Winnenden

Die AfD in Backnang

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Knackvolles Bürgerhaus: Die AfD offenbarte in Backnang eine Anziehungskraft, die altgediente Wahlkämpfer der etablierten Parteien schockieren muss. © Jamuna Siehler
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Die AfD in Backnang. © ZVW
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Steht für ein Familienbild aus den 1950er Jahren: AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Hier bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Backnang. © ZVW
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Die AfD in Backnang. © ZVW
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann
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Gegendemo auf dem Schillerplatz und Wahlveranstaltung der AfD im Backnanger Bürgerhaus. © Gabriel Habermann

Backnang. Hat sich in Backnang der rassistische Wolf den staatstragenden Schafspelz übergestreift? Oder ist die AfD eigentlich gar nicht so schlimm? Möge dazu jeder denken, was er will. Sicher ist: Das Bürgerhaus war knackevoll, so mobilisierungskräftig hat sich Politik schon lange nicht mehr präsentiert.

Dies ist in vieler Hinsicht kein normaler Wahlkampfabend: Vor dem Bürgerhaus trennt ein Riegel aus Polizeiwagen die Besucher von den Gegendemonstranten; mit osteuropäischem Akzent redende Security-Schränke filzen jeden Einlass Begehrenden; während der Rede von Landesspitzenkandidat Jörg Meuthen entfaltet eine Stinkbombe ein derart infernalisches Aroma, dass einige Leute erbleicht fliehen, bevor die Klimaanlage zeigt, was sie kann. Vor allem eines aber ist alles andere als üblich: dass 750 Besucher zu einer politischen Veranstaltung kommen; draußen müssen noch Gäste abgewiesen werden. Hier liegt etwas in der Luft, das man seit langem nicht mehr kennt in westdeutschen Wahlkämpfen, die oft so ereignis- wie publikumsarm vor sich hin läppern: eine wie elektrostatisch knisternde Atmosphäre der Erwartung. Für altgediente Kämpen der etablierten Parteien muss dieser Abend ein Schock sein.

Vergleichsweise sturznormal ist der ganze Rest. Es fällt auf der Bühne kein einziger Satz, der auch nur im Entferntesten Skandal machen könnte. Die AfD in Baden-Württemberg präsentiert sich demonstrativ gelassener, seriöser, bürgerlicher als die ostdeutschen Parteifreunde, die schamlos die Nähe zum Hassmob suchen.

Statistiken: Schon in der Begrüßungsrede erntet der Kreisvorsitzende Ralf Özkara dreimal Beifall und „Bravo“, als er den Demonstranten vor der Tür „ein sehr, sehr seltsames Demokratieverständnis“ bescheinigt. Frauke Petry wird – Zählung ohne Gewähr – zweiundzwanzigmal von Szenenapplaus unterbrochen. Nach Meuthens Rede gibt es handygestoppte 36 Sekunden rhythmisches Klatschen, sieben Leute stehen dazu auf wie bei der Oscar-Verleihung. Und Beatrix von Storch, die anfangs mit durchaus kabarettistischem Talent das Gender-Mainstreaming verspottet, greift Lacher um Lacher ab, bevor sie gegen Ende in ihrem missionarischen Eifer zusehends den Faden verliert.

Professor Jörg Meuthen verkörpert einen durch und durch unaufgeregten Habitus. Routiniert umreißt er seine Ideen zur Flüchtlingskrise – Grenze schließen, schnelle Abschiebungen, „wir müssen bereit sein, auch unfreundliche Dinge zu tun“ –, ohne je aufzudonnern. Nicht einmal von einem aufgebrachten Zwischenruf – „Die Menschen kommen aus Not!“ – lässt er sich aus der Ruhe bringen. Während durchs Publikum Hohngelächter schwappt, „Hausverbot“-Rufe laut werden und ein Ordner den Mann am Handgelenk rauszuzerren versucht, empfiehlt Meuthen dem Empörten mit väterlichem Schmunzeln einfach, sich wieder hinzusetzen; „mit meinen Kindern mach ich es so, dass ich bis drei zähle“.

Genießerisch zitiert Meuthen, was der politische Gegner über die AfD sagt: Schäuble nennt sie „rechte Dumpfbacken“, Gabriel „Pack“, Nils Schmid „rassistische Hetzer“. Unter Juchzen und Beifall aus dem Saal antwortet Meuthen: Dies sei „unhaltbarer Quatsch“ und „Ausdruck der Verzweiflung“ eines „politischen Establishments“, das sich „durchweg in einem desaströsen Zustand“ befinde, „Anstand, Fairness und Niveau vollständig verloren“ habe, „ziemlich ratlos, tief frustriert und ängstlich um seine Pfründe“ bange und sich deshalb in „übelste Diffamierungskampagnen“ flüchte. Die AfD sei „ein wirklich neues, wirklich alternatives Angebot – es gibt wieder eine Wahl in diesem Land.“

Frauke Petry, zierlich, ernst, konzentriert, spannt danach den großen Themenbogen auf: plädiert „für ein Deutschland, in dem Kinder wieder selbstverständlich sind“; will „Volksentscheide auf Bundesebene“; nennt Wind- und Sonnen-Energie „unsinnige und utopische Projekte“; warnt vor dem Freihandelsabkommen TTIP, das den „Mittelstand auf Dauer schwächen“ und nur „multinational agierenden Konzernen“ dienen werde; und fordert mehr nationale Souveränität für die Länder in Europa – es gelte, „Unterschiede zu akzeptieren und Vielfalt zu leben, aber innerhalb nationaler Grenzen“. Dazu stellt sie ein Zitat von, jawohl, Immanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Es ist, in zwei Worten, eine nationalkonservative Programmskizze.

Wenn man das nicht mehr sagen darf, dann stimmt was nicht in diesem Land, werden viele folgern nach dem Backnanger Abend. Andere werden warnen: Die tun jetzt nur so seriös, weil sie die Rassisten sowieso schon hinter sich wissen. Wie auch immer: „Volle Hütte“, schwärmt Jörg Meuthen. Er freue sich auf den Wahlabend. „Sie ahnen gar nicht, wie sehr.“

Schon gewonnen

„Es ist ein Siegeszug, den wir derzeit machen.“ Jörg Meuthen, Spitzenkandidat der AfD Baden-Württemberg.