Winnenden

Die großen Gräber werden seltener  - ein Urnen-Grabfeld ensteht im Winnender Friedhof

Stadtfriedhof
Die Friedhofsverantwortlichen Martina Schrag, Klaus Hägele und Oksana Bogatsch bei einer alten Kiefer im unteren Teil des Stadtfriedhofs: Hier soll ein Urnengräberfeld entstehen ... © ALEXANDRA PALMIZI

Ende 2021 wird es sichtbar werden: Die Bestattungskultur ändert sich radikal auf dem Winnender Stadtfriedhof. Vor zehn Jahren war es üblich, dass etwa die Hälfte der Verstorbenen im Sarg in der Erde bestattet wurde – 2019 waren es nur noch 20 Prozent. Die anderen 80 Prozent wollten eine Urnenbeisetzung. Wie es in diesem Corona-Jahr aussieht, kann man sich an fünf Fingern abzählen: fast nur noch Urnenbeisetzungen. Es ist ja klar: Ist der Leichnam zu Asche verbrannt, lässt sich die Beisetzung viele Wochen hinauszögern, und so hat man die Chance, darauf zu warten, dass wieder größere Trauerfeiern erlaubt sind. Die Stadt reagiert auf die veränderte Bestattungskultur, die im Gegensatz zu vielen anderen Friedhöfen auf dem traditionellen Winnender Friedhof noch wenig auffällt. Jetzt richtet sie auch hier schon von weitem erkennbare Orte für Urnen ein.

Freie Gräber: Neue Flächen auf dem Friedhof

Platz ist vorhanden auf dem Stadtfriedhof. Es ergibt sich sogar immer mehr Freifläche, denn die Friedhofsverantwortlichen der Stadt erleben es immer häufiger, dass Angehörige Gräber aufgeben, deren Mietdauer abgelaufen ist. Gräber sind meist auf 20 Jahre gemietet und wurden früher in aller Regel nach 20 Jahren verlängert. Familiengräber bleiben über viele Jahrzehnte hinweg die Grabstätte einer Familie, wenn sie in Winnenden wohnt. Heutzutage kommt es aber vor, dass Familien ihr angestammtes Grab zurückgeben an die Stadt, wenn es abgelaufen ist. Stadtkämmerin Martina Schrag, die die Friedhofe verwaltet, erlebt dies in jüngster Zeit manchmal und erinnert sich zugleich, dass sie selbst das noch vor wenigen Jahren für undenkbar gehalten hätte. Kulturen ändern sich – auch auf dem Friedhof.

Urnenstelen: Im Tod sind alle gleich

Ziel von Hinterbliebenen ist es seit eh und je, eine würdige öffentliche Erinnerung an die Verstorbenen zu bewahren. Aber weitere Ziele sind, dass sich die Kosten im Rahmen halten sollen und dass der Hinterbliebene auch fern von Winnenden leben kann und nicht alle zwei Wochen zur Grabpflege den Friedhof aufsuchen möchte. Solche naheliegenden Überlegungen nähren den Trend zur Urne. Noch stehen auf dem Stadtfriedhof einige herausragend schöne Grabsteine, mit denen Angehörige ihre Verstorbenen ehren und die Erinnerung besonders würdig, kreativ und aufwendig pflegen. Doch auf dem Schelmenholzfriedhof findet man den klaren Gegentrend dazu: schlichte Urnenstelen, Regale aus Beton mit kleinen Steintüren, auf denen die Namen der Verstorbenen eingemeißelt sind. Die Stadt habe auch eine künstlerisch gestaltete Urnenstele – aber die werde von den Hinterbliebenen nicht angenommen, erzählt Martina Schrag. Die schlichte, unauffällige Form ist gefragt, die das ausdrückt, was viele denken: Im Tod sind alle gleich.

Möglichkeit: Urnenstelen können sich ausbreiten

Schlichte Urnenstelen, wie sie im Waldfriedhof oder auf dem Höfener Friedhof stehen, sollen Ende des Jahres 2021 auf dem Stadtfriedhof aufgestellt werden im unteren Teil beim Ausgang zur Friedhofstraße. Die Fläche war immer schon frei. Dort kann also schnell begonnen werden mit der Vorbereitung der Fläche für die Urnenstelen. Direkt neben der jetzt schon vorhandenen Freifläche werden im neuen Jahr einige Gräber frei, andere sind schon an die Stadt zurückgegeben, so dass hier künftig die Reihe der Urnenstelen fortgesetzt werden kann.

Grabfeld: Band aus Natursteinplatten

Eine andere Form der Urnenbeisetzung soll künftig ganz unten im Stadtfriedhof möglich werden: ein Urnen-Grabfeld. Stadtbauamtsleiter Klaus Hägele kann sich dieses Feld jetzt schon ganz plastisch vorstellen. Eine alte Kiefer steht in dem bereits frei geräumten Feld. Um den schönen Baum herum sollen Urnen beigesetzt und ein Gedenkband aus Natursteinplatten mit eingravierten Namen der Verstorbenen ausgelegt werden. Ein Landschaftsplaner, der schon Entwürfe vorgelegt hat, soll die Grabfläche gestalten und eine Gärtnereigenossenschaft soll sie pflegen. Beide neuen Urnenprojekte auf dem Stadtfriedhof hat der Gemeinderat in seiner Sitzung vor Weihnachten noch beschlossen. Für das Urnen-Grabfeld im unteren Bereich soll in diesem Jahr mit der Gestaltung begonnen werden.

Blumengruß? Passt nicht ganz zum Urnenfeld

Wenn die ersten Urnen dort beigesetzt werden, wird ein bekanntes Problem aufkommen: Hinterbliebene möchten vor allem im ersten Trauerjahr doch noch einen Kranz ablegen an der Grabstätte, einen Blumengruß oder – was in letzter Zeit öfter vorkommt – einen Teddybär. Wie geht die Stadt damit um? Vielleicht ist es besser, wenn man es von vorneherein klarstellt. „Das ist nicht erwünscht“, sagt Martina Schrag. „Wir räumen das auch ab. Ein vier Wochen alter Kranz sieht nicht mehr frisch aus, und ein Teddybär, der wochenlang im Regen lag, passt auch nicht dorthin.“ Hinterbliebene müssen sich zurückhalten, haben aber einen Vorteil, den auf die Dauer viele schätzen und suchen: „Sie haben gar keinen Pflegeaufwand mehr. Die Fläche wird von Gärtnern mit Stauden bepflanzt“, sagt Schrag. Es wird ein schönes Grabfeld, das aber einheitlich gestaltet wird und zu dem individuelle Trauer- und Erinnerungszeichen nicht passen werden. Urnengrabfelder gibt es auf vielen Friedhöfen, aber in dieser Form, mit den ausgelegten Gedenk-Steinplatten, hat Klaus Hägele noch nirgendwo welche gesehen: „Es ist eine ganz neue Form.“

In der Gemeinderatsdiskussion zu diesem Thema fragte Hans Ilg (FWV) nach Wiesengräbern, die es auf einigen Friedhöfen in der Umgebung gibt. Davon riet Hägele ab: „Andere Gemeinden haben schlechte Erfahrungen damit gemacht.“ Es habe Absenkungen gegeben und dann auch einen größeren Pflegeaufwand als zunächst erwartet.

Zukunft: Reservefläche für Unbekanntes

Der Stadtfriedhof wird sich weiter ändern in den nächsten Jahren. Im unteren Bereich, wo viel Staunässe in der Erde steckt, werden künftig nur noch Urnen beigesetzt, im oberen Bereich werden Erdbestattungen möglich bleiben, aber sie werden deutlich seltener gewünscht, weshalb auch oben immer mehr Grabflächen frei werden. Die Friedhofsverantwortlichen der Stadt rechnen mit weiteren Veränderungen. Kämmerin Martina Schrag und Bauamtsleiter Klaus Hägele haben eine jetzt schon freie Fläche in der Mitte des Friedhofs reserviert für Bestattungsformen, „die noch kommen werden und die wir heute noch gar nicht kennen“.

Ende 2021 wird es sichtbar werden: Die Bestattungskultur ändert sich radikal auf dem Winnender Stadtfriedhof. Vor zehn Jahren war es üblich, dass etwa die Hälfte der Verstorbenen im Sarg in der Erde bestattet wurde – 2019 waren es nur noch 20 Prozent. Die anderen 80 Prozent wollten eine Urnenbeisetzung. Wie es in diesem Corona-Jahr aussieht, kann man sich an fünf Fingern abzählen: fast nur noch Urnenbeisetzungen. Es ist ja klar: Ist der Leichnam zu Asche verbrannt, lässt sich die Beisetzung

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