Winnenden

Corona ändert die Arbeit der Friseure in Winnenden  - Am Montag Start nach sechs Wochen Zwangspause

Friseurin Brändle
Die Friseure bei Jutta Brändle tragen ein Schild aus Plexiglas und geben ihren Kunden Plätze auf Abstand zum Schutz gegen Viren. © ZVW/Benjamin Büttner

„Erzähl’s deinem Friseur“ - diese Redewendung passt nicht in die Coronazeit, weil in den ab heute wieder offenen Friseursalons eine Minimalkommunikation praktiziert werden muss. Und das ist nur eine von vielen Schutzmaßnahmen, die auch in Winnender Salons umgesetzt werden.

Uns allen stehen die Haare zu Berge, weil wir seit Wochen nicht mehr beim Friseur waren. Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach einer Friseur-Schere: In einigen Salons sind für die erste und teilweise zweite Woche keine Termine mehr zu bekommen. Nur wenn jemand absagt, kann dem eigenen wild wuchernden Höhlenmensch-Outfit auf dem Kopf zeitnah ein Ende gesetzt werden. Die Kunden sollten sich auf die eine oder andere Minute Wartezeit einstellen, weil die Friseure aufwendige Hygiene- und Infektionsschutzregeln einhalten müssen - das geben Inhaber dreier Salons zu verstehen, mit denen sich die Winnender Zeitung unterhalten hat.

Nach jeder Kundin werden die Armlehnen desinfiziert

Personell und organisatorisch bestens gerüstet für manch wildes Kopfgestrüpp sind Annette Kiefer und ihr Team. Wenn auch mit „angezogener Handbremse“, wie die Inhaberin des Cut-Salons sagt. „Ich habe den Arbeitsplan geändert und die Öffnungszeiten etwas gestretcht“, sagt sie. Gearbeitet werde von 8 bis 20 Uhr, damit sie jeweils nur zu zweit im Salon stehen. Der Hygiene- und Infektionsschutz verändert den Arbeitsalltag stark. Zwar seien die Hygienestandards in der Branche ohnehin hoch. Schon immer wurden Werkzeuge nach jedem Kunden gründlich gereinigt. Neu hinzugekommen sei die Mehrarbeit für die Desinfektion von Stühlen, Armlehnen, Werkzeugen, Bürsten und Wickel. Kunden werden nur noch an den Platz geführt, wenn sie sich die Hände desinfiziert haben. Ein „Tischle“ mit Desinfektionsmitteln wurde aufgestellt.

Die Sitzecke für Begleitpersonen ist in der Fußgängerzone

Auch für eventuelle Wartezeit ist vorgesorgt: Annette Kiefer hat mit Gartenstühlen eine kleine Sitzecke im Freien geschaffen - auch für Begleitpersonen und Eltern, die nicht mehr mit reindürfen. „Wir setzen auch Kinder alleine auf den Stuhl“, kündigt sie an. Für die Masken gilt: „Sie werden frisch aufgesetzt.“ Es gibt sie zum Service dazu - so wie früher den Kaffee, den sie nicht mehr servieren dürfen. Trockenhaarschnitte sind ebenfalls tabu: ohne Haarwäsche im Salon kein Haareschneiden. Das Angebot an Kunden, selbst zum Föhn zu greifen - ebenfalls untersagt.

Es gibt viel Arbeit: Mitarbeiterinnen verzichten vorläufig auf Urlaub

Termine gibt’s nur online, Laufkundschaft darf sie nicht mehr annehmen. Zumal es mit aktuell vollen Terminbüchern ohnehin nicht gehe: „Seit klar ist, dass wir öffnen, klingelt ab morgens das Telefon.“ Während der Schließung war sie für die Kunden da und hat bestellte Farbe und Pflegemittel vor die Türen gestellt. „Auch sie waren für mich da, haben Gutscheine gekauft, weil sie uns helfen wollen.“ Die Wertschätzung sei gestiegen. „Es tut gut, zu wissen, dass man geschätzt wird als Friseurin.“ Auch im Team sei der Zusammenhalt noch stärker: „Meine Mitarbeiter haben signalisiert, dass sie vorläufig auf Urlaub verzichten.“

Kai Schäftlmeier: Im oberen Stock zusätzlichen Raum eingerichtet

Auch Friseurmeister Kai Schäftlmeier und sein Team stellen sich auf viel Arbeit ein, bei „stark reduzierter Sitzanordnung“. Um die Plätze auseinanderzuziehen, wurden im Perückenstudio im ersten Stock zusätzliche Friseurplätze eingerichtet. In seinem erst kurz vor Ausbruch der Pandemie neu renovierten und umgebauten Studio ist nichts mehr wie vorher: Um überhaupt zur Schere greifen zu dürfen, müssen die Mitarbeiter jeden Kunden nach Fieber, Erkältungssymptomen, Geschmacks- oder Geruchsstörungen fragen. Auch eine Telefonnummer muss für eine eventuelle Nachverfolgung hinterlegt werden. Face-to-face-Behandlungen wurden gekappt. „Keine Bartpflege, kein Augenbrauenzupfen“, kündigt Schäftlmeier an. Und dann auch das: „Der Kunde darf nicht im Raum herumlaufen, er wird von uns desinfiziert an den Platz geführt.“

Masken müssen mit Gummiband an den Ohren haltenelement

Auch ein striktes Maskengebot ohne Pardon wird Friseur-Alltag sein: „Beim Thema Mundschutz gibt es nichts dazwischen“, sagt Schäftlmeier. „Die geforderten eineinhalb Meter Sicherheitsabstand können wir nicht einhalten, wir müssen an die Haare rankommen.“ Wer keine Maske mit Gummiband hat, die über die Ohren gezogen wird, kann sie im Salon kaufen. Die Selbstgenähten machen keinen Sinn beim Haareschneiden: „Wir müssen an die Ohren rankommen.“ Er sieht den Mundschutz gelassen: „Ärzte überleben es auch.“ Ein Gedanke, an den er sich erst gewöhnen müsse, sei die ungewohnte Stille im Salon. Reden ist laut Regelkatalog des Landes auf ein Minimum zu begrenzen. Die Mitarbeiter seien vorbereitet, mehr über den Spiegel zu kommunizieren. „Es wird alles etwas runtergekühlter ablaufen.“

Sechs Wochen ohne Geldverdienen sind jetzt zu Ende

Die Vorgaben sind eine haarige Sache, auch Friseurmeisterin Jutta Brändle ächzt bei aller Erleichterung, „endlich wieder arbeiten zu dürfen“ unter der Last des Katalogs. „Der Wahnsinn, kein schönes Arbeiten mehr“, sagt sie. Sie rechnet für sich mit Zehn-Stunden-Tagen, weil es anders nicht zu schaffen ist: „Die erste Woche wird die schlimmste meines Lebens. Aber Hauptsache, wieder etwas Geld verdienen, sechs Wochen ohne Einkünfte sind heavy.“ Um Kundenabstand zu gewähren, bleibt ein Stuhl zwischen zwei Kunden leer. Dank verschiedener Räume - der Herrenbereich mit eigenem Eingang - lasse sich die Lage etwas entzerren. Für Reinigung und Desinfektion müssen längere Pausen eingeplant werden. Kunden können sich eine Ration ‚keimfrei’ bei ihr an einer extra aufgebauten Desinfektions-Bar abholen.

Jutta Brändle empfiehlt dringend Einmalmasken

Beim Mundschutz für sich und ihre Mitarbeiter habe sie sich vom Landesinnungsverband Stuttgart Visierhelme absegnen lassen. „Acht bis zehn Stunden Mundschutz zu tragen ist etwas anderes als nur für eine S-Bahn-Fahrt oder beim Einkaufen.“ Den Kunden empfiehlt sie Einmalmasken. „Stoffmasken sind unangebracht. Wir wissen nicht, wie lange sie schon getragen wurden und ob sie gewaschen sind.“ Mit etwas mulmigem Gefühl tritt sie den ersten Arbeitstag an, die Unsicherheit bleibe. „Wie lange geht’s gut, was kommt als Nächstes?“

An den Nerven aller Friseure zehrt die wirtschaftliche Lage wegen einer erwarteten verminderten Kundenanzahl. Kai Schäftlmeier will Umsatzeinbußen über eine „moderate Preiserhöhung“ auffangen. Bei Annette Kiefer sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit. „Wir können das Geld nicht verdienen wie sonst“, sagt sie. Hygiene fresse viel Zeit, und durch die reduzierte Sitzordnung lassen sich weniger Kunden bedienen. Bei allen Nachteilen, die Kunden und Friseure werden hinnehmen müssen, brauche es die Öffnung jetzt: „Sie ist Licht am Horizont, dass es weitergeht“, so Annette Kiefer.

 

„Erzähl’s deinem Friseur“ - diese Redewendung passt nicht in die Coronazeit, weil in den ab heute wieder offenen Friseursalons eine Minimalkommunikation praktiziert werden muss. Und das ist nur eine von vielen Schutzmaßnahmen, die auch in Winnender Salons umgesetzt werden.

Uns allen stehen die Haare zu Berge, weil wir seit Wochen nicht mehr beim Friseur waren. Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach einer Friseur-Schere: In einigen Salons sind für die erste und teilweise zweite Woche

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