Winnenden

Backnanger Extremismus-Streit

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Symbolbild © Anne-Katrin Walz
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Redakteur Peter Schwarz.

Backnang. „Wir wünschen uns, dass die Schule auch Stellung gegen linken Extremismus bezieht“: Zu den Nazi-Schmierereien am Backnanger Berufschulzentrum hat sich nun nach der Antifa noch eine weitere Gruppe zu Wort gemeldet. Sie bezeichnet sich als Zusammenschluss aktueller und ehemaliger Schüler und behauptet: An der Schule herrsche ein einseitig linksfreundliches Klima.

Unbekannte Sprüher haben in der Nacht auf den 21. September das Backnanger Berufschulzentrum heimgesucht mit aggressiv rassistischen Parolen – eine Gruppe namens „Antifaschistische Linke Rems-Murr“ prangerte daraufhin in einem „offenen Brief“ die Schule an: Es sehe so aus, als habe dieser rechtsextreme Farbanschlag „totgeschwiegen“ werden sollen. Gar so „offen“ war der Brief allerdings nicht: Ein konkreter Absendername fehlte, das Schreiben war, abgesehen von der vagen Antifa-Selbstkennzeichnung, anonym.

Die Berufschulleitung antwortete detailliert: Sie habe den Vorfall nicht unter den Teppich gekehrt, sondern sofort bei der Polizei angezeigt und in einem Schul-Aushang thematisiert; und das Kollegium habe im Unterricht mit den Schülern darüber gesprochen.

Keine Hetze beschönigen, aber...

Nun ist uns per Mail ein weiterer „offener Brief“ zugegangen, mit dem genau umgekehrten Vorwurf: Die Schule tue nicht genug gegen Linksextremismus. Unterzeichnet: „Freundliche Grüße, Schülerinnen, Schüler und Ehemalige des Berufsschulzentrums Backnang“. Wie im Antifa-Schreiben steht also kein konkreter Mensch dafür gerade. Es gibt zwar eine Mail-Absenderadresse, die einen Namen beinhaltet; was dessen Authentizität betrifft, bestehen indes Zweifel. Ein „Herr dieses Namens“ sei ihm nicht bekannt, weder als aktueller noch als ehemaliger Schüler, erklärt Wolfgang Waigel, koordinierender Schulleiter des Berufschulzentrums in Backnang.

„Wir wollen in keiner Weise Hetze, Ausgrenzung oder Nazischmierereien beschönigen“, heißt es im neuen Brief. Aber ...

Zwei Vorwürfe – was ist dran?

Vorwurf eins: Am Backnanger Berufschulzentrum werde „ein einseitiges Klima geschaffen“. Im Unterricht müssten „viele“ Schüler „fürchten, sofort in die Nazi-Ecke gestellt zu werden“. Eine „gelebte Diskussionskultur“ finde „in vielen Klassen nicht mehr statt“. Manche Schüler „trauen sich nicht mehr, offen ihre Meinung zu vertreten“ – unter anderem aus „Angst vor schlechterer Benotung durch Lehrer, welche in der Klasse offen Meinungen des Linksaußen-Spektrums vertreten“.

Vorwurf zwei: Es gebe „eine Serie der Gewalt“ gegen Leute, die „nicht in das Weltbild einiger linker Schüler passen“ – und „diese Gewalt traf nun vermehrt auch schon Schüler und Ehemalige des Berufsschulzentrums“. Der Brief nennt drei Fälle: Im Juni wurde einem 20-Jährigen beim Backnanger Straßenfest das Nasenbein gebrochen; im September traktierten Vermummte einen Mann, der sich als „Patriot“ bezeichnet, am Rande der Winnender Demo gegen Rassismus mit Pfefferspray; und im Februar 2016 wurde in Ossweil ein Jugendlicher verprügelt. Die Briefautoren fordern: „Wir hoffen, dass die Schulleitung erkennt, dass es nicht nur ein Problem mit rechts gibt, sondern ein Problem mit Gewalt!“

Was ist da dran? Hören wir, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet – und wie wir es auch nach dem Antifa-Brief gehandhabt haben –, die andere Seite.

Einseitiges Klima? „Das kann ich nicht nachvollziehen, ganz ehrlich nicht“, antwortet Wolfgang Waigel, koordinierender Schulleiter des Berufschulzentrums. „Uns ist wichtig, das wir eine offene Diskussionskultur haben.“ Jeder dürfe seine Meinung sagen; und jeder müsse Widerspruch aushalten können. „Kein einziger Schüler“, sagt Waigel, habe sich je bei ihm beschwert, von Lehrern wegen seiner Einstellung unfair niedergemacht worden zu sein. Der Verdacht aber, dass es Kollegen gebe, die schlechte Noten wegen unerwünschter Gesinnung geben, sei „völlig absurd“.

Gibt es im Landkreis eine „Serie der Gewalt“ gegen Leute, die nicht links sind? „Sehe ich nicht“, kommentiert ein Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen. Ein Streit beim Backnanger Straßenfest, eine Konfrontation nach einer Demo, ein Vorfall in einem anderen Landkreis vor zweieinhalb Jahren – daraus eine Serie zu konstruieren, „das können wir nicht nachvollziehen“.


Ab in den Papierkorb
Kommentar von Peter Schwarz

Erstens: Die Rechtsvertuschungsvorwürfe der Antifa gegen das Berufschulzentrum haben sich als haltlos entpuppt und sind gründlich widerlegt.

Zweitens: Die Linksverharmlosungsvorwürfe der Schülergruppe gegen das Berufschulzentrum sind, da Belege komplett fehlen, eine reine Luftnummer.

Drittens: Anonym ist feige, ob rechts oder links – weitere Mails dieser Art verschieben wir in den Mülleimer.