Winnenden

Backpfeifen in der Backstube

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Waiblingen/Winnenden. Über eine Prügelei in der Backstube hatte das Amtsgericht Waiblingen zu befinden. Doch am Ende sahen Richterin und Staatsanwältin keinen Nachweis für eine gefährliche Körperverletzung. Zwei Kollegen sind in der Produktionshektik in Streit geraten und haben sich gegenseitig Backpfeifen gegeben.

Richterin Christel Dotzauer stellte unter Zustimmung der Staatsanwältin und des Angeklagten das Verfahren mit der Begründung ein: Es besteht kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung. Sie bat die beiden Kontrahenten aber, sich nochmals mit dem Vorgesetzten zusammenzusetzen, um die Hierarchie eindeutig zu klären.

"Wir sind beide nicht unschuldig“

Der Beschuldigte, ein 29-jähriger Bäckergeselle ohne jegliche Vorstrafe, kündigte nämlich an, sich nach einer anderen Stelle umzuschauen, wenn der andere nicht aufhöre mit dem „Rumgefoppe: Du hast deinen eigenen Kopf, gibst Widerworte, machst es anders, als wir alle besprochen haben“, sagte er dem als Zeugen geladenen Geschädigten.

„Dabei trage ich die Verantwortung für die reibungslosen Abläufe in der Produktion.“ Ansonsten bedauerte der Bäcker, dass sein Kontrahent durch den Vorfall Schmerzen hatte. „Der Polizei hatte ich damals gesagt, dass wir beide nicht unschuldig sind.“

Drei Wagen, jeder 90 Zentimeter lang und 1,90 Meter hoch

Ein weiterer Kollege bestätigte, dass der Zorn des Beschuldigten durchaus gerechtfertigt war, und auch, dass die Wut bis heute gärt wie ein gut geführter Sauerteig: „Morgens ist in der Bäckerei immer viel los, der Teigmacher braucht seinen Platz. Wir haben intern die Regel, dass man mit den Wagen außen rum geht oder höchstens zwei auf einmal nimmt.“

Der Geschädigte aber versuchte, schnell zu sein, den Weg abzukürzen, und wollte auch noch drei Wagen, jeder 90 Zentimeter lang und 1,90 Meter hoch, durch die Engstelle bugsieren. Dabei erwischte er im Oktober des vergangenen Jahres den Beschuldigten schmerzhaft am Steiß.

"Als er zu Boden ging, ließ ich von ihm ab“

„Ich hatte wegen der lauten Maschinen nicht gehört, dass er was gesagt oder ,Vorsicht!’ gerufen hätte, und beschwerte mich“, schilderte der Angeklagte. Der Kollege unterstellte ihm jedoch, er habe sich absichtlich in den Weg gestellt, und schuckte ihn, so dass der Bäcker mit Rücken und Kopf gegen eine Teigmaschine prallte.

„Ich hielt ihm meinen Besen mit den Borsten entgegen, und das war auch der einzige Einsatz gegen meinen Kollegen damit“, sagte der 29-jährige Angeklagte. „Ich kassierte zwei bis drei Schläge und schlug mit meiner freien Faust zurück auf seinen Kopf. Als er zu Boden ging, ließ ich von ihm ab.“

„Und dann ist es eskaliert“

Der an der Prügelei unbeteiligte Kollege rannte aufgrund lauten Gebrülls hin, machte die Maschinen aus und trennte die beiden. Einen Schlag mit der Hand durch den Angeklagten habe er gesehen, aber keinen Schlag mit dem Besenstiel, der im Übrigen aus Aluminium sei.

Der geschädigte Bäckergeselle erhielt von der Richterin die vertrackte Aufgabe, die Wahrheit zu sagen, er müsse sich dabei aber nicht selbst belasten. Jener räumte ein, seinen Kollegen mit den Wagen gerammt zu haben, unabsichtlich, „und dann ist es eskaliert“.

Schmerzen in Unterarm, Rücken, Kiefer und Kopf

Seiner Meinung nach sauste die Besenstange auf ihn, als er schon am Boden lag – „ich blutete am Kopf und war dann gleich im Krankenhaus“. Die Richterin las den Arztbericht durch und betrachtete Fotos, „Blut ist nicht zu sehen, eine Beule ist vorstellbar“, sagte sie und wunderte sich: „Der hat sie aber gründlich durchgecheckt, mein lieber Mann!“ Der Bäcker berichtete von Schmerzen in Unterarm, Rücken, Kiefer und Kopf. Zwei Wochen war er krankgeschrieben, die Kopfschmerzen waren vier Wochen später immer noch nicht weg. Inzwischen gehe es ihm aber wieder gut.

Der Geschädigte betonte, er wolle in der Bäckerei friedlich weiterarbeiten und mit niemandem Streit. Er gab zu, dass sein Kollege mehr Verantwortung habe, und versprach, nun keine drei Wagen mehr durch die Engstelle zu schieben. „Es tut mir auch leid, dass mein Kollege Schmerzen hatte.“ Auch der Angeklagte war zwei Tage nach der Prügelei beim Arzt vorstellig geworden und hatte seine Prellungen dokumentieren lassen – „ich hatte ja gedacht, wir reden am nächsten Tag darüber. Aber dann stand schon die Polizei in der Firma.“