Winnenden

Die Tage der Köhlerfabrik sind gezählt

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Die seit Jahrzehnten stillgelegte Bäckereigerätefabrik Köhler: Wie viel von ihr bleibt übrig, wenn hier Wohnungen entstehen? © Schneider/ZVW

Winnenden. Seit über 100 Jahren prägt die Köhlerfabrik das Stadtbild an der Ecke Schmidgallstraße / Palmerstraße. Genau diese Ecke wird sich nun verändern, es ist nur noch nicht klar, wie stark. Die Immobilienfirma Riker hat mittlerweile drei Grundstücke an diesem Platz unter Vertrag: die Köhlerfabrik selbst, das Eck-Wohnhaus und das Grundstück hinter dem Fabrikbau.

Riker möchte auf diese Grundstücke bauen, was gerade viele Leute brauchen: Wohnungen. Fürs Wohnen ist die Bahnhofsvorstadt gerade sehr begehrt. Es ist eine komfortable Lage zwischen S-Bahn und Stadtzentrum, und es ist immer noch ein gewachsenes Wohnviertel mit alten Backstein-Bürgerhäusern, grünen Restflächen in den Innenhöfen der Quartiere – stadtnah und malerisch. Aber es ist auch so: Jeder Abriss und Neubau verdichtet und versachlicht das Viertel. Noch sind Eckhaus und Köhlerfabrik vertraute handwerklich gemauerte Fassaden. Die Fabrik ist ein bedeutendes Stück Winnender Industriegeschichte. Ob von ihr ein Teil erhalten bleibt, ob Stücke der Fassade weitergenutzt werden oder gar der Baukörper insgesamt – das weiß Bauträger Björn Riker noch nicht. Er ist noch in der Überlegungsphase. Sicher ist nur: Es werden Wohnungen, und die werden geplant vom Architekturbüro Dieter Rommel, das in Winnenden schon einige repräsentative Gebäude gut in die alte Umgebung eingefügt hat (Schule der Paulinenpflege in der Langen Gasse, Marie-Huzel-Kindergarten, Haus der Evangelischen Kirche) und das demnächst auch das Mehrgenerationenhaus in der Bahnhofsvorstadt bauen wird.

Die Substanz des Fabrikbaus hat in den letzten Jahren gelitten

Die Bausubstanz der Fabrik und des Eckhauses gilt als problematisch. Riker hat den Eindruck, dass das Fabrikgebäude auch in den letzten Jahren noch gelitten hat. Man darf also bangen um ein altes Stück Winnenden.

Vor Jahrzehnten war die Köhlerfabrik einer der wichtigsten Faktoren in der Winnender Industrie. Bäcker im ganzen Land kannten sie, weil sie ihre Backöfen und Teigmaschinen dort gekauft hatten und weil sie zur Reparatur oder zum Ersatz nach Winnenden fuhren. Viele Winnender waren zum Köhler zum Schaffen gegangen. Vor mehr als 30 Jahren wurde die Produktion eingestellt. Seither ist es still um das heimelige, alte Backsteingebäude aus dem Jahr 1872.

Lofts in den alten Fabrikmauern wären schön, aber teuer

Vor zwölf Jahren stand die Fabrik einmal kurz vor dem Abriss. Um den zu verhindern, brachte der Winnender Bauingenieur Rolf Fuhrmann damals im Gespräch mit der Winnender Zeitung die Idee auf, Lofts in das Fabrikgebäude einzubauen. Was Fuhrmann allerdings damals schon beobachtete: Neubauten in der Nachbarschaft schränken die Entwicklungsmöglichkeiten der Köhlerfabrik ein. Die Grünfläche hinter der Fabrik wird kleiner. „Stellplätze werden das Problem bei der Köhlerfabrik“, sagte Fuhrmann damals. Riker hat nun auch die Fläche hinter der Fabrik erworben und wird damit möglicherweise das Stellplatzproblem angehen können. Aber wie viel von der alten Fabrik kann er dann bewahren? Und wie teuer würde es, die ganze Fabrik zu erhalten und in Wohnungen zu verwandeln?

Keines der Gebäude steht unter Denkmalschutz

Schon viele Jahre ist bekannt: Kein Gesetz schützt diese Häuser gegen Abriss. Im Jahr 2001 hat die Stadt mal beim Landesdenkmalamt nachgefragt, ob die alte Fabrik für Backmaschinen unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. Die Antwort war enttäuschend: Die Wertigkeit der Substanz reiche nicht aus. Der Stadtentwicklungsamtsleiter von damals, Daniel Güthler, gab auf Anfrage zu: „Wenn morgen einer einen Abrissantrag für dieses Gebäude stellt, dann müssen wir dem zustimmen, weil wir keine gesetzliche Handhabe haben.“

Wahrscheinlich wird es in diesem oder im nächsten Jahr ernst für die Köhlerfabrik und das Eckhaus. Riker kündigt schon mit einem Werbeplakat neue Wohnungen an. Er wird sie bauen. Bereitschaft, auf das vertraute Stadtbild zu achten, zeigt er durchaus, aber er ist Bauträger und wird darauf achten, dass die Wohnungen noch für seine Kundschaft bezahlbar bleiben.