Winnenden

Das erste Grabfeld für Muslime

Muslimisches Gräberfeld
Das künftige muslimische Grabfeld auf dem Waldfriedhof: Friedhofsverantwortliche Martina Schrag zeigt die Richtung zur Kaaba in Mekka. © ALEXANDRA PALMIZI

Wo möchte ich begraben werden? Für die meisten Winnender ist die Antwort vorhersehbar: in Winnenden, auf dem Stadtfriedhof, dem Waldfriedhof, einem Teilortfriedhof, aber in Winnenden. Muslimische Winnender dachten bisher nicht so. Sie wollten in der alten Heimat, meist in der Türkei, beerdigt werden, nach islamischem Ritus ohne Sarg und mit der Ausrichtung des Leichnams in Richtung Mekka. Jetzt ändern sich die Vorstellungen und Wünsche, und die Stadt reserviert auf dem Schelmenholzfriedhof ein Grabfeld für Muslime. Stadtkämmerin Martina Schrag und Sachbearbeiterin Oksana Bogatsch haben die muslimischen Grabvorschriften erkundet und sie auf dem Grabfeld und in der Friedhofsordnung berücksichtigt.

Muslime werden ohne Sarg – nur im Leichentuch – beerdigt

Muslime leben teilweise in der dritten und vierten Generation in Winnenden. Ihre Urgroßeltern wurden vielleicht noch in der Türkei beerdigt, aber ihre Großeltern sind schon nicht mehr festgelegt, ob sie in der alten oder neuen Heimat begraben sein möchten, zumal ihre Kinder und Enkelkinder in manchen Fällen alle in Deutschland, vielleicht sogar in Winnenden, bleiben. Der wichtigste muslimische Ansprechpartner in Winnenden ist Hilmi Gemici, der Vorsitzende des Vereins der Ditib-Moschee von Winnenden, einer vom türkischen Staat geförderten und getragenen Einrichtung. Von Gemici kam der Vorschlag an die Stadt für das muslimische Grabfeld. Detailliert und schriftlich schilderte er der Stadtverwaltung, was Muslime für eine Beerdigung brauchen und wie sich das mit einem christlich geprägten Friedhof und deutschen Bestattungs- und Hygienevorschriften vereinbaren lässt.

Lange Zeit war das größte Hindernis für eine muslimische Bestattung, dass der Verstorbene im Leichentuch beerdigt werden muss und nicht im Sarg liegen darf. Das widersprach den deutschen Hygienevorschriften. „Seit 2009 wird auch in Deutschland im Leichentuch bestattet“, berichtet Martina Schrag, die unserer Zeitung das muslimische Grabfeld zeigte und erläuterte. Im Prinzip sind also erst seit elf Jahren muslimische Bestattungen erlaubt. Sie sind allerdings trotz der Erlaubnis an die deutschen Verhältnisse angepasst. Das heißt: Der Leichnam wird im Sarg zum Friedhof transportiert und erst dort entnommen und im Tuch beerdigt.

Für Erdbestattungen ist der Waldfriedhof besser geeignet

Von Urnengräbern ist bei den Muslimen nicht die Rede. Sie wünschen Erdbestattungen. Auch deshalb wählten Schrag und Bogatsch in Absprache mit Bauamtsleiter Klaus Hägele den Schelmenholzer Friedhof aus, den die Stadt vor Jahrzehnten anlegte, weil der Stadtfriedhof voll zu werden drohte und weil dort die Verwesung der Leichen durch Nässe verzögert oder verhindert war. Im Schelmenholz am Waldrand sind die Böden wasserdurchlässig, und deshalb zerfallen die Leichen besser. Gemeinsam mit Hilmi Gemici und dem methodistischen Pastor Thomas Mozer, der den Arbeitskreis christlicher Kirchen vertritt, besichtigten sie das Grabfeld und besprachen die Bedingungen.

Die Leichname sollen alle zur Kaaba in Mekka ausgerichtet liegen

Die Ausrichtung zur Kaaba, dem muslimischen Heiligtum in Mekka (Saudi-Arabien), hat für Muslime eine zentrale Bedeutung. In den meisten Moscheen ist die Richtung zur Kaaba markiert, und die Muslime verneigen sich beim Gebet in diese Richtung. Genauso wichtig ist die Ausrichtung zum Heiligtum bei der Bestattung. Muslimische Leichname werden so bestattet, dass sie zur Kaaba ausgerichtet liegen. Ein Vermesser hat die Ausrichtung genau vermessen und definiert, wie Martina Schrag berichtete. Sie konnte die Richtung auf dem Schelmenholzer Friedhof ungefähr anzeigen. Wichtig ist auch die Grabtiefe: 2,20 Meter tief sollen die Leichname beerdigt werden.

Die Stadtverwaltung rechnet mit ungefähr fünf muslimischen Bestattungen pro Jahr. Jedes Grab ist für 20 Jahre angelegt, die Frist kann dann aber verlängert werden. Im nächsten Jahr sollen die ersten muslimischen Beerdigungen möglich werden. Der Gemeinderat hat das muslimische Grabfeld am Dienstag einstimmig beschlossen.

Wo möchte ich begraben werden? Für die meisten Winnender ist die Antwort vorhersehbar: in Winnenden, auf dem Stadtfriedhof, dem Waldfriedhof, einem Teilortfriedhof, aber in Winnenden. Muslimische Winnender dachten bisher nicht so. Sie wollten in der alten Heimat, meist in der Türkei, beerdigt werden, nach islamischem Ritus ohne Sarg und mit der Ausrichtung des Leichnams in Richtung Mekka. Jetzt ändern sich die Vorstellungen und Wünsche, und die Stadt reserviert auf dem Schelmenholzfriedhof

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper