Winnenden

Der Winnender Paul Eichinger entwickelt Fahrradgriffe gegen kribbelnde Finger

Griff
Paul Eichinger, der von ihm erfundene individuell gebaute Fahrradgriff und seine Kollegen Christian Renninger und Andreas Schulz (von links). © Alexandra Palmizi

Maßanfertigungen bei Schuhen und Anzügen – eigentlich ein alter Hut. Die Handwerkskunst fürs Individuum wird, der Massenproduktion zum Trotz, nicht aussterben, da man nicht nur die perfekte Passform anbieten, sondern sie mit modernen Schnitten, Modellen und Farben kombinieren kann.

Doch nicht nur Schicksein ist ein Argument für Maßanfertigung, auch Komfort und sogar Schmerzfreiheit. So gibt’s schon länger personalisierte, also nach den eigenen Muscheln geformte Kopfhörer, oder Einlagen nach genauen Abdrücken der Füße. Sie stützen den Fuß, damit er beim Gehen oder Sporteln nicht verkrampft oder sich Sehnen entzünden. Neu ist jetzt, dass ein junger Winnender, Paul Eichinger, einen nach Maß gebauten Fahrradgriff entwickelt hat.

Die Mutter ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis in Winnenden, der Vater Ingenieur

Für seine Maschinenbau-Masterarbeit an der Universität Stuttgart hat der im Schelmenholz aufgewachsene Paul Eichinger (27) sich eines Gesundheitsthemas angenommen und eine individualisierte Computermaus entwickelt. „Ich habe sehr große Hände“, sagt er und zeigt das Gehäuse, auf dem er nun seine Pranken entspannt ablegen und dennoch schnell und viel klicken kann. Es sieht aus wie ein kleines Bergmassiv.

Seine neue Arbeit hat wieder mit Händen zu tun. Und mit seiner persönlichen Leidenschaft fürs Fahrradfahren. Ob ins Lessing-Gymnasium oder ins Fußballtraining nach Hertmannsweiler, als Jugendlicher setzte sich Paul Eichinger aufs Rad. Zu seinem Haushalt, der sich mittlerweile in Ditzingen befindet, zählt kein Auto, dafür zwei Fahrräder, ein Rennrad und neuerdings auch ein Klapprad. Und außerdem verbindet der Maschinenbauer mit dem Projekt (wieder) Aspekte der Berufe seiner Eltern, das sind die Ergonomie und die Entwicklung neuer Gegenstände: Die Mutter führt eine große Physiotherapiepraxis am Adlerplatz in Winnenden, der Vater ist Ingenieur.

„In meinem Alter hat man das Problem zwar noch nicht, das kommt erst mit der Zeit“, weiß Paul Eichinger aus Gesprächen mit Betroffenen: Fährt man länger Fahrrad, werden einige Finger taub, schlafen ein, wie man auch zu dem unangenehmen Kribbeln sagt. Manchmal hilft es, man nimmt eine Hand vom Lenker und schüttelt sie kurz aus. Manchmal hilft das aber nicht mehr, man kriegt zum Beispiel Probleme mit dem Karpaltunnel.

Der neu entwickelte Griff ist aus Silikon, langlebig und leicht zu reinigen

Im Fachhandel gibt’s dafür zwar bereits Griffe, die im Bereich des Handballens breit sind. „Der Druck wird dadurch ganz gut verteilt, die zwei hier verlaufenden Nerven werden dadurch entlastet“, sagt Paul Eichinger. Doch der Ergo-Griff ist immer gleich, egal ob der Radler große dicke oder kleine, feingliedrige Hände hat. „Dazu kommt, dass das bisher verwendete Material, ein Gummi auf Erdölbasis und mit Weichmachern, durch Sonnenlicht und Schweiß erst schmierig wird und sich dann ziemlich schnell auflöst.“

Um diese beiden zentralen Aufgaben zu lösen, hat Paul Eichinger sich übers Internet Mitstreiter gesucht und den Wirtschaftswissenschaftler Andreas Schulz (29) und den Elektrotechniker Christian Renninger (28) aus Stuttgart gefunden. Die drei besuchten Seminare für die Unternehmensgründung und gingen das ganze Thema mustergültig an. Sie prüften alles: Von der Frage, ob die Griffe wirklich gebraucht werden, bis hin zu den Preisen, die Kunden bereit zu zahlen sind. Ein Business-Plan für die Firma Personomic entstand. Mit dem Exit-Stipendium ging's dann richtig los: Paul Eichinger experimentierte mit Materialien, mit dem 3-D-Drucker, mit Gussformen. „Unser Silikon ist hitzeresistent, abriebfest und schnell zu reinigen. Er ist deutlich teurer, aber langlebiger als das bisherige Griff-Gummi“, sagt er.

In Chatforen fanden die drei vielradelnde Testpersonen. Ihre Rückmeldungen flossen in die Entwicklung ein. „Auch ich habe die Prototypen getestet, hatte links den konventionellen aus dem Handel, rechts mein Modell am Lenker“, berichtet Paul Eichinger von den täglichen Touren ans Institut für Steuerungstechnik.

Maßnehmen in einer neuen Dimension: Per Foto zu Hause. Kein Maßband, keine Abdruckmaße werden benötigt

Ganz neue Maßstäbe setzt Personomic bei der Art und Weise, wie Maß genommen wird. Die Kunden machen zu Hause ein Foto von jeder Hand, wie sie auf einem weißen Blatt Papier liegt, und schicken es ein. Christian Renninger hat eine Software entwickelt, die daraus die Daten für den 3-D-Drucker errechnet.

Beeindruckend fanden das alles bisher nicht nur die Tester und Wissenschaftler vom Institut für Konstruktionstechnik und Technisches Design der Uni Stuttgart, die eine Entlastung der Hände nachweisen konnten. In der Folge haben bislang schon mehr als 700 Kunden Griffe vorbestellt.

Maßanfertigungen bei Schuhen und Anzügen – eigentlich ein alter Hut. Die Handwerkskunst fürs Individuum wird, der Massenproduktion zum Trotz, nicht aussterben, da man nicht nur die perfekte Passform anbieten, sondern sie mit modernen Schnitten, Modellen und Farben kombinieren kann.

Doch nicht nur Schicksein ist ein Argument für Maßanfertigung, auch Komfort und sogar Schmerzfreiheit. So gibt’s schon länger personalisierte, also nach den eigenen Muscheln geformte Kopfhörer, oder

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