Winnenden

Bankräuber von Winnenden fleht um Vergebung

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In Winnenden wurde am 12.12.2016 die Volksbank in der Marktstraße überfallen. © Leonie Kuhn

Winnenden/Stuttgart. Das Landgericht Stuttgart hat den 19-Jährigen Winnender Bankräuber mit einer Bewährungsstrafe davonkommen lassen. Ein „absoluter Ausnahmefall“, wie der Vorsitzende Richter Joachim Holzhausen sagte. Er hielt dem reuigen, geständigen Buben eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen hatte: Er sei nichts weiter als ein kleiner Junge, der „den Arsch nicht hochkriegt“.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass der Angeklagte nicht über altersgemäße Reife verfüge; er wirke und verhalte sich eher wie ein 15- oder 16-Jähriger. Deshalb verhängte die 3. Große Jugendkammer am Landgericht Stuttgart eine Jugendstrafe. Wegen schwerer räuberischer Erpressung muss der junge Mann für zwei Jahre ins Gefängnis - allerdings nur, wenn er gegen diverse Auflagen verstößt. Das Gericht hat ihm zunächst Vorbewährung gewährt.

In U-Haft ein Entschuldigungsbrief geschrieben

Der Angeklagte trat als reuiger Sünder auf. Er flehte regelrecht um Vergebung; aus der U-Haft heraus hatte er zudem einen Entschuldigungsbrief geschrieben.

Am 12. Dezember vergangenen Jahres packte der 19-Jährige eine gestohlene, nicht geladene Schreckschusspistole und eine Plastiktüte ein. Damit marschierte er am Nachmittag in die Volksbankfiliale in Winnenden. Ohne Maskierung. Die Bank kannte er, denn er ist dort Kunde. Nachdem die Kassiererin ihm kleinere Scheine ausgehändigt hatte, forderte er noch die großen. Am Ende hatte er etwas mehr als 35 000 Euro beisammen.

Bankangestellte als Zeugin geladen

Die Kassiererin hat den Arbeitsort gewechselt; sie möchte nicht dorthin zurückkehren, wo sie in den Lauf einer Waffe schauen musste. Als die Frau am Mittwoch als Zeugin vor Gericht auftrat, nutzte der Angeklagte die Gelegenheit und bat die Bankangestellte um Verzeihung. Es kam sogar zu einer kurzen Unterhaltung zwischen den beiden. Die Frau wollte wissen, warum er das getan hatte.

Der junge Mann gab an, er habe ein flottes Auto, einen A6 gemietet – wohl, um seiner Freundin zu imponieren. Dann habe er das Auto aber nicht fristgerecht zurückgebracht und in der Folge nicht gewusst, wie er die Rechnung zahlen sollte. Zudem habe er seiner Mutter und seinen Schwestern endlich einmal ein schönes Weihnachtsgeschenk kaufen wollen.

Bekannter aus dem Fußballverein nennt der Polizei den Namen

Als die Polizei ein Foto aus der Überwachungskamera veröffentlicht hatte, auf dem der nicht maskierte Bankräuber gut zu erkennen war, gingen schnell viele Hinweise ein. Ein Fußball-Bekannter, den der Angeklagte sogar vor dem Überfall noch vor der Bank gesehen und gegrüßt hatte, meldete sich bei der Polizei.

Der im Kosovo geborene Bankräuber lief den Beamten zwei Tage nach dem Überfall in Winnenden vor der Wohnung seiner Mutter, bei der er noch lebt, geradewegs in die Arme. Er muss herzzerreißend geweint haben, berichtete ein Zeuge. Es folgten drei Monate U-Haft – für den 19-Jährigen „die Hölle“, wie sein Verteidiger Armin Welten berichtet: „Er hat gelitten wie ein Hund.“

Bereits wegen Diebstahls aufgefallen

Im Plädoyer schlug der Verteidiger schärfere Töne an als die Staatsanwältin – sonst läuft das umgekehrt. „Wir haben hier ein richtiges Verbrechen. Das ist keine Lappalie“, sagte der Rechtsanwalt – und ergänzte: Gäbe es ein Guinness-Buch der dümmsten Straftaten, sein Mandant läge im Ranking nicht weit hinten.

Mehrere Einträge im zentralen Erziehungsregister gereichen dem Angeklagten ebenfalls nicht zur Ehre. 2013 ein versuchter Diebstahl, 2016 gemeinschaftlicher Diebstahl in besonders schweren Fällen. Damals ging es um Einbrüche in einen Jugendtreff und eine Schule in Rommelshausen.

In der Nacht vor dem Bankraub mit Amphetamin im Blut hinterm Steuer erwischt

Weshalb der Tunichtgut so abdriftete, bleibt schwer verständlich. Die getrennt lebenden Eltern des 19-Jährigen kamen 2004 aus dem Kosovo; zum Vater hat der junge Mann regelmäßig Kontakt. Die Hauptschule schloss er passabel ab – doch danach folgte nicht mehr viel: Ein weiterer Schulbesuch, aber keine Ausbildung. Ein ganzes Jahr lang lümmelte der Winnender bloß herum. Dass er mit einem Hauptschulabschluss auf keinen Fall eine Ausbildungsstelle in seinem Wunschberuf Kfz-Mechaniker finde, erklärte ihm der Richter ein ums andere Mal in aller Deutlichkeit. Eine Zeit lang arbeitete der 19-Jährige als Servicetechniker – ging dann aber einfach nicht mehr hin. Mit 17 fing er an, ab und zu Marihuana zu rauchen, wie er sagte. In der Nacht vor dem Bankraub erwischte ihn die Polizei, wie er bekifft und mit Amphetamin im Blut Auto gefahren war.

Die Bank hat das Geld zurückbekommen

Mit der Vogel-Strauß-Methode wird der rechtskräftig verurteilte Bankräuber künftig nicht mehr durchkommen. Er muss von diesem Donnerstag an Arbeitsstunden leisten und sich vor allem endlich ernsthaft um einen Ausbildungsplatz kümmern. Wenn alles gut läuft, kann er im September eine Ausbildung zum Stuckateur beginnen. Die Jugendgerichtshelferin hatte im Vorfeld alles für den reuigen Sünder organisiert. Zugute hielt ihm das Gericht, dass die Bank die komplette Summe zurückbekommen hat. Der Räuber hatte lediglich seiner Mutter einen Goldring gekauft und ein paar Hundert Euro verprasst. Der große Rest war noch da.

Joachim Holzhausen ermahnte den Delinquenten, er solle künftig nicht mehr sinnlos mit Autos in der Gegend herumfahren, die er sich eh nicht leisten könne, und stattdessen arbeiten und vor allem seine Mutter finanziell unterstützen.

Jugendgerichtshilfe

Die Jugendgerichtshelferin hatte für den 19-Jährigen mehr als eine goldene Brücke gebaut, damit er möglichst nicht in Haft bleiben muss - was auch gelang. Sie hatte dafür gesorgt, dass der Tunichtgut sofort am Tag nach der Gerichtsverhandlung beginnen kann, Arbeitsstunden abzuleisten. Demnächst kann der junge Mann zudem einmal pro Woche eine Schule in Backnang besuchen – eigentlich geht das nicht mitten im Schuljahr. Zudem wird der Bankräuber einen sozialen Trainingskurs besuchen. Und er wird sich parallel für Herbst um einen Schul- oder Ausbildungsplatz bemühen müssen.