Winnenden

Bestechende Blicke in die alten Gassen

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Helmut Weber, Werner Heincke und Martin Fischer (v. l.), das Team der Galerie Fotografie und Technik, zeigen eine neue Ausstellung. © Ramona Adolf

Winnenden. Ach ja, das Gartengässle: Wo heute die Wallstraße am Haus Kreh mit der Winnender Zeitung oben drin beginnt, war noch vor 86 Jahren ein schmaler Durchlass zwischen den Häusern zur Stadtkirche. Nett für die Kinder auf dem Weg zur Schule, romantisch für die jungen Leute. In der neuen Ausstellung zeigt das Team der Fotogalerie Stadtansichten damals und heute.

In der neuen Ausstellung der Fotogalerie kann man Stadtansichten damals und heute vergleichen.

Die Auswahl ist bestechend und lässt die älteren Besucher Erinnerungen mit den jüngeren teilen. So bestaunt Stadtrat Peter Friedrichsohn, über 80 Jahre alt, das Foto vom „Kasten“, dem Fruchtkasten des Hofkameralamts, und wie groß er 1870 war, nämlich zwei Stockwerke höher als die heutige Kastengrundschule. „Das Foto habe ich noch nie gesehen!“ Und auch der über 60-jährige Stadtrat Hans Ilg kann dazu was erzählen: „Unser früheres Klohäuschen im Hof der Kastenschule wird demnächst für den Schulanbau abgerissen.“ Nicht bei allen Gebäuden ist es also jammerschade, dass sie aus dem Stadtbild verschwunden sind oder verschwinden ... Werner Heincke vom Galerie-Team freut sich über Reaktionen aller Art: „Wir wollen Emotionen wecken. Es muss bei den Betrachtern ,klick’ machen, und dann sollen sie erzählen.“

Der Bau der Eisenbahn, der karge Sportplatz

Deshalb hat Heincke auch noch schnell den Farrenstall hinter der Steak- und Schnitzelmeisterei (Ringstraße) von innen und außen fotografiert – bevor er abgerissen wird fürs Mehrgenerationenhaus. „Unsere Ausstellung soll für Jung und Alt und auch für Neu-Winnender interessant sein.“ Die können sich vom Herzen der Stadt, dem Marktplatz mit Brunnen und Justitia-Figur, langsam nach außen an den Stadtrand tasten, wo 1875 italienische Arbeiter die Eisenbahn gebaut haben, wo anstelle des Freibads vor mehr als 25 Jahren das Wunnebad gebaut wurde, und wo man auf einem karg-staubigen Platz 1936 am Zipfelbach Sport getrieben hat, umgeben bloß von Feldern und Wiesen und in der Ferne ein paar Häuser.

Zum Viehmarktplatz gibt es mehrere faszinierende Fotos. Derzeit ist der Parkplatz Baulager für die Marktstraßensanierung. Doch was sich früher hier zwischen Haus Kreh, dem heutigen Haus der Kirche und dem Haus des Metzgers Bader abgespielt hat, ist schier unglaublich. Auf einem Bild drängen sich Schafe. Werner Heincke erzählt: „Hier waren bis zu 1000 Viecher am Tag.“ Metzger Bader betrieb, wie viele andere Bäcker und Metzger in der Stadt auch, nebenher eine Wirtschaft. 1938 wurden hier die Milchfrau Wilhelmine Aspacher mit ihrem Leiterwagen und den großen Kannen darauf verewigt, und der Landjäger Knörzer auf seinem Fahrrad. Und da, eine Leihgabe vom Galerie-Mitglied Martin Fischer: Der Trauerzug für seinen Großvater Wilhelm Ferdinand ging 1925 über den (leeren) Viehmarktplatz, angeführt von der Pferdekutsche mit dem Sarg darin, gefolgt von Fußgängern.

„Ach, wäre das Haus noch da und hergerichtet“, sagt Peter Friedrichsohn seufzend-schwärmerisch mit Blick auf die Mühltorstraße im Jahr 1910. Eine reich verzierte Steinfassade ist zu sehen, mit verschnörkelten Simsen über Tür und Fenstern. Möglich, dass sie im Krieg zerstört wurde, vielleicht fiel sie auch unbeschädigt dem 50er-Jahre-Modernisierungswillen zum Opfer. Mit Blick auf die alten Häuser der Kirchstraße gibt Stadtrat Friedrichsohn beinahe einen Schwur ab: „Solange ich mitreden kann, setze ich mich dafür ein, dass auch der untere Teil der Kirchstraße so saniert wird wie der obere.“ Vorbildlich hat Architekt Droemer vor 21 Jahren alte Hausformen und einen Stadtmauerteil erhalten.

2000 Besucher bisher

Die Galerie Fotografie und Technik an der Torstraße 10 (Rathaus) stellt analoge Fotoapparate und Zubehör aus der 150-jährigen Fotografiegeschichte in Winnenden aus. Zusätzlich sind an den (Stell-)Wänden Fotos zu unterschiedlichen Themen zu sehen.

Bisher sind 2 000 Besucher in die Galerie gekommen. Sie ist zweimal die Woche geöffnet, donnerstags von 16 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr, am 1. Samstag im Monat von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. 0 71 95/7 23 27.

Werner Heincke vom Galerie-Team überlegt, ob die mehr als 40 Jahre währende Städte-Partnerschaft mit Albertville die nächste Ausstellung werden kann, und wirbt mit Fotos und Zeitungsausschnitten dafür. Wer für die nächste Ausstellung Fotos ausleihen kann oder Ideen hat, kann sich vor Ort eintragen.

Zur neuen Ausstellung gehört erstmals auch ein Film. Er zeigt Szenen aus dem Jahr 1939: Erst sieht man Leute mit Langlaufskiern durch die Stadt fahren und Leute durchs nicht mehr existente Gartengässle zwischen Haus Kreh und Stadtkirche gehen. Ein Haus am Kronenplatz brennt, eine Dampfwalze in Aktion, ein Zirkus tritt auf dem Viehmarktplatz auf. Die Stadtkapelle spielt, im Weinberg stehen geschätzt 6000 Pfähle pro Hektar. Dann kommt die Mobilmachung: Porträt von Adolf Hitler am Rathaus, Aufmarsch im Stadtgarten, Soldaten laufen trommelnd durch die Stadt, Militärfahrzeuge verlassen sie.