Winnenden

Dressurreiten: Führungskraft mit 13 Jahren

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Reithalle der Pferdesportfreunde Buoch: Pony Van der Vaart kann eigenwillig werden, aber auf Reiterin Jule Neuwirth vertraut es. © Jamuna Siehler

Winnenden. Jule Neuwirth erzwingt nichts. Vielleicht deshalb hat die 13-jährige Dressurreiterin etwas erreicht, womit sie gar nicht gerechnet hatte: Als Einzige aus dem Rems-Murr-Kreis wurde sie zusammen mit ihrem zehnjährigen Pony „Van der Vaart“ in den Regionalkader fürs Dressurreiten aufgenommen.

Video: Interview mit Jule Neuwirth

Für Jule aus Breuningsweiler und ihre Mutter Ulrike Neuwirth ist das einfach toll. Den Trainer im Regionalkader kennen sie schon von einigen Gasttrainings. Dort, im Regionalkader, hat Jule andere junge Reiterinnen kennengelernt, tauscht sich mit ihnen aus und hält Kontakt. Aber die Hauptarbeit mit ihrem ziemlich großen Pony von der Rasse „Deutsches Reitpony“ macht Jule bei den Pferdesportfreunden Remshalden-Buoch. „Ach, die Jule. Die ist schon in der Reithalle“, sagen Reiterinnen, die man nach dem Mädchen aus dem Regionalkader fragt.

Im Sand der Reithalle hört man nichts außer leisem Hufgetrappel. Jule dreht ihre Runden auf „Van der Vaart“, wechselt Schritt, Trab, Galopp. Das Pferd läuft gerade, ganz knapp an der Wand entlang, steht, trabt, bockt dann plötzlich, macht einen Hopser. „Ruhig bleiben“, ruft Trainerin Silke Jörke, „mehr rechts. Mach weiter.“ Das Pony läuft. Es war keine Gefahr. Nur so ein kurzes Auflehnen. Jule hatte ihrem Pony etwas abverlangt, was unbequem ist. „Ich muss dann Ruhe bewahren“, sagt Jule, „nicht den Vandi wegen Kleinigkeiten bestrafen. Es liegt ja nicht am Pferd, wenn es so etwas macht. Es liegt am Reiter.“ Vielleicht hat es die Signale nicht richtig verstanden, die Jule ihm mit ihrem Fuß gegeben hat. Vielleicht waren sie nicht eindeutig genug.

Die Züchter suchten nach der passenden Reiterin fürs Pony

Die 13-jährige Reiterin ist extrem geduldig mit ihrem Pony. Es ist jetzt zehn Jahre alt, im besten Pferdealter. In einer Pferdezucht in Norddeutschland wuchs es auf, wurde als Springpony geritten, aber es fand sich niemand, der richtig gerne mit ihm umging. Die Pferdezüchter sind mit den Neuwirths aus Breuningsweiler befreundet und kennen Jule. Ihr empfahlen sie dieses Pony. Sie wussten, dass es Potenzial hat, und dass es nur die passende Reiterin brauchte. Vor zwei Jahren nahmen die Neuwirths „Van der Vaart“ mit nach Buoch. „Für Jule war es Liebe ab dem ersten Tag“, sagt ihre Mutter Ulrike Neuwirth, „die beiden sind ganz schnell zusammengewachsen.“

„Van der Vaart“ ist ein eigenwilliges Pony, das Vertrauen braucht

Pferdedressur ist Beziehungsarbeit. Pony und Reiter sind ein Team, und nur das Team kann gewinnen, nicht der Reiter alleine ist der Sieger oder derjenige, der ins Regionalkader aufgenommen wird. Reiterin Jule kennt ihren „Vandi“, sie hat ihn vom ersten Tag an verstanden und gewusst, dass er nicht ganz einfach ist, sehr sensibel und auch noch schreckhaft. „Bei viel Druck geht er in die Luft“, sagt Jule. Wie schnell er hochgeht, sieht man in der Vereins-Reithalle in Buoch, sobald beim Training etwas Neues, nicht ganz Bequemes kommt. Aber wenn Jule das Pony führt, protestiert es nur kurz, dann ist alles in Ordnung. „Er reagiert stark auf mich. Er fordert es ein, dass ich mich mit ihm beschäftige.“ Das hat Jule gleich am Anfang gemerkt. Deshalb vertraut sie ihm. Wenn er Sperenzchen machte, schenkte Jule ihm Vertrauen. Sie gab ihm klare Signale, und nach einem halben Jahr wurden seine Eigenwilligkeiten weniger. „Wenn er weiß, dass ihm bei mir nichts passiert, dann funktioniert er.“

In der Reitkunst steckt viel Ästhetik, viel Subjektives wie im Kunstturnen oder im Eiskunstlauf. Preisrichter begutachten Reiter und Pferd, schauen aufs Gleichmaß der Bewegungen, auf die Eleganz von Ross und Reiter und geben ihre Noten. „Vandi“ und Jule beeindruckten Preisrichter. Im Frühjahr wurden sie eingeladen zum Regionalkader, wurden begutachtet und schließlich aufgenommen. Jule war total aus dem Häusle, als sie dies erfuhr. Schließlich sind dort noch mal ganz andere Ponys im Einsatz. Aber Jule und Vandi sind willkommen in der Riege. Bei ihnen stimmt eben die Psychologie, und die gemeinsame Arbeit fruchtet.

Jule ist in der siebten Klasse des Lessing-Gymnasiums

Ein Training in der Reithalle von Remshalden-Buoch kann vier Stunden dauern. Fünfmal in der Woche trainiert Jule mit Vandi und weiteren Pferden. Mehr kann sie sich nicht leisten wegen der Schule. Sie geht aufs Winnender Lessing-Gymnasium in die siebte Klasse, und dafür sollte sie auch etwas tun, findet sie.

Dressurreiten

Das Dressurreiten beginnt mit den aus Zuschauersicht schlichten Übungen, mit dem Wechsel zwischen den Gangarten Schritt, Trab und Galopp.

Bei Jule Neuwirth und ihrem Pony Van der Vaart kann aber schon die Eleganz einer seitlichen Vorwärtsbewegung beobachten, einer Traverse, die der Pferdebewegung etwas Tänzerisches gibt.

Die bekannteste Dressurreiterin in Deutschland ist Isabell Werth, Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin.

Die Fördergruppen im Reitsport beginnen mit dem Pferdesportkreis. Nächste Stufe ist der Regionalkader, in dem Jule jetzt mittrainiert. Wenige schaffen es in den Landeskader und ganz wenige in den Bundeskader.

Der Landesreitsportverband hat etwa 30 000 Jugendliche in seinen Vereinen, wie das „Reiterjournal“ berichtet. Die meisten von ihnen sind weiblich.