Winnenden

Babyboom im Rems-Murr-Kreis

Babyboom im Rems-Murr-Kreis_0
Das Licht der Welt erblickt. © Kotin Dmitrii/Fotolia/llhedgehog

Backnang/Winnenden. Kindersegen für Deutschland: Bundesweit sind zuletzt so viele Babys geboren worden wie seit 1996 nicht mehr. Dieser Trend zeigt sich auch im Landkreis. In den Rems-Murr-Kliniken ist die Zahl der Geburten im vergangenen Jahr um sieben Prozent gestiegen. Das Backnanger Hebammenhaus ist schon wenige Monate nach der Eröffnung überlastet.

Gerade mal ein gutes halbes Jahr hat das Backnanger Hebammenhaus geöffnet, schon sind die Geburtshelferinnen vor Ort überlastet. „Wir wissen nicht, wohin mit uns“, sagt Leiterin Nicole Strobel. „Die Nachfrage lässt sich gar nicht mehr decken. Teilweise müssen wir auch Frauen absagen.“ Verwunderlich sei das nicht. Die Geburtenzahlen im Landkreis steigen stetig – genau wie im Rest der Republik.

„Der Trend geht zur Drei-Kind-Familie“

Davon zeugen auch die Statistiken der Rems-Murr-Kliniken. Im Jahr 2015 kamen an den beiden Standorten in Winnenden und Schorndorf insgesamt 2164 Kinder zur Welt. Im Jahr 2016 waren es bereits 2522. Dieser Trend setzte sich auch im Jahr 2017 fort: Im Vergleich zum Vorjahr hat die Geburtenrate insbesondere am Klinikum Winnenden um weitere sieben Prozent zugelegt.

„In Teilen ist das ganz logisch mit der Bevölkerungspyramide zu erklären“, sagt Nicole Strobel. „In den 60er Jahren gab es extrem geburtenstarke Jahrgänge. Die haben in den 80ern Kinder bekommen und werden eben jetzt Großeltern.“ Zudem habe die Politik – beispielsweise mit der Einführung des Elterngeldes – finanzielle Anreize für junge Familien geschaffen. „Der Trend geht zur Drei-Kind-Familie.“

Tendenz zu mehr Zuwanderung und spätem Kinderwunsch

Die Statistik liefert jedoch auch zwei weitere wesentliche Faktoren, die zum anhaltenden Babyboom beitragen: „Das Statistische Bundesamt führt diese Entwicklung vor allem auf späte Kinderwünsche und Migration zurück“, erklärt die Pressesprecherin der Rems-Murr-Kliniken Monique Michaelis.

„Der Trend, dass die Geburtenhäufigkeit bei Erstgebärenden im Alter zwischen 30 und 37 Jahren ansteigt, ist auch in unseren Kliniken spürbar.“ Als sogenanntes Perinatalzentrum Level 1 hat das Klinikum Winnenden sich auf die statistisch leicht erhöhten Geburtsrisiken bei Spätgebärenden eingestellt.

„Wir bieten dieser Gruppe von Frauen die medizinisch höchstmögliche Sicherheit. Mit den modernsten Methoden und spezialisierten Ärzten sowie einer räumlich verbundenen Entbindungsstation, einem Operationssaal und einer Neugeborenen-Intensivstation.“ Auch Nicole Strobel meint: „Das Phänomen ‚Alte Mutter‘ ist heute längst kein Skandalthema mehr. Ich selbst betone immer wieder, dass es etwas völlig Normales und Natürliches ist, dass Frauen auch mit Mitte 30 noch Kinder bekommen.“

"Priorität hat, seine Kinder erstklassig versorgt und ausgebildet zu wissen“

Was die Zahl der ausländischen Mütter betrifft, scheint der Landkreis ebenfalls dem deutschlandweiten Trend zu entsprechen: Ein Anstieg der Geburtenziffer pro Frau mit ausländischer Staatsangehörigkeit sei laut Monique Michaelis durchaus erkennbar.

Von einem statistischen Wert von 1,5 Geburten im Jahr 2016 sei sie in den Rems-Murr-Kliniken auf 1,59 Geburten im Jahr 2017 angewachsen. Tendenz steigend. „Das ist schlicht eine Frage der Kultur“, erklärt Nicole Strobel. „Je weiter man nach Süden beziehungsweise auch nach Südosten schaut, desto mehr gilt eine kinderreiche Familie als Ideal. Menschen aus unseren europäischen Nachbarländern erlebe ich persönlich zurückhaltender. Da gleicht die Einstellung eher unserer Einstellung hier in Deutschland. Priorität hat, seine Kinder erstklassig versorgt und ausgebildet zu wissen.“

„Wir merken jetzt, dass es zu wenig Hebammen gibt"

Genau hier sieht die Hebamme mit den höheren Geburtenraten jedoch auch Probleme auf den Landkreis zukommen. „Es ist immer schwierig, wenn sich eine solche Tendenz zeigt und die Reaktion darauf zeitverzögert erfolgt“, sagt sie.

„Wir merken jetzt, dass es zu wenig Hebammen gibt. Es dauert aber natürlich, bis neue Kolleginnen ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Da entsteht zwischenzeitlich unweigerlich ein Engpass.“ Sie klage da nicht nur stellvertretend für ihren Berufsstand. „Bei uns zeigt sich der Mangel zwar als Erstes. Das setzt sich dann aber fort: zu wenig Kita-Plätze, zu wenig Lehrer – alles absehbar.


Hebammen künftig noch stärker gefragt

Zu wenig Kita-Plätze, zu wenig Lehrer? Auf der politischen Agenda des Landkreises scheint das Thema bis dato noch nicht aufzutauchen. „Bisher sehen wir die steigenden Geburtenraten nicht als Problem“, so Leonie Ries von der Pressestelle des Rems-Murr-Kreises. Maßnahmen, die Mängeln im Bildungs- und Betreuungssektor entgegenwirken, seien aktuell nicht geplant. „Schade!“, meint Nicole Strobel. „Hier hätte man von den vorherigen Generationen lernen können.“

Zumindest die Rems-Murr-Kliniken haben laut Monique Michaelis aber bereits reagiert. „Aktuell können wir der gestiegenen Geburtenrate mit unseren Kapazitäten auch bei steigender Tendenz noch gerecht werden. Damit auch bei zukünftig weiter steigenden Geburtenzahlen die personellen Ressourcen nachhaltig gesichert sind, haben wir im Oktober 2017 eine eigene Hebammenschule gegründet und bilden unseren Nachwuchs in diesem Bereich seither selbst aus.“