Winnenden

Bach goes international in der Schlosskirche

Bach und Trommeln
Solisten und Kantorei unter der Leitung von KMD Gerhard Paulus brillierten in der Schlosskirche. © Stadt Winnenden / Stephan Haase

Winnenden. „Bach goes international“ als musikalische Öffnungsgeste zum Lutherjahr? Hübsche Idee, die aber leider eine recht unbeholfene Umsetzung erfuhr. An den drei im Einzelnen jeweils begeisternden Mitwirkenden des Projekts hat es dabei gewiss nicht gelegen.

Video: Die Winnender Kantorei und das Collegium Musicum an der Schlosskirche, dirigiert von Gerhard Paulus, spielen mit der Band Brighter Future aus dem Flüchtlingsheim das Stück von Johan Sebastian Bach BWV 79 "Gott, der Herr, ist Sonn und Schild".

Solisten und Kantorei unter der Leitung von KMD Gerhard Paulus brillierten in der voll besetzten Schlosskirche mit drei Bach-Kantaten, das Cristina Marques Trio bezauberte mit einer brasilianischen Referenz an Bach von Villa-Lobos und die vier afrikanischen Percussionisten um Sebastian Kiefer in der „Brighter Future Band“ brachten mit ihrem kurzen Beitrag eine ganz eigene, enthusiastische Spiritualität zum Klingen. Zusammen aber ergab das seltsamerweise keine wirkliche Begegnung, sondern blieb unberührt nebeneinander stehen. Kein Funke, nirgends. Der Bach bewegte sich nicht!

Die glaubensaufrüttelnde Wucht der Reformationskantaten

Was für eine Klarheit im Reichtum der Stimmen von Bachs Reformationskantaten und was für eine musikalische Wucht, mit der die markigen Lieder vom Komponisten gefasst wurden! Was KMD Paulus da zu den Konzerttagen mit seinem großen, hellen Chor und den herausragenden Solisten und einem kleinen, feinen Orchester gelang, war in seiner glaubenaufrüttelnden Wucht ein ergreifendes Hörerlebnis.

Auch, und vielleicht umso mehr, wenn man die uns fremde und doch wieder nahe, buchstäblich auf den Leib gerückte Kampf- und Kriegsrhetorik der alten Lieder auf sich wirken ließ. Von „Christi Blutpanier“ ist da und vom „Kriege wider Satans Heer“ die Rede – es ist unsere Tradition. Und es schaudert uns doch bei jeder Neu-Begegnung. „Alles, was von Gott geboren, ist zum Siege auserkoren.“ Und ja, da gibt es auch die verzweifelt-innigen Rufe. „Verleih uns Frieden gnädiglich“; und mit einladender Geschwistersüße fleht die Sopranistin „Komm in meines Herzenshaus“.

Den „Glanz des Mondes“ in die Herzen des Publikums gelegt

Hätten diese Ambivalenzen nicht vielleicht der Ausgangspunkt für ein wirkliches (musikalisches) Gespräch mit den brasilianischen und afrikanischen Ausprägungen von Religiosität werden können? Vielleicht durch einen die verschiedenen Konzertteile verbindenden und reflektierenden Redner?

So jedenfalls standen die wie ferne Naturlaute heranwehenden „Bachianas Brasilieras“ von Heitor Villa-Lobos ein wenig allzu unverbunden in der schönen Schlosskirche. So kunstvoll das sanft kammerjazzige Trio um die Sängerin Cristina Marques (Klavier Frank Eberle, Kontrabass Marcus Bodenseh) hier auch mit einem wunderschönen Lied den „Glanz des Mondes“ in die Herzen seines Publikums legte.

Ein schönes, offenes Experiment

Durchaus mutig eigentlich, ein schönes, offenes Experiment, die Trommler aus in Winnenden lebenden Flüchtlingen zur Kantate „Gott, der Herr, ist Sonn und Schild“ ins Orchester zu bitten und dann mitten im Choral – nach „Nun danket alle Gott, mit Herzen und mit Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden“ – der Bach'schen Dynamik eine polyfone sowohl Fortführung wie Entgegensetzung durch afrikanische Polyrhythmik auszusetzen. Schön zu sehen, wie dadurch bald viele Chorsänger ihre Körper in ein sympathetisches Mitschwingen brachten. Aber nach dieser kurzen Infusion ging es mit Bach pur machtvoll weiter – als sei nichts gewesen. Was aber hätte denn sein können?

Samstagnacht

Bei der Winnender Musiknacht treten in 20 Locations zwischen 20 und 1 Uhr unterschiedliche Bands auf. Der Eintritt ist frei. Die afrikanischen Trommler der Brighter Future Band treten am Samstag, 11. Februar, im Simba an der Ringstraße auf. Alle Bands und Locations finden Sie in unserem Rundgang.

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