Winnenden

Drei Monate lang wird restauriert

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Maria mit dem zappelnden Jesuskind. © Gabriel Habermann / ZVW
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Der Engel befindet sich in zehn Metern Höhe. © Gabriel Habermann / ZVW
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Diplom-Restauratorinnen Ursula Fuhrer (links) und Christina von Buchholtz mit der Jesus-Figur aus dem höchsten Teil des Jakobus-Altars
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Die gefundenen Puzzleteile ...
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... und die rosa markierten Stellen, wo etwas fehlt, wo ein gefundenes Teil passen könnte.

Winnenden. Maria lächelt. Sanft. Ihre Augen blicken weise und gütig. Dass sich ihr quirliges Baby gerade aus ihren Händen winden will, scheint sie nicht zu beschäftigen. Die Figur ist eine wunderbare, faszinierende Holzschnitzer-Arbeit. Restauratorinnen haben sie vom Jakobusaltar genommen, um sie und alles, was zum deutschlandweit bedeutsamen Kirchenkunstwerk gehört, abzustauben und zu reinigen.

Ein Gerüst mit fünf Ebenen verschafft den Frauen den gefahrlosen Zugang zu allen erstaunlichen Details des ungefähr zwölf Meter hohen Altars. Ganz oben haben sie angefangen zu putzen, so wie man’s in einem mehrstöckigen Haus auch machen würde – der Schmutz rieselt ja unweigerlich nach unten. „Wir benutzen einen Staubsauger, selbstverständlich von Kärcher, und verschiedene Pinsel für den losen Staub sowie Spezialschwämme und eventuell auch Spezialtücher für den fettig-öligen Schmutz“, sagt Ursula Fuhrer vom Restaurierungszentrum Stuttgart. Christina von Buchholtz zeigt die Spezialschwämme, gummiartige Stücke, die Kerzenruß aufnehmen, ohne Spuren zu hinterlassen. Bei der Arbeit tragen die Frauen einen Mundschutz mit Filter und Handschuhe.

Positionen und Maße der Skulpturen dokumentiert

Die Figuren nehmen die Restauratorinnen alle ab und legen sie zum Reinigen auf einen Tisch. „Den Jesus kann ich mit viel Kraft allein tragen“, sagt Christina von Buchholtz. Jakobus, Jodokus, Wendelin, Paulus und Petrus jedoch sind so groß und schwer, dass sie zu zweit anpacken müssen. Wo sie schon dabei sind, messen und fotografieren sie jede Skulptur und kartieren ihre Position - das hat bis dato niemand gemacht.

Engel-Vergleich zeigt: Viele Schnitzer haben an dem Altar gearbeitet

Die Restauratorinnen haben das exklusive Vergnügen, den Heiligen und Aposteln, Pilgern und Kirchenvätern, Jesus und Maria in die Augen schauen zu können. Sogar die Engel, die hoch über Jesus als Schmerzensmann unterm Kreuzgewölbe stehen, können sie inspizieren. „Toll, dass die Schnitzer die Figuren auch in dieser Höhe noch bis ins Detail ausgearbeitet haben“, sagt Christina von Buchholtz. Auch Ursula Fuhrer bewundert die Flügelfedern, die Verzierungen der Gewänder, die Gesichter und die sie rahmenden Locken. „Der Engel rechts hat andere Locken als der links. Daran sieht man, dass verschiedene Schnitzer an dem Altar gearbeitet haben“, so Christina von Buchholtz.

Die gotische Kunst indes fasziniert auch andere. Ein Kunsthistoriker kommt, der den holzsichtigen Altar für deutschlandweit bedeutend hält und ihn unbedingt studieren will. „Ich kenne nur noch den in Creglingen. Ähnliche wie in Bönnigheim und Besigheim sind mit Farbe angemalt“, sagt Ursula Fuhrer. Auch Pfarrer Reimar Krauß kommt oft in der Kirche vorbei und betrachtet die faszinierenden Details. „Das freut uns. Es ist nicht selbstverständlich“, deuten die beiden Damen einen besonderen Kunstsinn des „Hausherrn“ an.

Ursula Fuhrer widmet sich auch der Rückseite des Altars. Seit der letzten großen Reinigung vor 38 Jahren hat sich der Staub auf die vielen feinen und verästelten Ornamente gelegt. „Je länger man mit dem Putzen wartet, desto stärker backt der Schmutz an die Oberfläche und desto aggressiver wird er“, sagt Christina von Buchholtz. Bis Ende Oktober werden die Restauratorinnen in der Schlosskirche arbeiten.

Auch die Holzwürmer mögen ihn

Beim Reinigen kontrollieren die Restauratorinnen das Holz auch auf einen Schädlingsbefall. „Wo wir helle Löcher finden, injizieren wir ein Mittel“, sagt Ursula Fuhrer. Gegen Holzwürmer ist der Jakobusaltar nicht immer rechtzeitig behandelt worden, wie die vielen Löcher zeigen. „Es wäre nicht schlecht, alle drei bis fünf Jahre zu kontrollieren“, sagt Ursula Fuhrer vom Restaurierungszentrum Stuttgart.

Die Reinigungs- und Konservierungskosten belaufen sich, wie am 10. Juli berichtet, auf 60 000 Euro. „Darin sind aber auch die Kosten für das Gerüst und die Alarmanlage enthalten“, so Fuhrer. Die evangelische Kirchengemeinde Winnenden, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Landesamt für Denkmalschutz bezahlen je ein Drittel.

Das genaue Entstehungsjahr des Altars ist nicht bekannt, steht in einer Broschüre der Stadt Winnenden. 1520 wurde er aufgerichtet, heißt es auf einem Schild. Auch sind die Künstler unbekannt und stammen vermutlich aus ganz unterschiedlichen Gegenden. Jörg Töber aus Hagenau (Elsass) wird mit dem Mittelteil in Verbindung gebracht, die Bilder der Seitentafeln könnten von Veit Wagner und seiner Straßburger Schule stammen. Die Büsten in der Predella, ganz unten, ähneln Arbeiten in der Heilbronner Kilianskirche.