Winnenden

Beatriz Schaaf-Giesser bietet spannende Kunst im alten Messerwerk Winnenden auf

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Ausstellung
Winnenden: Beatriz Schaaf-Giesser stellt an der Badstraße ihre Kunst aus. © Benjamin Büttner
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Mini-Lungen aus zerknüllten Stofftaschentüchern: Ein Kunstwerk von Beatriz Schaaf-Giesser in ihrem Atelier, der ehemaligen Messerschleiferei. © Benjamin Büttner

Wer will mal in eine Lunge reingehen? Bei der Werkschau im Atelier von Beatriz Schaaf-Giesser bietet eine Installation täglich bis 2. Oktober die Möglichkeit. Und: Vier weitere Künstler/-innen bespielen auf spannende Weise die einstige Giesser-Messerschleiferei der Familie ihres Mannes an der Badstraße 6, nicht weit vom Holzmarkt entfernt: Sebastian Lorenz, Gisela Jäckle, Brigitte Tharin und Helm Zirkelbach.

„Alles dreht sich“ – aus dem Sinnspruch hat die Winnenderin ein Mantra für ein Video gemacht, das bei der 9. Biennale für zeitgenössische Textilkunst in Santiago de Chile den ersten Preis gewonnen hat. Dafür hat Schaaf-Giesser alte Webspulen mit mehrfarbigen Garnen und Wolle umwickelt. In einer Zeit, in der alle innehalten mussten, hat sie sie dann auf Holzplatten gestellt und wie Gebetsmühlen in Drehbewegungen versetzt. Im Off wiederholt eine weibliche Stimme die Verse eines Liedes in spanischer Sprache: „Gira y gira“, alles dreht sich. Bei dem Lied handele es sich um einen Protestsong aus ihrer Kindheit, entstanden zur Zeit der Militärdiktatur in ihrer südamerikanischen Heimat Uruguay.

Beatriz Schaaf-Giesser ist als Tochter deutscher Eltern dort geboren und aufgewachsen. Nach Ausbildung zur Handweberin und abgeschlossenem Textildesignstudium in Reutlingen hat die mehrfach ausgezeichnete Designerin in der Industrie gearbeitet, Teppichkollektionen entworfen und zehn Jahre lang in Oberrot Filzgestalter ausgebildet, bevor sie 1991 nach Winnenden kam und sich in ihrem Atelier über der Werkhalle auf die Arbeit als freischaffende Textilkünstlerin verlagerte.

Die industrielle Produktion ist aus der Kernstadt heraus schon 2016 nach Hertmannsweiler gezogen, nun endlich gibt's die erste Kunst-Werkschau unter dem Motto „Auf dem Weg zur Verortung“. Was zum einen auf die Halle bezogen sei, die nun eine andere Bestimmung hat und durch Kunst neu „verortet“ werden könne, was aber ebenso zu ihrer Verortung als Künstlerin passe, so Schaaf-Giesser. Bis heute sei das gedankliche und emotionale Pendeln zwischen Uruguay und Deutschland in ihren Werken präsent. Sie konnten aufgrund vieler Auslandsaufenthalte bisher kaum in ihrem Wohnort Winnenden gezeigt werden.

Direkt neben den Gebetsmühlen hängen dreidimensionale Objekte von der Decke – schwebende Lungenflügel, die sie aus chirurgischem Nahtmaterial zusammengehäkelt hat. Reingehen sei ausdrücklich erwünscht. „Man nimmt die fünfteilige Lunge in der Dreidimensionalität anders wahr“, sagt sie. Überdimensional viel Material und Zeit sind in die Rauminstallation geflossen: Sie sagt, sie komme auf mehrere 10.000 Kilometer dieses „Catgut“ genannten synthetischen Materials, das sie von Hand geknüpft und aneinandergekettet habe. „Es entspricht fast der Strecke nach Südamerika“, meint sie mit einem Lächeln.

Und warum die Lunge? Mit Corona habe es nichts zu tun. „Meine Arbeiten gab es schon vorher.“ Sie beschäftige sich seit dem Tod der Mutter, die 2009 an Lungenkrebs gestorben sei, mit dem Atemorgan – zu sehen auch an ihrer spielerisch wirkenden Lungeninstallation: An einer Holzwand hat sie eine Vielzahl von kleinen Lungen aus zerknüllten Stofftaschentüchern in Lungenform genäht und auf quadratische MDF-Platten gebannt. Mal bunt, mal gestickt, mal weiß mit Borte lassen sie mit etwas Fantasie an Petit Fours oder an kunstvoll gestaltete XXL-Pralinés denken. Ihre Stofftuchsammlung sei übrigens nie komplett, sagt sie augenzwinkernd. „Wenn jemand Stofftaschentücher übrig hat, ich nehme sie sehr gerne.“

Bis zu zwei Meter hohe fotorealistische Bilder von Alltagssituationen

Der jüngste Teilnehmer der Werkschau ist Sebastian Lorenz. Seine Bilder sehen nur von weitem so aus, als handele es sich um Fotografien. Beim zweiten Blick wird klar, dass die Leinwand den Betrachter an der Nase herumführt, denn jedes Gemälde ist mit Acrylfarbe gemalt, die fotorealistische Malerei ist der Schwerpunkt des Künstlers, der Menschen in Alltagssituationen einfängt und porträthaft wiedergibt.

Hier Stein rau und glatt poliert, dort Bach'sche Töne in Asche gemalt

Steinskulpturen aus Basalt und Travertin sowie geometrische Skulpturen aus warm schimmerndem Kupferdraht zeigt die Künstlerin und Kunstdozentin Gisela Jäckle. Aus der Vogelperspektive kreist der Blick über ihre kleine Siedlung aus Basalthäuschen, die auch einzeln gekauft werden können. Raue offene Giebelseiten wechseln sich ab mit glatt polierten schwarzen Dächern.

Brigitte Tharin stellt Teile eines Werkzyklus mit Bezügen zur h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach aus, gemalt mit Asche. „Analog zu Bach, dessen Komposition teilweise von tiefster Dunkelheit bis hin zu hellsten Lichtdurchströmungen geprägt ist, arbeitet die Künstlerin in hellsten gelblich-grauen Weiß- und Beigetönen auf Holzplatten“, so Einführungsredner und Kollege Helm Zirkelbach. Auch er zeigt eine Werkserie mit Bezug zu „Bach-Cello-Suites“, „Radiernadel und Pinsel tauschte ich gegen Cellosaite und Bogen“, gibt er einen Einblick in die selbst entwickelte Arbeitstechnik. Ziel sei es gewesen, die Schwingung der Saiten auf die Druckplatten zu übertragen. Die dunklen Schwingungsspuren aus gezuckerter Tusche, begleitet von einem dunkel geätzten Hintergrund hinterließen ihren unvergleichlich schimmernden, beim Betrachten auch vibrierenden Abdruck auf der Titanzinkplatte.

Info

Zu sehen ist die Werkschau bis Sonntag, 2. Oktober 2022, in den Räumen von Werk4art, Badstraße 6, Winnenden. Öffnungszeiten: täglich 11 bis 17 Uhr.

Wer will mal in eine Lunge reingehen? Bei der Werkschau im Atelier von Beatriz Schaaf-Giesser bietet eine Installation täglich bis 2. Oktober die Möglichkeit. Und: Vier weitere Künstler/-innen bespielen auf spannende Weise die einstige Giesser-Messerschleiferei der Familie ihres Mannes an der Badstraße 6, nicht weit vom Holzmarkt entfernt: Sebastian Lorenz, Gisela Jäckle, Brigitte Tharin und Helm Zirkelbach.

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