Winnenden

Das Schicksal der Stadtbäume

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Äste brechen wegen des Massaria-Pilzes unvermittelt von den Platanen am Holzmarkt ab. Die Stadtgärtner haben mit ihnen viel Arbeit. © Schneider/ZVW
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Armin Schröder (links) von den Stadtgärtnern und Alexander Egelhof vom Stadtfriedhof vor einer Kiefer: Der Nadelpilz macht ihr langsam den Garaus. Wäre die Kiefer gesund, würden Äste und Nadeln viel mehr vom Himmel verdecken.
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Der Stumpf des Nussbaums in der Höfener Ortsmitte. Die von links nach rechts im Bogen verlaufende Wellenlinie zeigt an, dass der Brandkrustenpilz den gesamten Stamm bis auf den schmalen oberen Streifen faul und mürbe gemacht hat.
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Lange, tiefe Risse und sogar abgeplatzte Rinde: Spuren des Sonnenbrands an einer Buche.
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Erle oxidiert kurz nach dem Fällen – an diesem Stamm am Zipfelbachufer sieht man, dass er durchsetzt ist von Fäulnis. Der Baum wäre bald auseinandergebrochen und umgestürzt.
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Winnenden. Wenn alte Bäume aus dem Stadtbild verschwinden, blutet vielen Winnendern das Herz. Manche schmerzt der Verlust so, dass sie Verschwörungstheorien entwickeln. Jüngste Gerüchte drehen sich um den gefällten Nussbaum in der Höfener Ortsmitte, der angeblich im Hinblick auf künftige Planungen beseitigt wurde. Stimmt aber nicht, wie wir vom Stadtgärtner erfahren.

„Der Nussbaum stand auf Privatgelände, aber direkt am Fußweg, der vom Dorfplatz aus zum Höfener Bädle führt“, sagt Armin Schröder. Stürzt er um, sind Menschen in Gefahr. Der Gärtner hat ein geschultes Auge für kranke Bäume, sah viel Totholz in der Krone und abgeplatzte Rinde am Stamm. Übers Ordnungsamt wurde der Besitzer, ein früherer Kollege von Schröder, benachrichtigt. „Er holte einen Gutachter, der bestätigte, dass der Baum sofort wegmuss.“ Vor vier Wochen war das.

Am seidenen Faden

Von „kerngesund“ wie in der Höfener Gerüchteküche behauptet, kann also keine Rede sein. Die Sägefläche zeigt’s genau. „Die Kampfzone des Brandkrustenpilzes hat fast den gesamten Stamm verfaulen lassen“, so Schröder. Das intakte Leitgewebe war nur noch der sprichwörtliche seidene Faden, an dem der Baum hing. Man kann beinahe mit dem Finger Löcher in den großen Teil des mürben Holzgewebes pulen. Ob das leer stehende Bauernhaus und die Fachwerkschuppen in Privatbesitz dereinst Baugelände werden, steht mit der Fällung in keinerlei Zusammenhang. Die Stadtgärtnerei ist für sichere Bäume zuständig, sonst nichts. „Wenn ich sehe, dass einer bald umfallen könnte, muss ich es melden.“

Die fünf Platanen am Holzmarkt, dem Parkplatz zwischen Gasthaus Traube und Olympia-Kino, stehen indes tatsächlich der Neubebauung der dahinterliegenden Innenstadtbrache mit einem Wohn- und Geschäftshaus im Wege. Wie berichtet, wird die Stadt den Platz davor vermutlich 2019 neu gestalten müssen. Die Planung ist noch nicht konkret, gewünscht sind aber durchaus wieder ein paar Bäume.

Glasknochenkrankheit und Blattpilz

Armin Schröder sieht in der Neugestaltung eine Chance – denn die Platanen leiden seit etwa fünf Jahren an einer Art Glasknochenkrankheit. Das ist keine Erbkrankheit wie beim Menschen, sondern dem Massaria-Pilz geschuldet, der in die Triebspitzen dringt und die Äste unvermittelt abbrechen lässt. „Das Tückische ist, dass er von unten nicht zu sehen ist. Wenn wir nicht rechtzeitig schneiden, werden Autos beschädigt oder Menschen gefährdet“, so Schröder. Im Sommer hat der Gärtner außerdem an der Laubfarbe gesehen, dass sich der Platanen-Blattpilz ausbreitet. „Auch er schädigt den Baum, seine Vitalität nimmt über die Jahre ab.“ Je stärker die Äste eingekürzt werden, je weniger Laub den Baum schützt, desto mehr leidet er außerdem unter der Sonnenstrahlung. „Es sind immer mehrere Faktoren, die einem Baum zu schaffen machen.“

Die vor 50 Jahren gepflanzten Platanen, man kennt sie als Schattenspender in südlichen Ländern, galten lange als ideal fürs problematische Stadtklima. Doch mittlerweile ist ihre Pflege „mit unheimlich hohen Kosten verbunden“. Da sie stark wüchsig sind, werfen ihre Wurzeln auch den Straßenbelag auf, für Fußgänger sind das Stolperfallen. „Auf dem Holzmarkt muss man schauen, wie viel Platz dem neuen Baum eingeräumt werden kann und eine Baumart wählen, die damit klarkommt“, so Schröders Rat für die Neubepflanzung.



Winnenden.
Auch am Zipfelbach macht sich die Klimaveränderung und in der Folge ein Baumsterben durch neue Pilze wie Phytophtora und Falsches Weißes Stängelbecherchen bemerkbar. Erlen und Eschen sind nun nicht mehr die Arten, mit denen die Stadtgärtner den Bestand verjüngen. Armin Schröder erklärt, dass man Erlen zwar immer wieder auf Stock setzen konnte, sie haben dann neu ausgetrieben. „Aber irgendwann kann es sein, dass ihr Fuß durch den Pilz verfault.“ Am beliebten Spazierweg zwischen Rems-Murr-Klinikum und Sportanlagen muss er wiederum auf standsichere Bäume achten. „Gleichzeitig brauchen wir ihre Wurzeln, damit das Ufer zwischen dem mäandernden Bach festgehalten wird“, erläutert er die Strategie, sowohl auf Eichen und Weiden (hervorragend für Insekten) als auch auf Sträucher wie Holunder und Pfaffenhütchen zu setzen. „Ums Auslichten werden wir aber nie herumkommen, denn Besonnung des Bachs an ein paar Stellen fördert ja auch die Artenvielfalt im und am Wasser.“

Bei der Wahl der Baumarten heißt es wie im restlichen Leben: Man lernt nie aus. „Wir gehen zu einer bunten Mischung über, setzen auf Neuheiten, um die zukunftsfähigen Arten zu finden“, sagt Armin Schröder. Er legt aber Wert darauf, dass sie aus einer regionalen Baumschule kommen, weil sie dort im gleichen Klima aufgezogen worden sind. Am Buchenbach bei der Ruitzenmühle hat das Stadtgärtnerteam neue Eisenholzbäume gepflanzt, deren Laub sich im Herbst schön färbt. An der Markthalle und gegenüber vom Stadtfriedhof wurden die abgängigen Eschen ersetzt, unter anderem durch amerikanische Eiche.

Sorgenkind Stadtfriedhof

Ein Sorgenkind ist für den Stadtgärtner auch der Stadtfriedhof selbst. „Er war früher ein richtiger Wald, aber der Sturm Lothar hat mit ihm 1999 Mikado gespielt.“ Die überlebenden Bäume kamen mit ihrem plötzlichen Freistand nicht klar. Schröder zeigt lange Risse im Stamm einer Buche, die Folge von Sonnenbrand an einer Rinde, die die übermäßige Strahlung nicht von klein auf gewohnt war. „Diese Risse sind Eintrittspforten für Pilze.“ Einmal befallen, beginnt der Stamm zu faulen. Krankheiten haben verschiedene Ursachen, Verlauf und Ende sind immer gleich. Auch bei der mächtigen, sicher 70 Jahre alten Kiefer. Wäre sie gesund, man würde den Himmel nicht durch ihre Äste sehen. Der Friedhofsbaum aber hat den Nadelpilz.


Wenn sich Winnenden noch viele Jahre mit dem Etikett „Gesundheitsstadt“ schmücken möchte, ist eine Strategie für mehr Grün in der Stadt unumgänglich. Bäume lindern mit ihrem Schattenwurf und durch die Wasserverdunstung kühlenden Blätterdach die Sommerhitze zwischen Fassaden und asphaltierten Straßen. Sie nehmen Kohlendioxid aus der Luft auf und produzieren frischen Sauerstoff. Und sie sehen schön aus, vor allem, wenn sie mal einige Jahrzehnte alt werden. Dafür brauchen sie für ihre Kronen und ihre Wurzeln genug Platz und Nährstoffe.

Dieses Jahr stellt der Gemeinderat die Weichen für die Neugestaltung von Waiblinger Straße, Holzmarkt und Kronenplatz. Für ein sympathisches Stadtbild und ein gutes Klima ist es immens wichtig, dass Bäume in diesen Planungen einen hohen Stellenwert bekommen. Man muss sie wollen und ihnen einen ausreichend großen Platz zugestehen, an dem sie überleben können. Der asphaltierte „Stadtgarten“ bei der Hermann-Schwab-Halle, der seinem Namen schon lange nicht mehr gerecht wird, sollte als Mahnung dienen.

125 000 Euro im Jahr für Baumpflege

Der Gemeinderat hat die Mittel für die Baumpflege dauerhaft um 50 000 Euro erhöht. Dieses Jahr stehen der Stadtgärtnerei 125 000 Euro zur Verfügung.

Mit dem Geld wird nicht nur gesägt oder zum Schutz vor Sonnenbrand weiß gestrichen (wie bei der Kastanienallee an der Schorndorfer Straße).

Zum erhöhten Aufwand gehören außerdem: Gutachten, Sicherungsseile wie in der Linde bei der Alfred-Kärcher-Halle, Nährstoffversorgung oder eine Tiefenlüftung wie bei der Eibe am Viehmarktplatz.