Winnenden

Die Kunstbaustelle im Untergrund

KrekelerH2_0
Holger Krekeler stellt seine Neo-Dada- und Fluxus-Kunst in der Kronenplatzunterführung aus. Das Fenster ist seine Underground-Gallery. © Ramona Adolf

Winnenden. Er ist ein schräger Vogel und doch ein ganz bodenständiger Typ: Holger Krekeler. Banker von Beruf und Familienvater. Sein Hobby ist Kunst. Anschauen, darüber lesen – und Selbermachen. Seine Spezialitäten sind Dada und Fluxus. Als Künstler nennt er sich Reglow, so wie wenn man Holger rückwärts liest. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet es: Altes leuchtet wieder.

Holger, Reglow: Die Wortspielerei aus Kindertagen, versehen mit einer neuen Bedeutung, das sagt viel aus über die Kunstrichtung des 42-jährigen Winnenders. Er liebt es, Weggeworfenes und Ausrangiertes zu sammeln, diese Gegenstände neu zusammenzustellen und ihnen so eine Aussage anzudichten. Das nennt man Fluxus, und bei Reglow ist oft ein Augenzwinkern mithineingebaut. Seit über einem Jahr hat er ein Schaufenster in der Kronenplatzunterführung von der Stadt gemietet, um seine kleinen und großen Werke dort, in seiner „Underground Gallery“, auszustellen.

Die Ausstellung im Glaskasten als Kunst-Baustelle

Die neueste Schau nannte Reglow „Still Under Constructionism“. Er freute sich so lange diebisch über die Wortspielerei aus dem englischen Begriff für Baustelle und dem für die Kunstphase Konstruktivismus, bis er entdeckte, dass die Pädagogik dieses Wort längst verwendet. Es bedeutet, dass Wissen von den Lernenden selbst aufgebaut wird durch Gestalten und Ausprobieren. Das passt. Reglow mixt Absperrband und Möbelaufbauanleitungen, Gebote und Verbote zu einem Puzzle und klebt darüber völlig schiefe Dreiecke. „Damit verweigere ich mich der Erwartungshaltung anderer.“

„Meine Abfall-Kunst passt in diese urbane Unterführung“

Auch die Skulptur „Ballaballa“ irritiert den, der nicht am Fenster vorbeihastet: rechteckiger Holzklotz, Dreieck aus Plastik, dazu Schlauch und Schnur – alles ist aneinandergefügt, nichts passt zum anderen, die Kunst huldigt der Form und nimmt sich zugleich selbst auf den Arm. In jedem Fall passe der Abfall in die urbane, alte Unterführung, das ist Reglow wichtig.

„Egal, was ich mache, es ist crazy“, sagt Reglow lachend. Er ist Autodidakt und Allrounder, was seine Frau Nicole Krekeler sofort bestätigt: „Auch vor dem Tischdecken oder der Salatsoße macht er nicht halt.“ Nicole Krekeler teilt sein Faible für die Kunst und ihre vielen Spielarten, bloß bei den beiden Kindern, acht und sechs Jahre alt, sorgt das Hobby der Eltern eher für Genervtsein. „Ich lasse sie, bis sie von selbst Lust bekommen“, sagt Holger Krekeler. Bei ihm war’s anders, da sprang der Funke früh über. Der Vater ging mit ihm in Museen. Die Familie zog 1986 von Freudenstadt nach Nellmersbach und Krekeler ging ins Max-Born-Gymnasium Backnang, wo die Lehrer Utz Föll und Ernst Hövelborn die künstlerisch-schöpferische Ader förderten. „Damals wollte ich Schauspieler, Sänger oder Tänzer werden“, erzählt Holger Krekeler. Doch nach der Mittleren Reife machte er, zum Entsetzen seiner Freunde, eine kaufmännische Ausbildung bei der Deutschen Bahn und wechselte dann zur Kreissparkasse.

Die Kreissparkasse gefällt ihm auch als Kulturförderer

Der zweite Schritt war definitiv kein Zufall mehr: „Die Kreissparkasse ist mir sympathisch, sie ist der größte staatliche Kulturförderer“, sagt Holger Krekeler. Er kann mit den Gegensätzen, dem angepassten Verhalten im Beruf und dem freigeistlichen in der Kunst, hervorragend leben, und auch die Freunde haben gemerkt, dass er im Grunde doch der Alte geblieben ist.

„Ich mag alles, was Patina hat, auch das Spielzeug der 80er Jahre“, deutet Reglow auf das blaue Pony und zwei Plastikfiguren aus dem Superheldencomic, die auf einem Kellogg’s-Poptarts-Sockel kämpfen. Garniert ist das Arrangement mit einer geschliffenen Glaskugel, Styropor-Teilen und dem Titel „artyfarty“. „Ich bin ein Sachensucher. Und wenn ich zum Beispiel in einem Stück Teer das Profil einer afrikanischen Frau entdecke, ist es für mich wie Ostern und Weihnachten zusammen.“

Der Kunstsalon bespielt den Rest der Passage

Reglow hat einen großen Schaffensdrang. Alle drei bis vier Wochen entsteht etwas Neues. Seit Eröffnung seiner jüngsten Schau mit zwölf Werken ist noch ein weiteres Fenster dazugekommen, mit schwarzen Gartenstühlen ohne Kissen, aber mit gelben Untersetzern, Massagematten und Büchern über Wut und Kunst. „Aber das ist temporär, der Kunstsalon braucht das Fenster für seine Aktion.“

Eva Schwanitz, Alfons Koller, Markus Hallstein, Jaro Benoni, Renate Mildner-Müller, Wolfhild Hänsch und weitere Kunstsalonmitglieder nehmen sich je ein leerstehendes Schaufenster vor und gestalten es auf ihre Weise. Die bereits vermieteten Schaufenster bleiben bestehen.

Am Sonntag, 19. Juni, um 17 Uhr eröffnet der Kunstsalon die Ausstellung in der Kronenplatzunterführung unter dem Titel „Im Offspace“. Eva Schwanitz, Beuys-Schülerin, Kunstlehrerin im Ruhestand, Kunstsalonleiterin und freischaffende Künstlerin, erklärt den Begriff: „Offspace nennt man ein siffiges Stadtviertel oder eine Brache mitten in der Stadt, über die das Bürgertum im Allgemeinen und der Kunstsammler im Besonderen die Nase rümpfen. Belegen Künstler diese Räume, werden sie schick und dann saniert.“ Die Passage wird mit der Neubebauung des Kronenplatzes verschwinden.