Winnenden

Die Winnender Virenschutzwand

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Schreinermeister Steffen Franzke, sein Sohn Robert, Apothekerin Elke Seitz-Beller und ihr Mann Wilfried Beller (von links). © Alexandra Palmizi
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Spuckschutz
Über diesen Glasschieber werden Geld und Ware ausgetauscht. © ALEXANDRA PALMIZI

Winnenden. Schreinermeister Steffen Franzke sagt, er musste schon „ein paarmal lachen“ über den „kleinteiligen Pseudo-Spuckschutz“, den er grad überall sieht. Für die Apotheke am Rathaus hat er eine vollflächige und damit nicht mehr löchrige Konstruktion gebaut, die den Viren ab heute schwäbischen Tüftlergeist entgegensetzt.

Acht Millimeter Plexiglas liegen nun zwischen Kunden und den Mitarbeitern der Apotheke. Eingefasst ist die Schutz-Scheibe in Profilleisten aus Buchenholz und Verbinder aus verchromtem Messing. „Der Kunde steht einer fast deckenhohen Konstruktion ohne Löcher zum Durchgreifen gegenüber“, erklärt der ausgebildete Ingenieur Wilfried Beller die von ihm ersonnene Konstruktion.

Schwäbischer Tüftlergeist mit einigen Besonderheiten

Genau sie, die lückenhaften Konstruktionen mit Durchreichen für Ware und Geld, so groß wie Klopapier-Zehnerpackungen, seien das Problem vieler „Spuckschutz“-Vorkehrungen, die auf Wochenmärkten, in Bau- und Supermärkten schon installiert wurden. „Die Viren lassen sich von den paar Zentimetern Plexiglas nicht sonderlich beeindrucken“, rügt Wilfried Beller, der Erfinder des Apotheken-Spuckschutzes. Das Risiko, eine Ladung Viren abzubekommen, sei mit 15 bis 20 Zentimeter über dem Auflagebereich vor der Kasse angebrachten Scheiben gegeben. „Beim Husten und Sprechen werden Aerosole frei, über die das Virus verteilt wird, und die kommen seitlich, oben und unten munter vorbei“, so Beller. Einen weiteren Makel hat seine Frau, die Apothekerin Elke Seitz-Beller, beim Einkauf schon beobachtet: Reflektierende Scheiben geben dem Kunden das Gefühl, beim Sprechen nicht gehört zu werden. „Viele helfen nach, indem sie sich runterbeugen und durch die freie Lücke sprechen. Diese Probleme beim Abstandhalten sollen sich mit der „in Winnenden einmaligen“ vollflächigen Konstruktion nicht wiederholen.

Schwäbischer Tüftlergeist spricht aus etlichen Besonderheiten: Über einen Glasschieber werden Geld und Ware ausgetauscht. Die Durchreiche wurde auf ein Minimum reduziert. Gerade mal ein EC-Gerät oder etwa eine Großpackung Medikamente passen durch. Um zu verhindern, dass sie nach dem Bezahlen offen steht, wurde ein Plexiglasteil vertikal auf dem Glasschieber montiert. Das Scheibenteil fährt als „mobiles Element“ beim Zahlvorgang mit, hinterher schließt es sich und die Scheibe ist komplett verschlossen. Größere Mengen, die nicht geschoben werden können, werden seitlich der Verkaufstheke auf einem Wagen über einen Tisch dem Kunden gegeben. Die Dichtungen sind aus Kunststoff. Verbinder und Profilleisten verleihen der Scheibe Stabilität, wenn sich ein Kunde abstützen will. Der Glasschieber ist pflegeleicht, hat keine Ecken und Kanten. Silikonabdichtungen schützen die Profile vor Wasser beim Reinigen, auf Verschraubungen sei bewusst verzichtet worden.

Einen 100-Prozent-Schutz kann es nicht geben

Wie die Apothekerin betont, biete auch ihre vollflächige Scheibe keinen 100-Prozent-Schutz, den könne es nicht geben: „Auch über Bindehäute kann das Virus aufgenommen werden, darum tragen unsere Mitarbeiter Schutzbrillen.“

In den letzten Wochen wurden Kunden über ein Provisorium durch ein Fenster zur Straße hin bedient. Nachdem er die Bilder aus Italien gesehen habe, sei ihm vor zwei Wochen klar gewesen: „Wir brauchen einen großflächigen und geschlossenen Schutz, der einmal ganz um die gebogene Verkaufstheke herumläuft und fast bis zur Decke reicht“, so Wilfried Beller.

Übers Wochenende hat sich der ausgebildete Ingenieur und Mann von Apothekerin Elke Seitz-Beller an die Tüftelarbeit gemacht, Handskizzen angefertigt und einen Plan gezeichnet. Ein Stück Papier ist bekanntlich geduldig, die Apotheke als „systemrelevante“ Infrastruktur hat aber keine Zeit zu verlieren: „Wir haben einen Versorgungsauftrag und müssen unsere Mitarbeiter schützen“, sagt Elke Seitz-Beller. „Am Montag um acht Uhr hat bei uns das Telefon geklingelt“, berichtet Schreiner Steffen Franzke, der mit seinem Sohn Robert schnell und flexibel reagieren konnte und die Neuerung innerhalb von vier Tagen realisiert hat.

Erste Tests mit den Mitarbeitern hätten zu guten Resultaten geführt: „Wir haben wie Schauspieler Verkaufsgespräche nachgestellt“, berichtet Elke Seitz-Beller von internen Schulungen. Dabei sei auch die Akustik intensiv getestet worden. Bedenken, dass es Probleme bei der Verständigung geben könnte, hätten sich verflüchtigt. Für Spuckschutz gebe es keine gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Beschaffenheit, Höhe oder Breite. Ehepaar Beller war wichtig, dass der Spuckschutz leicht zerlegbar und später leicht verwendbar ist. „Wir stellen uns zunächst auf ein Vierteljahr ein, aber diese Konstruktion wäre auch als Dauerlösung denkbar, auch für den gesamten Handel“, so Wilfried Beller.