Winnenden

Belästigung durch Patienten: Pflegerin im Rems-Murr-Klinikum Winnenden berichtet

Catcalling
Übergriffiges Verhalten von Patienten ist keine Seltenheit, das zeigt auch eine Studie aus dem Jahr 2016. © stock.adobe.com/Elnur

Hier ein anzüglicher Spruch, da ein Griff an den Po – Pflegerinnen bekommen es immer wieder mit übergriffigen Patienten zu tun. Eine junge Frau, die im Rems-Murr-Klinikum Winnenden arbeitet, hat unserer Redaktion ihre Erfahrungen geschildert. Sie berichtet von der Hilflosigkeit in solchen Situationen und davon, dass viele Kolleginnen die Belästigungen stillschweigend hinnehmen. Dazu passt: Klinik-Sprecher Christoph Schmale berichtet, aktuell seien „keine Fälle von anzüglichem und übergriffigem Verhalten bekannt“.

„Ich brauche keine Decke, leg' dich lieber zu mir und wärme mich“

Die junge Frau, nennen wir sie Magda, ist 22 Jahre alt, ausgebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Sie arbeitet im Rems-Murr-Klinikum und sie liebt ihren Beruf. Meistens. Denn an manchen Tagen könnte sie schreien vor Wut, Scham und Hilflosigkeit. Die Bandbreite der Übergriffe, von denen sie berichtet, reicht von unangebrachten Kommentaren bis hin zur handfesten sexuellen Belästigung.

Da sind zum einen die Anmachsprüche, die zumeist (aber nicht nur) von Männern jenseits der 50 Jahre kommen: „Ihr seid alle so jung und hübsch, natürlich ist mein Blutdruck hoch!“; „Können Sie mich ins Bad begleiten? Hach, wenn ich fünfzig Jahre jünger wäre …“; „Ich brauche keine Decke, leg’ dich doch lieber zu mir und wärme mich!“

Ab und zu einen dummen Spruch verkraftet Magda. Als sie aber vor einiger Zeit bei einem morgendlichen Kontrollgang in drei verschiedenen Zimmern von drei verschiedenen Patienten plump angemacht wurde, ging ihr das tagelang nicht aus dem Kopf. Ausgerechnet diejenigen, die auf ihre professionelle Pflege angewiesen sind, nehmen Magda offenbar nicht ernst in ihrem Beruf, reduzieren sie auf ihr Aussehen, ihren Körper. „Die Arbeit ist so schon psychisch anstrengend“, berichtet die 22-Jährige, „es gibt zum Teil schwere Diagnosen, da nimmt man doch mal was mit nach Hause.“ Wenn dann auch noch das Gefühl eintritt, dass ihr Einsatz nicht wertgeschätzt wird, geht die Freude schnell verloren.

„Po-Getätschel ist etwas, das sehr oft vorkommt“

Die rote Linie ist für die junge Frau spätestens dann überschritten, wenn Patienten die verbale Ebene verlassen. „Po-Getätschel ist etwas, das sehr oft vorkommt“, berichtet die Pflegerin, ebenso wie Berührungen am Oberschenkel oder an den Brüsten. Besonders schmerzlich: Wenn Patienten übergriffig werden, zu denen sie eigentlich einen guten Draht hatte, die ihr sympathisch waren – „liebe Patienten“, dachte sie.

Wie der ältere Herr, dem sie eine Insulinspritze in den Bauch gegeben, dann die Thrombosestrümpfe über die Beine gerollt und sich dabei nett mit ihm unterhalten hat. Er bedankte sich – und kniff ihr zweimal feste in den Hintern. Überrumpelt verließ sie ohne Erwiderung das Zimmer. Dem Mann in Zukunft aus dem Weg zu gehen, das gab die dünne Personaldecke nicht her.

Übergriffe durch Patienten? „Da gewöhnt man sich dran“

An ihre Vorgesetzten gemeldet hat sie den Übergriff nicht, aus Angst, nicht ernst genommen oder in der taffen Welt der Pflegekräfte als überempfindlich abgestempelt zu werden. „Da gewöhnt man sich dran“, habe eine Kollegin kommentiert. „Das passiert doch dauernd“, lautete der lakonische Kommentar einer Auszubildenden.

Die 22-Jährige berichtet: „In der Ausbildung wurden wir eher auf körperliche Gewalt vorbereitet und haben Methoden zur Deeskalation gelernt.“ Entsprechende Kurse werden auch für das gelernte Personal regelmäßig angeboten. Sexuelle Übergriffe oder verbale Grenzüberschreitungen seien in der Ausbildung aber kaum ein Thema gewesen. „Da heißt es dann, man soll sich Witze überlegen, die man entgegnen kann.“ Magda wünscht sich, dass Berufsanfängerinnen besser auf diese Situationen vorbereitet und die Vorfälle nicht so häufig heruntergespielt werden.

Wer sich umhört und im Internet recherchiert, erkennt: Das Problem ist ein grundsätzliches, längst nicht nur in der Rems-Murr-Klinik. Laut einer Studie der Gesundheitspsychologin Claudia Depauli aus dem Jahr 2016 erleben 67 Prozent der Pflegekräfte regelmäßig sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Verwunderlich ist das nicht: „Catcalling“, also das Hinterherpfeifen oder -rufen plumper Anmachsprüche, erleben Frauen ja täglich auf offener Straße. Warum sollte das in der Pflege, wo Nähe und Intimität zum Tagesgeschäft gehören, wo junge Frauen alte Männer behandeln, anders sein? Zumal manchen Männern laut Pflegerin Magda immer noch dämliche Porno-Klischees von der „heißen Krankenschwester“ im Kopf herumschwirren. Nicht selten werde sie gefragt, warum sie denn kein kurzes Röckchen trage.

Klinik-Sprecher Schmale: „Übergriffiges Verhalten (...) wird nicht toleriert“

Wegen solcher „Kleinigkeiten“, die erst gehäuft zur Belastung werden, wollen Betroffene wie Magda in der Klinik keinen Staub aufwirbeln. Wenn schon die eigenen Kollegen dumme Sprüche als Gewohnheitssache abtun, wie werden dann erst die Chefs reagieren?

Klinik-Sprecher Christoph Schmale bezieht auf Anfrage unserer Redaktion Stellung zu den Berichten der jungen Pflegerin – und ermutigt Betroffene, die Vorfälle nicht unter den Teppich zu kehren: „Übergriffiges Verhalten von unseren Patienten wird nicht toleriert und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aufgefordert, dies sofort zu melden – entweder beim Vorgesetzten oder bei einer Person ihres Vertrauens“, schreibt er.

Jeder Vorfall werde dokumentiert und nachverfolgt – „bis hin zum Verweis der Klinik und Erstattung einer Anzeige“. Für die Pflegekräfte auf Station sei immer ärztliches Personal zugegen, das bei einem Vorfall hinzugezogen werden könne. „Wird ein Vorfall bekannt, so wird das Zimmer des betroffenen Patienten auch nur noch zu zweit betreten.“

Rems-Murr-Kliniken: Aktuell keine Fälle bekannt

So lautet jedenfalls die Theorie, denn: Den Pflegedienstleitungen in Winnenden und Schorndorf, Matthias Haller und Giancarlo Cannavo, sowie den Pflegebereichsleitern und Stationsleitungen seien in den Rems-Murr-Kliniken aktuell „keine Fälle von anzüglichem und übergriffigem Verhalten bekannt“, schreibt der Klinik-Sprecher.

Im vergangenen Jahr habe es einen Fall gegeben, berichtet Christoph Schmale, „bei dem der Patient in letzter Konsequenz der Klinik verwiesen wurde, was sein Gesundheitszustand auch zuließ.“

Thema wird auch an den Rems-Murr-Kliniken intensiv diskutiert*

Das Thema wird laut Schmale durchaus sehr ernst genommen: "Sexistische Kommentare und Übergriffe gehören zum übergeordneten Thema ,Gewalt gegen Klinikpersonal', welches wir im vergangenen Jahr im September/Oktober in einer Führungskräfteumfrage und im Arbeitssicherheitsausschuss umfassend behandelt haben", schreibt er.  Diese Umfrage habe ergeben, dass es innerhalb eines Jahres zu zehn gemeldeten Vorfällen von sexuellen Übergriffen gekommen sei, "wobei wir natürlich über die Dunkelziffer keine Auskunft geben können". Bei mehr als 43.000 stationären Fällen jedes Jahr sei das "eine sehr geringe Anzahl", dennoch sei jeder Übergriff einer zu viel.

Schmale bestätigt: "Leider sind auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit zunehmender psychischer und physischer Gewalt konfrontiert. Jüngste Umfragen und Untersuchungen zeigen, dass dies deutschlandweit in allen Kliniken ein zunehmendes Phänomen ist."

*Der folgende Absatz ist nach einem Hinweis der Rems-Murr-Kliniken am 21.4. nachträglich angefügt worden. Durch ein Versehen war die betreffende Passage in der Stellungnahme des Kliniksprechers im ursprünglichen Artikel nicht berücksichtigt worden. Wir bitten dieses Versäumnis zu entschuldigen.

Hier ein anzüglicher Spruch, da ein Griff an den Po – Pflegerinnen bekommen es immer wieder mit übergriffigen Patienten zu tun. Eine junge Frau, die im Rems-Murr-Klinikum Winnenden arbeitet, hat unserer Redaktion ihre Erfahrungen geschildert. Sie berichtet von der Hilflosigkeit in solchen Situationen und davon, dass viele Kolleginnen die Belästigungen stillschweigend hinnehmen. Dazu passt: Klinik-Sprecher Christoph Schmale berichtet, aktuell seien „keine Fälle von anzüglichem und

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