Winnenden

Das Winnender Mädle blickt zurück

Selina
Selina Gerst hat schöne Erfahrungen gemacht und ermuntert junge Winnenderinnen, sich zu bewerben. © Schneider / ZVW

Winnenden. „Ich habe noch nie so viele Blumen bekommen“, sagt Selina Gerst – und ihr Gesicht blüht beim Rückblick auf ihr Amt als Winnender Mädle auf. Zwei Jahre lang ist sie das Gesicht der Stadt gewesen, hat sie nach außen präsentiert und viel über ihre Heimatstadt erfahren. Auf ihre Nachfolgerin warte eine „spannende neue Aufgabe“.

Unmittelbar nach der Wahl erhielt Selina Gerst Post. „Ein älterer Herr hat einen dreiseitigen Brief geschrieben und gesagt, dass er sich freut und stolz ist auf die Entscheidung der Stadt zum Winnender Mädle“, erzählt sie, die reichlich beschenkt wurde, auch mit „echten“ Blumen. „Das ist schon toll, wenn andere an einen denken.“ Ein klein wenig wie „Queen Mary“ habe sie sich manchmal schon gefühlt. „Viele haben mir gewunken, wenn sie mich herfahren sahen, auch im Stau gucken die Leute.“

Selina studiert inzwischen Jura im zweiten Semester in Heidelberg. Auch hier fiel ihr bunt bedruckter und beschrifteter Stadtflitzer auf. „Kommilitonen haben mich gegoogelt und sich für Winnenden interessiert.“ Das Auto, das ihr die Stadt während der Amtszeit kostenlos zur Verfügung gestellt hat, wird Selina Gerst „ziemlich vermissen“. Rund 20 000 Kilometer ist sie in den zwei Jahren gefahren - die weiteste Strecke war Amsterdam. „Drei Freundinnen und ich haben nach dem Abi eine lustige Fahrt und ein paar Tage in der Stadt erlebt, das Auto war immer ein sehr verlässlicher Begleiter.“

Gut begleitet fühlte sie sich auch von menschlicher Seite. „Ich wurde hineingeleitet ins Amt und immer, wenn ich eine Frage hatte, war jemand da.“ Am Anfang kannte sie fast niemanden, inzwischen sagt sie viel öfter „Grüß Gott“ im Städtle. Ihr Namensgedächtnis habe sie hin und wieder im Stich gelassen. „Ich hätte mir gerne viel mehr Namen gemerkt, aber es ist schwierig, wenn man nur kurz mal mit jemandem geredet hat.“

Rund 50 Termine hat sie wahrgenommen. Sie hat Grußworte und bei der Stadtführung zur „Stunde Null“ gesprochen, bei „Winnenden liest“ ihr Lieblingsbuch Harold vorgestellt, beim Neubürgerempfang für Flüchtlinge ins Englische übersetzt, beim Remstalk ihr Amt präsentiert und beim Neujahrsempfang mit ihrer viel gelobten Rede Schwung verbreitet. Sie ist eine Frohnatur, Typ „Sonnenschein“, kann vor viele Menschen stehen, frei sprechen und Zuhörer mitreißen. Und bleibt cool, wenn Politikprominenz zuhört: Mächtig aufgeregt war sie allerdings beim Landesfest des schwäbischen Albvereins in Sigmaringen: „Da saß Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Publikum.“

Während der Schulzeit hat sie Theater gespielt

Immer fällt ihre Natürlichkeit auf. Sie spricht ohne Scheu, ihr fällt immer etwas ein - zur Not schüttelt sie sich etwas aus dem Ärmel. „Manchmal habe ich erst kurz vorher ein paar Stichworte bekommen, aus denen ich meine Rede machen durfte, da muss man schon flexibel sein.“ Sie kennt das Präsentieren vom Theaterspielen während der Schulzeit. Sie war ein Jahr in den USA, hat bei einer Gastfamilie gelebt und ist dort zur Schule gegangen. „Da musste ich reden und bin selbstbewusster geworden.“ An den Herausforderungen und Hürden wächst der Mensch - auch das Mädle-Amt zählt für sie dazu. „Es ist schön, die Nervosität, die dazugehört, zu überwinden“, beschreibt sie das befreiende Gefühl, eine schwierige Aufgabe geschafft zu haben.

Das Amt hat viel mit Wein zu tun. Einen Bezug, eine Neigung zu ihm sollte die neue Bewerberin also mitbringen. Nicht nur, dass sie zur Eröffnung der Weintage reden muss, auch beim Ausschenken hat Selina geholfen und sie durfte bei der Kreation des Winnender Mädle-Weins mitentscheiden - und, wie sie mit kessem Lachen kundtut, gehörte auch das Probieren zu ihren Amtshandlungen. „Obwohl ich schon vorher gerne Wein getrunken habe, konnte ich viel dazulernen, auch, dass es eine lange Tradition in der Stadt hat.“

Aus dem Amt scheidet sie um viele neue Einblicke reicher. „Ich bin auf Veranstaltungen gegangen, die ich sonst vermutlich nie besucht hätte“, kommt sie auf den Punkt „Neue Erfahrungen“ zu sprechen. Beispiel Seniorenfeier: „Da habe ich erlebt, wie engagiert die Stadt ist, für alle Altersgruppen.“ Ihr hat es gefallen, die Stadt „intern mitzukriegen“. Nach Ansicht von Selina Gerst spricht vieles dafür, den Kandidatinnenkreis auf die Nachbargemeinden auszuweiten. „Man hätte einen größeren Einzugsbereich und sicher einige potenziell gute Bewerberinnen mehr“, argumentiert sie. Über die gemeinsam verbrachten Jahre in weiterführenden Schulen kennt sie viele, die zwar in Leutenbach wohnen, sich aber mit Winnenden verbunden fühlen. Das soziale Leben spiele sich eh für alle in der Stadt ab.


Der Verein Attraktives Winnenden sucht das dritte Winnender Mädle. Bewerbungsschluss ist am 29. Februar, noch hat niemand etwas eingereicht. Kein Grund für den Geschäftsführer Timm Hettich, panisch zu werden. „Zwar sitzen wir wie auf Kohlen. Aber vor 2014 kam die erste Bewerbung auch erst drei Tage vor Ablauf der Frist rein.“

Tja, und die restlichen vier Kandidatinnen meldeten sich am letzten Tag der verlängerten Bewerbungsfrist ... und die Wahl wurde ein schöner, fairer Wettbewerb. Timm Hettich sorgte jetzt für verführerische Preise. „Das Auto, das die Siegerin zwei Jahre lang kostenlos benutzen darf, haben wir letztes Mal ja erst nach der Wahl zugesagt bekommen. Und obendrein gibt es nun auch noch 1000 Euro für den Führerschein von TW- Fahrschule.“ Das ist neu, das stand in der ersten Ausschreibung 2016 noch gar nicht drin.

„Leonie König, die fürs erste Winnender Mädle kandidiert und bei uns ein halbes Jahr Praktikum gemacht hat, ging an alle Schulen und hat Flyer verteilt. Und wir haben alle Exkandidatinnen von 2012 und 2014 angeschrieben.“ Timm Hettich findet, dass alle, außer den Gewählten, es ja noch mal versuchen können, solange sie nicht älter als 25 Jahre sind.

Für Timm Hettich sind die Bemühungen es wert. „Das Winnender Mädle gehört zum öffentlichen Leben, es hat einen historischen Bezug und es hat Charme.“ Zwischen Winnenden und Heilbronn (Heilbronner Käthchen) gibt es kaum eine Stadt mit so einer Figur. „Da schauen die anderen neidisch“, meint Hettich. Solange er noch Bewerberinnen bekommt, die in Winnenden wohnen, wird er den Wettbewerb nicht für Mädchen aus den Nachbargemeinden öffnen. Das hatte Selina Gerst mal vor ihrer Wahl angeregt, schließlich besuchen viele aus Leutenbach, Berglen und Schwaikheim die Winnender Schulen.

Es bleibt also dabei: Bewerberinnen müssen in Winnenden wohnen. Timm Hettich hat stattdessen aus der Bewerbungsphase eine andere Hürde eliminiert, das Video. „Viele reichten es vor zwei Jahren gar nicht ein, weil sie nicht wussten, was sie da erzählen sollen.“ Es reicht also hochoffiziell wieder, nur Fotos abzugeben und das Formular auszufüllen.

Muss man Angst vor Hunderten Anfragen haben, dass man als Winnender Mädle doch bitte hier etwas eröffne oder da auftrete? „Wir machen es wieder so, dass in der Anfangsphase, vielleicht ein halbes Jahr lang, alles über uns läuft. Da kommt extrem viel, und so ist es für das Mädle auch leichter, etwas abzusagen. Danach kann sie erfahrungsgemäß die Termine direkt managen.“

Was ist mit dem Gewand? Selina Gerst ließ sich nach ihrer Wahl ein eigenes schneidern, mit dem sie bei ihren Terminen auftreten konnte, das zu allen möglichen Anlässen passte. Geschichtlich beschlagene Menschen wie Eberhard Schauer vom Historischen Verein schätzten das „blaue Sommerkleid“ nicht, es war ihnen viel zu weit weg von der Figur. Minnesänger Gottfried von Neuffen erzählte ja in seinem Winnender Lied von der Liebe eines Adligen zu einem einfachen Mädchen aus der Stadt. Das war im Spätmittelalter. Bei der Wahl, so Tim Hettich, werden wieder die historischen Gewänder von 2012 verwendet. Und danach stellt der historische Verein der Gewinnerin diverse Gewänder zur Verfügung. „Wir werden den Verein und die Stadtarchivarin Sabine Reustle beim Kleid fürs dritte Winnender Mädle einbinden. Aber es ist mir vor allem wichtig, dass sich die Gewinnerin darin wohlfühlt“, sagt Hettich.

1500 Euro

Auch dieses Jahr erhält die Siegerin bei der Wahl des „Winnender Mädle“ ein professionelles Fotoshooting, außerdem ein Sparbuch über 500 Euro, beides gesponsert von der Volksbank. Zwei Jahre lang darf sie mit einem Skoda Citigo fahren (Autohaus Toepner). 1000 Euro für den Führerschein übernimmt die TW-Fahrschule. Auch die Zweit- und Drittplatzierte gehen nicht leer aus. Bewerbungsunterlagen und weitere Informationen auf www.attraktives-winnenden.de oder auf der Facebookseite des Stadtmarketingvereins Attraktives Winnenden.