. Ich habe auch aus meiner Praxis ein paar Rezepte dazugegeben, beispielsweise, wie man was ohne Backmittel backen kann. Das ist so ein bisschen das Anregende. Ich habe nicht wirklich ein Zielpublikum vor Augen, sondern ich denke, Leute, die beide Dinge interessieren, die sich einfach gerne eine Geschichte erzählen lassen und die sich fürs Backen und einen ökologischen Lebensstil interessieren, für die dürfte das Buch interessant sein. Was ich damit bewirken möchte, ist da ja auch schon ein bisschen miteingeschlossen.

Und wie fühlen Sie sich, wenn Sie hören, dass die Bäckerei Weber bis heute erfolgreich in Winnenden vertreten ist?

Ich freue mich natürlich sehr. Ich bin ja persönlich noch sehr verbunden, es gibt immer noch vier Personen, die da heute noch arbeiten, mit denen ich vor 23 Jahren schon zusammengearbeitet habe. Deshalb sieht man mich da auch immer mal wieder, in unserer Winterpause komm ich gerne mal wieder runter nach Winnenden. Es gab kritische Zeiten, gerade kurz nachdem meine Frau und ich 1997 weggegangen sind. Da dachten wir, wir hätten ein ganz geordnetes Erbe hinterlassen, dann haben aber zwei bis drei andere Personen im Konflikt die Gruppe verlassen und dann sah es sehr schwierig aus! Wir hatten wenig Hoffnung, dass der Betrieb über die ganze Zeit zu halten ist und dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Bäckerei Weber einer von diesen großen „Tankern“ zu sein scheint. Wie ein großes Schiff, das auf seinem Kurs ist, das wird durch kleine Schwankungen oder durch ein kleines Bremsmanöver gar nicht aus der Spur gebracht, sondern trägt sich praktisch selber, das war damals so mein Eindruck. Ich bin immer wieder sehr positiv überrascht, wenn ich nach Winnenden komme, von der Qualität der Backwaren und auch von der Stimmung her, die sich, wie das ganze Programm, bis heute gehalten hat.

Ich würde gerne auf eine Ihrer Backwaren ganz besonders eingehen, die Sandino-Seelen. Die sind bis heute den älteren Bürgern von Winnenden bekannt. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine Geschichte für sich (lacht). Diese Seelen hat ein junger Kollege mitgebracht, der damals eingestiegen ist, der kam aus Oberschwaben, dort sind die Seelen eigentlich her. Er hat uns die Vollkornversion als Rezept gegeben und wir fanden sie alle gut. Dann war die Frage, was diese Seelen für einen Namen bekommen sollten und wie wir sie interessant machen könnten. Ich war damals sehr in der Solidaritätsarbeit mit Mittelamerika engagiert, ich hatte sehr viel mit Nicaragua zu tun. Ich saß eines Sonntagmorgens am Schreibtisch und hatte einfach die Aufgabe, für das nächste Plenum ein Konzept zu erarbeiten, wie man diese Seelen vermarkten kann. Es ging darum, dass diese Seelen, wenn sie gebacken waren, sich sehr lange frisch halten. An dieser Idee habe ich dann ein wenig rumgesponnen, es war so eine Schnapsidee (lacht). Ich kam dann auf Augusto César Sandino aus Nicaragua, der in den 1930er Jahren ein Revolutionär war, und ich habe gesagt: So wie sich seine Ideen bis 1979 frisch gehalten haben, so halten sich auch unsere Seelen frisch, und dann war mein Vorschlag an unser Plenum, dass wir die Sandino-Seelen nennen. Weil das so ein Name war, der in aller Munde war und weil es ein bisschen moralisch bedenklich ist, so einen politischen Namen einfach auszuleihen, war dann die Idee, dass damals 10 Pfennig an die Revolution in Nicaragua gingen. Also ging sechs oder acht Jahre lang das Geld, das wir mit diesen Seelen zusätzlich verdient haben, nur nach Nicaragua. Später hat man dann in der Gruppe beschlossen, dass wir die Spenden, die sich ansammeln, jährlich neu an fortschrittliche Projekte vergeben. So ist es beim Verkauf der Vollkorn-Seelen bis heute.

Eine sehr gute Verkaufsidee. Jetzt sind Sie aber bald im wohlverdienten Ruhestand, werden Sie weiterhin backen, wenn ja, was werden Sie backen?

Für dieses Jahr beziehungsweise diese Saison werde ich noch im Betrieb dabei sein, meine Frau noch etwas länger. Damit wir die Nachfolger gut einarbeiten und mit der Kundschaft bekanntmachen können. Ich denke, ich kann ganz gut auch ohne das Backen leben. Ich bin nicht der, der dann aus Langeweile einmal in der Woche ein Brot backen muss. Wenn man das im großen Stil lange gemacht hat, muss man das nicht auf Haushaltsniveau zwanghaft weiterführen. Ich werde es wahrscheinlich nur machen, wenn ich eine Idee habe, die ich gerne mal ausprobieren will.

Das ist auch gut so, man hat dann lange genug in dem Beruf gearbeitet, irgendwann reicht es auch. Arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt?

Nicht wirklich, aber ich habe natürlich eine Schublade, in der noch einige unveröffentlichte Sachen drin sind. Ich werde auch dieses Jahr, wie schon seit vier Jahren, eine kleine Lesung im Sommer in unserer Gartenwirtschaft machen, dafür sammle ich jetzt schon Geschichten, die man da vorlesen könnte. Aber das hat jetzt noch kein konkretes Ziel, ein neues Buchprojekt oder so. Das lasse ich auf mich zukommen.

Ich bin gespannt, was noch von Ihnen kommt. Zum Schluss habe ich noch eine Frage: Gibt es etwas, das Sie sich für Winnenden wünschen?

Ich bin in den letzten Jahren sehr verbunden mit den Leuten, die dieses Mehrgenerationen-Projekt „Mittendrin, Nahdran“ auf die Beine gestellt haben, das ist ja direkt neben der Bäckerei Weber errichtet worden. Denen wünsche ich einen guten Start, wenn die da jetzt einziehen. Die haben ja durchaus auch so Ambitionen, mit Veranstaltungen auch ein bisschen gesellschaftliche Arbeit zu machen. Das, denke ich, würde der Stadt recht guttun.

Am Lessing-Gymnasium gibt es ein Literaturprojekt, geleitet von Lehrer Martin Baier. Schüler schreiben Porträts über verstorbene und lebende Schriftsteller aus Winnenden. Manchmal führen sie auch Interviews. Eines, von der Zehntklässlerin Marisa Früh, dürfen wir mit Genehmigung des Bäckermeisters Günther Weber hier gekürzt abdrucken. Er wohnt und arbeitet auf dem Lorettohof bei Zwiefalten.

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