Winnenden

Beschäftigung fördert die Integration

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Komi Eklou, in seiner Heimat Togo war er bereits Englischlehrer: Als Bufdi bei der Paulinenpflege bringt er jungen Flüchtlingen Deutsch bei. © Ramona Adolf

Winnenden. Die Deckung des Bedarfs an Fachkräften durch Menschen, die im Zuge des Flüchtlingsstroms zu uns kommen, ist eine Wunschvorstellung. Die allermeisten erfordern große Anstrengungen – der gesamten Gesellschaft und eigene –, um sie im Arbeitsmarkt unterzubringen und dadurch zu integrieren. Trotzdem wollen es Unternehmen, Arbeitsagentur und soziale Einrichtungen versuchen. Wer mithilft, bekommt Unterstützung.

„Der Bedarf an Fachkräften in Deutschland kann zumindest teilweise gedeckt werden, wenn wir in Sprachtraining, Integration und Ausbildung investieren für diejenigen, die eine hohe Bleibewahrscheinlichkeit haben“, sagte Jürgen Kurz, Chef der Waiblinger Agentur für Arbeit, am Mittwochabend bei einer Veranstaltung der Fachkräfteallianz im Rems-Murr-Kreis in der Winnender Hermann-Schwab-Halle. Die Agentur für Arbeit trage ihren Teil bei, zum Beispiel durch Sprachkurse, in denen zurzeit 710 Flüchtlinge im Rems-Murr-Kreis Deutsch lernten. Für eine Duale Ausbildung oder eine Arbeitstätigkeit seien gute Sprachkenntnisse der Schlüssel. Und, wer dann eine Arbeit bekomme, der könne sich auch schneller und besser in die deutsche Gesellschaft integrieren, so Kurz.

„Arbeit ist die Grundlage für gesellschaftliche Anerkennung“, sagte auch der Moderator des Abends und Leiter des Jobcenters, Nikolaus Baumgardt. Neubürger, die in die Sozialkassen immigrierten, seien der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln und stießen auf keine Akzeptanz.

„Menschlichkeit und pragmatisches Handeln sind das Wichtigste“

Zur Untätigkeit in einer Flüchtlingsunterkunft verdammt zu sein und nur den ganzen Tag herumhängen zu können, ohne Perspektiven, empfänden viele der Ankommenden aber auch selbst als Strafe. „Natürlich haben die meisten keine beruflichen Abschlüsse in unserem Sinne, aber Potenziale, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind“, so Kurz. Viele seien zwar Berufen nachgegangen, aber ein Schreiner in Afrika zum Beispiel habe wohl nicht mit Maschinen gearbeitet. So müsse ausbildungstechnisch noch viel nachgearbeitet werden.

Wortmeldungen aus dem Publikum während des Abends machten deutlich, Unternehmer sind noch unsicher, ob sie’s mit einem Asylbewerber, mit einem Flüchtling versuchen sollen und scheuen das Risiko des „Aufwands“, nicht zuletzt wegen des Mindestlohns. Die Agentur für Arbeit bietet hier Arbeitgebern Beratung und Unterstützung an, auch im Bezug auf Fördergelder.

In Winnenden haben sich mehrere Initiativen gebildet, um Asylbewerber fit für den Arbeitsmarkt zu machen, zum Teil mit Unterstützung der F.A.I.R., die von der IHK-Bezirkskammer, der Kreishandwerkerschaft, des Arbeitgeberverbands Südwestmetall sowie der Agentur für Arbeit getragen wird. „Bei all den verständlichen Diskussionen, wie viele kommen, wie viele sollen kommen dürfen, wie lange soll wer bleiben dürfen, wie soll man sie integrieren, bleibt das Wichtigste, dass Menschlichkeit und pragmatisches Handeln nicht in den Hintergrund geraten“, sagte Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth.

Gerade in Winnenden habe der Bund der Selbstständigen mit den Unternehmern Ulrich Maurer (Bäckerei) und Hermann Giesser (Messerfabrikant) Chancen früh erkannt und Migranten in Betrieben beziehungsweise Dualer Ausbildung untergebracht. Die Paulinenpflege kümmere sich momentan um die Schul- und Ausbildung von 60 unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen und habe Anfang Januar folgerichtig den Zuschlag für eine von landesweiten 37,5 Stellen eines „Kümmerers“ vom Landeswirtschaftministerium bekommen. Auch Fördergelder des Jobcenters ermöglichen der Paulinenpflege den Jugendlichen nicht nur deutsche Sprachkenntnisse zu vermitteln, sondern auch den Betrieb einer sechsmonatigen Trainingswerkstatt zur Berufsorientierung. Zwecks weiterer Praktika sei man hier auf die Kooperation von Betrieben angewiesen, so Holzwarth.

„Auch wir als Stadt begegnen den Herausforderungen. Die Wirtschaftsfördererin Franka Zanek hat die neu geschaffene Integrationsstelle übernommen. Ihre konzeptionellen Vorstellungen wird sie im Gemeinderat noch erläutern.“ Ganz zu schweigen von dem „tollen Engagement“ aller Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, so Holzwarth.

Perspektiven durch Orientierungspraktika

In Waiblingen hilft darüber hinaus zum Beispiel die BBQ Berufliche Bildung gGmbH im Rahmen des Förderprogramms PerF (Perspektiven für Flüchtlinge). „Uns geht’s dabei vor allem darum, bei den Flüchtlingen Talente und berufliche Praxiserfahrung, Potenziale und Interessen zu identifizieren“, sagte BBQ-Seminarleiterin Birgit Alvarez. „Wir bringen ihnen Deutsch bei und unterstützen sie bei Bewerbungsaktivitäten für zum Beispiel Orientierungspraktika.“

Seit 26. Oktober 2015 und vorerst noch bewilligt bis 17. Juli 2017 betreut die BBQ im Vier-Wochen-Rhythmus jeweils fünf Kurs-Teilnehmer. Einer davon: Christian D. aus dem Kamerun, der bereits in der anschließenden betrieblichen Erprobungsphase ist und gerade mit Bohr- und Fräsmaschine umzugehen lernt. „Ich habe schon mitgearbeitet an einer Bodenplatte und einer Achse für einen Traktor“, erzählte er stolz.

Jeder Flüchtling sei drei Monate in dem PerF-Programm, so Alvarez. „Die, die mitmachen, sind fleißig und lernen auch abends nach den Kursen noch Deutsch“, schilderte sie ihre Erfahrungen.

Bürokratische Hürden für Arbeitswillige

Den meisten der Flüchtlinge im Rems-Murr-Kreis bleiben solche Programme jedoch verschlossen. Flüchtlingshelfer meldeten sich in der Hermann-Schwab-Halle zu Wort. Einer bemängelte, dass eine Unterbringung etwa auf dem Welzheimer Wald nur kontraproduktiv sei. „Wie sollen die denn jeden Tag pünktlich runter ins Tal kommen?“ Eine andere bemerkte, dass selbst, wenn jemand engagiert sei und jeden Tag um 2 Uhr nachts aufstehe, um beim Bäckermeister Maurer mitzuschaffen, abends bei all dem Lärm und Trubel in einer Gemeinschaftsunterkunft nicht vor 22 Uhr einschlafen könne. Dass Landratsamt zeige sich hier grundsätzlich zu streng und bestehe stets darauf, dass Flüchtlinge monatelang (bis zu 24 Monate) in den Gemeinschaftsunterkünften bleiben müssten, obwohl schon viel früher private Einzelunterbringungen angeboten werden.

Frank Schneider, Leiter des Koordinierungsstabs im Landratsamt, erwiderte, man sei im Moment immer noch im Krisenmodus und suche händeringend nach Unterkünften. Kapazitäten für den zweiten Schritt, den der Integration, seien leider (noch) nicht immer ausreichend vorhanden. Schneider signalisierte den Flüchtlingshelfern aber absolute Gesprächsbereitschaft. „Melden Sie sich bei uns, wir schauen uns die Einzelfälle an und versuchen zu helfen.“