Winnenden

Die zwölfte Ausstellung in der Unterführung am Kronenplatz ist eröffnet

Kronenplatz
Jaro Benoni und ihr Werk. © Alexandra Palmizi

Bodenversiegelung und Himmelsblick, zwischen Erde und Wolken, Sonnenuntergänge und Spinnweben: Die Kunstgalerie im „Offspace“ streckt die Arme nach dem Betrachter aus und kehrt ihm den Rücken zu, zeigt Wandlungen bildhaft und abstrakt, spannend bis einfühlsam.

An der Schwelle vom Tag zur Nacht ist Eva Schwanitz besonders gerne draußen unterwegs. Es zieht sie auf die Felder, wo der weite Horizont viel vom Sonnenuntergang sehen lässt. Dieses Himmelsfarbenspiel überträgt sie in „transitorische Momente“, wie sie ihre verträumten Holzschnitte nennt. Sie sieht im schwindenden Tageslicht „Symbole des ewigen Wandels“ und stellt diese Übergänge als pulsierende Tonfolgen dar, auf Basis von Holzplatten, die sie auf Stoff und Leinwand aufzieht und im Verfahren „offene Platte“ mit Aqua-Linoldruckfarbe beackert. Von der Wirkung her spielen sieben Farben und drei Blautöne miteinander „Fangerles“ auf dem Weg von Helligkeit und Dunkelheit, von Schwere zu Leichtigkeit. „Übergänge passen gut in die Zeit, vieles ist im Wandel.“

Verwandlung ist Thema bei Elke Lang-Müller

Verwandlung ist auch Thema von Elke Lang-Müller. Sie finde in Gärten viel Motivhaftes und Motivation. „Wie in der Natur wächst das Bild und verändert sich, Struktur entsteht durch verschiedene Farbaufträge oder Wiederabnahme“, beschreibt sie ihre Acryl- und Ölwerke, die je nach Blickwinkel verschiedene Deutungen zulassen. „Es kommt auf die Sichtweise an, ich sehe die strenge Struktur der Linien, aber auch, dass sie breiter werden und Veränderung möglich ist.“ Sie hat wie alle beteiligten Künstler Erklärendes zu ihren Bildern mit ins Schaufenster gelegt.

Auf dem Bild von Alfons Koller fällt beim Vorbeigehen durch das schummrige Unterführungslicht die Leuchtkraft auf. „Nanoseconds“ zeigt Farbverläufe, eingefrorene Sekunden, das Auge schaut auf Kleckse, Tintenflecke, Pantoffeltierchen. „Little Boy with Brothers and Sisters“ - anspielend auf die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe arbeite die Werkgruppe „Nanoseconds“ mit Archivmaterial historischer Kernexplosionen, nuklearer Waffentests und zufälliger Schnappschüsse, erklärt der Künstler auf seinem Beiblatt. Das Ergebnis sind digitale Grafiken mit malerischer Ästhetik, hervorgegangen aus dokumentarischen Aufnahmen, die, wie Koller auf seiner Webseite fortfährt, „dank einer Spezialkamera die ersten Nano-Sekunden der sich ausbreitenden Energie sichtbar werden lassen und eine Beziehung zum Hier und Jetzt schaffen“.

Dorothea Geppert-Beitler hält das Werden und Vergehen in abstrakter Weise fest: Ihr Bild „Holunderblüten im Wind“, das sie für die erste Offspace-Jahresschau im April in ihr Fenster gehängt hatte, hat Staub und Spinnweben angesetzt. Die Künstlerin hat ein bisschen nachgeholfen mit Haarspray und Sprühlack. Wie bildhaft für das Leben, eine Metapher für die zerrinnende Zeit!

„Hier sieht es ja aus wie in einem alten Schloss“

Wer genauer hinsieht, entdeckt in ihrem als eine Art „Lost Space“ inszenierten Fenster ganz viele dieser transparenten spinnigen Klebefäden. „Hier sieht es ja aus wie in einem alten Schloss“, kommentiert ein Betrachter im Vorbeigehen spontan den sprichwörtlichen an allem Weltlichen nagenden Zahn der Zeit. Und – was ist das da im Eck rechts oben? Da hat die Oberfläche schon Risse bekommen. Wie menschlich, dass auch die „Haut“ des Materials um ein paar Falten reicher geworden ist. Was sie sich dabei gedacht hat, fasst sie zusammen mit der Songzeile von Bob Dylan: „All we are is Dust in the Wind“.

Während ihr Bild gedanklichen Staub zur Erde rieseln lässt, schaut Jaro Benoni in umgekehrte Richtung himmelwärts. Ihre Wolken, weiß-grau-melierte Sahnehäubchen auf blauem Untergrund, scheinen flüchtig vorbeizuschweben, dabei seien sie das Beständigste, das sie kennt. „Es passiert so viel, gibt es überhaupt etwas Beständiges?“, steht als Frage im Raum. „Von der Konsistenz“ her seien Wolken zwar komplett unbeständig, weil sie sich ständig verändern und mit wechselnden Geschwindigkeiten vorbeiziehen. „Zugleich gibt es sie seit Millionen von Jahren, nicht mal Meere bleiben wie sie sind, auch Berge wachsen und verändern sich, aber die Wolken kommen immer, die haben schon die Steinzeitmenschen gesehen“, drückt sie einen Gegensatz aus, der sie zu ihrem Diptychon „Momentaufnahme einer Ewigkeit“ inspiriert habe. Bis jetzt hänge ein Teil des wolkigen Werks, die zweite Hälfte sei derzeit im Landratsamt zu sehen und soll im Dezember nach Winnenden wandern.

Neben den wandernden Wolken nimmt eine stark verpixelte Fotografie von Waltraud Kaiser eine Vogelperspektive ein. Der Kamerablick von oben in eine Straßenschlucht von San Francisco führt auf den Boden – zur Versiegelung unserer Flächen. „Wir drängen Flüsse und Meere zurück, so dass sie fast keinen Platz mehr haben“, beschreibt sie ihre etwas bewusst zeigefingerhebende Sichtweise auf die Ellenbogengesellschaft. „Wir haben jede Sensibilität für die Erde verloren, wir begreifen sie nur noch als Ressource.“ Durch die Verpixelung sei die Abstraktion entstanden. „Die Farbe und der Digitaldruck passen gut in den Offspace“, sagt sie. Und ja, der graffitimäßige Stil, die urban-kühle Farbigkeit finden gegenüber ihres Fensters ein zum Szenario passendes Echo, dort haben sich unbekannte Sprayer an der Wand verewigt.

Ellenbogen im weiteren Sinne, auf spielerisch-plastische Art konstruiert, finden sich in der schwebenden Installation „Körperfragmente“ von Nadja Schmidt: Arme, in filigrane Strukturen verwandelt, ihre eigenen Arme dienten ihr als Modell. Markus Hallstein, Kunsterzieher im Lessing-Gymnasium, hat „Objekte der Anschauung“ auf Pappe gesprüht: ein Eichhörnchen und den Winnender Mops – Banskys Luftballonmädchen lässt grüßen. Wolfhild Hänsch schlägt heimatverbunden das Gesangbuch auf. Der Liedtext „Unsere Heimat“ beschreibe „einen wichtigen Teil unserer Existenz und ist Grundlage für jede Zukunft“. Heimat liege abseits einer lauter werdenden Konsumwelt: „Konsum gibt keine Heimat.“ Heimat ist in ihren Bildern immer mit Erinnerungen und Gefühlen verknüpft.

Rückentorsi aus Seidenpapier hängen wie ein Mobile

Anne Esslinger hat Rückentorsi aus Seidenpapier wie ein Mobile an Fäden aufgehängt. Sie sagt, sie wolle damit aber niemandem im übertragenen Sinne den Rücken zuwenden. „Der Rücken ist das Symbol für alles, das auf unseren Schultern lastet“, sagt sie. Die Schwere auf unseren Schultern kann einem auf ihren Rücken aber auch gehörig den Buckel herunterrutschen.

Die Torsi bieten viel freie, glatte, teils gerissen-aufgeraute Fläche, um etwas daran abperlen zu lassen. Viele Arbeitsschritte waren nötig, um das transparente Papier zu fixieren, die Festigkeit und Starrheit reinzubekommen für die endgültige Form. Beginnend mit Tonabdrucken von Rücken, für die Freunde und Bekannte Modell gestanden hätten, wie sie erzählt. Ihre Rückentorsi hätten Brennöfen in Töpferateliers durchlaufen, sich mit Lackfarbresten und Fett massieren lassen, Kleister und Holzkleber in sich eindringen lassen. Assoziativ sind die Faltungen, die sie bewusst sichtbar machen will. „Wir alle bekommen Falten, es könnten Verletzungen sein, die das Leben bringt.“

Bodenversiegelung und Himmelsblick, zwischen Erde und Wolken, Sonnenuntergänge und Spinnweben: Die Kunstgalerie im „Offspace“ streckt die Arme nach dem Betrachter aus und kehrt ihm den Rücken zu, zeigt Wandlungen bildhaft und abstrakt, spannend bis einfühlsam.

An der Schwelle vom Tag zur Nacht ist Eva Schwanitz besonders gerne draußen unterwegs. Es zieht sie auf die Felder, wo der weite Horizont viel vom Sonnenuntergang sehen lässt. Dieses Himmelsfarbenspiel überträgt sie in

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