Winnenden

Christinnen treffen Musliminnen: Wie ist das jetzt mit dem Kopftuch?

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Im Gemeinschaftsraum treffen Frauen der Moschee-Gemeinde auf die Christinnen. Ganz hinten in der Mitte steht Pfarrerin Susanne Blatt. © Gabriel Habermann / ZVW
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Im Frauengebetsraum, der über dem der Männer liegt und mit dem gleichen dicken, schönen Teppich ausgelegt ist. Rechts steht Fetiye Varli, die Vorsitzende der Frauen in der Moschee. © Gabriel Habermann / ZVW

Winnenden. 18 Christinnen haben sich mit zwölf Musliminnen in der Moschee getroffen, die Gebetsräume für Männer und Frauen besichtigt und viele Fragen, auch kritische, über Religion und Geschlechterrollen gestellt. Trotzdem blieb eine aufgeschlossen-respektvolle Atmosphäre gewahrt. Zwei interessante Stunden sind wie im Flug vergangen.

Manch eine der Christinnen, gekommen waren katholische und evangelische Frauen aus Leutenbach und Bittenfeld, hätte gern noch mehr erfahren, genauer hinterfragt, gewusst, was die Musliminnen an ihrer eigenen Religion stört. Das hätte sich im kleinen Kreis, wie es zunächst geplant war, besser bereden lassen. Doch so war es für die meisten der erste Besuch in der Winnender Ditib-Moschee und ein vorsichtiges Herantasten in der großen Runde. „Lassen Sie uns das Treffen in einem Jahr wiederholen, dann bei uns“, schlug die Leutenbacher Pfarrerin Susanne Blatt am Ende vor. Fetiye Varli, Vorsitzende der Frauen im Moschee-Verein, war sofort einverstanden.

Islam schreibt vor, mit welchen Worten fünfmal am Tag gebetet wird

Die Musliminnen erklärten den Christinnen, dass sie als Hausfrau zu Hause beten und zum Freitagsgebet in die Moschee kommen können, aber nicht müssen. Von den Männern wird es allerdings erwartet. „Ich bete auch täglich mehrmals, nach dem Aufstehen, vor dem Essen, es sind meine Worte, es kommt freiwillig und von Herzen“, sagt eine Christin. „Wir beten Worte des Propheten und aus dem Koran, sie sind festgelegt, es ist ein Ritual“, sagt Fetiye Varli. „Diese fünf Gebete am Tag, sagt man, sind die Säulen des Islam.“

Jüngere Frauen erzählen, dass es bei ihnen anders läuft. „Ich bete nicht fünfmal am Tag und ich trage auch kein Kopftuch, da hätte ich beruflich Schwierigkeiten“, sagt eine. Dennoch fühle sie sich als Muslimin – dass sie nicht alle Regeln einhält, auch nicht in ihrer Freizeit, „stört die anderen nicht“. Eine andere Frau, die schichtet, kann die Fastenregeln des Ramadan nicht einhalten. „Ich muss schon etwas trinken bei der Arbeit und kann auch nicht so oft beten. Dafür spende ich für andere“, sagt sie. Auch das hat einen hohen Stellenwert, erfahren die Besucherinnen.

Die Frage nach dem Kopftuch

Als Susanne Blatt die Frage nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau stellt, gibt es auch keine eindeutigen Antworten. Eine Muslimin offenbart, dass sie bereits zweimal am Wallfahrtsort Mekka war, und zwar ohne ihren Mann. Aber: „Seit dem ersten Besuch dort trage ich freiwillig Kopftuch. Es tat mir einfach gut.“ Eine Christin, die schon oft in der Türkei in Urlaub war, beschreibt, dass sie das Kopftuch als Zeichen für Unterdrückung sieht. Sie hat beobachtet, dass die Frauen hinter den Männern gehen und im Gasthaus nur Männer sitzen, während die Frauen auf dem Feld arbeiten. „Aber im Restaurant oder in der Familie merkte ich, dass Frauen als sehr geschätzte Personen behandelt werden.“

Die Gastgeberinnen sagen, dass die Türkei inzwischen moderner geworden sei, aber dass sie weder dort noch hier in Deutschland eine Kneipe besuchen würden, nur ein Restaurant oder ein Café. Vieles sei nicht Religion, sondern „Kultur“, oder eine individuelle Frage.

Was prägt das islamische Frauenbild - Erziehung oder Koran?

Eine Frau erklärt: „Ich bin zu Hause dominant, das ist mein Charakter.“ Eine andere erzählt, dass sie sich mit ihrem Mann streitet, wenn sie anderer Meinung ist. „Und wie oder ob man sich verhüllt, hängt von der Tradition und dem persönlichen Geschmack ab“, sagt eine junge Frau, die dies erst seit vier Jahren macht. „Nur mein künftiger Mann soll meine Haare sehen und ich will nicht angemacht werden auf der Straße“, sagt sie.

Die Pfarrerin hakt ein: „Warum soll ich Rücksicht nehmen auf einen Mann, der sich nicht beherrschen und benehmen kann? Wenn er eine Frau ohne ihren Willen anfasst, wird es ein juristisches Problem.“ Der Einwand wird von den Gastgeberinnen nicht kommentiert. Eine Christin fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass die islamisch geprägten Jungs mit Respekt zu Lehrerinnen und Mitschülerinnen erzogen werden“, sie kenne leider andere Beispiele. Die Musliminnen unterstützen das ohne Wenn und Aber. Der Koran, sagt Fetiye Varli, lehre, „Frauen nicht mit schlechten Augen anzusehen“. Tun dies Jungs doch, dann liege das „an der Erziehung zu Hause“.

Die evangelische Kirchengemeinde Leutenbach hat mit den türkischstämmigen Muslimen aus Winnenden und Umgebung eine Veranstaltungsreihe konzipiert. Am Mittwoch haben sich Jugendliche getroffen, am Samstag waren die Frauen unter sich. Noch bis 9. Februar ist die Wanderausstellung „Was glaubst denn du?“ in der Kocatepe-Moschee an der Ziegeleistraße 23 zu sehen.

Die Besucherinnen lernten am Samstag zunächst in der Moschee den neuen Imam Salih Dumangöz kennen und erfuhren von ihm und der dolmetschenden Frauenvorsitzenden Fetiye Varli, warum die Geschlechter getrennt beten. Es hat mit dem Hinknien, Stirn auf den Boden senken und Hinliegen zu tun. „Es ist nicht gut, wenn die Frauen die Männer beim Beugen anschauen und umgekehrt auch nicht“, sagt Fetiye Varli. Also sind die Frauen auf einer Art Empore, hören aber alles, was der Imam betet und predigt. „Wo ich aufgewachsen bin, saßen die Frauen auch getrennt von den Männern“, erzählt Pfarrerin Susanne Blatt.