Winnenden

Droht die nächste Krise? Einzelhandel Winnenden leidet nach Corona unter steigenden Preisen

SymbolfotoEinzelhandel
Unterwegs auf der Marktstraße bei sommerlichen Temperaturen. © Gaby Schneider

Der Einzelhandel hat in Corona-Zeiten gelitten. Ausbleibende Einnahmen durch Lockdowns, dazu verunsicherte Kunden auch in der Zeit danach. In diesem Sommer sollte alles besser werden. Doch nun steigen überall die Preise. Geld für Kleidung, Multimedia und Lebensmittel ist bei den Konsumenten rar. „Dem Handel steht erneut ein hartes Jahr bevor“, prophezeit Timm Hettich, Wirtschaftsförderer der Stadt Winnenden.

Andy Kalb: Trotz der Pfingstferien war das Modegeschäft gut besucht

Andy Kalb vom Herrenausstatter, der in den neuen Räumen am Holzmarkt untergekommen ist, ist trotz allem zufrieden. „Für mich läuft es hier super. Mir hätte nichts Besseres passieren können als der Umzug hierher“, sagt er beim Besuch des Redakteurs. Klar seien momentan Ferien und sein Geschäft daher weniger gut besucht. „Aber selbst in der vergangenen Woche hatten wir gut zu tun. In der zweiten Ferienwoche ist es etwas ruhiger. Für Familien zählen die Pfingstferien zu den Hauptreisezeiten. Das muss man bedenken“, sagt Kalb.

Timm Hettich: „Die Leute wollen wieder feiern“

Vor den Ferien hat das Geschäft allerdings schon wieder deutlich angezogen und der Modeexperte geht davon aus, dass sich dieser Trend auch ab der kommenden Woche fortsetzt. „Wir merken es extrem, dass wieder Feste stattfinden. Feierliche Kleidung ist momentan sehr gefragt“, weiß Kalb. Ein Fakt, den Timm Hettich bestätigt. „Die Leute wollen wieder feiern. Sie freuen sich extrem auf den City-Treff oder die Weintage.“

Dem gegenüber stehe allerdings eine getrübte Kauflaune. „Wir haben eine Verteuerung in sämtlichen Bereichen. Anschaffungen, die nicht unbedingt sein müssen, werden dementsprechend nach hinten geschoben“, erklärt Hettich. Während es etwa für die Lebensmittelbranche in der Corona-Pandemie gut gelaufen ist, sieht es dort momentan deutlich schlechter aus. „Die Konsumenten achten ganz genau auf die Preise“, so der Wirtschaftsförderer. Dafür sei die Reisebranche im Aufwind, die Leute wollen nach zweijähriger Durststrecke wieder in den Urlaub.

Lieferengpässe ziehen sich durch alle Branchen

„Jetzt, wo viele auf den Aufwärtstrend gehofft haben, kommt diese Inflation zur Unzeit. Auch ich habe mit einem Aufwärtstrend gerechnet“, bedauert Hettich. Nun sieht alles danach aus, dass das nächste Krisenjahr droht. „Zu den Preissteigerungen kommt hinzu, dass sich Lieferengpässe durch alle Branchen ziehen. Auch damit hat der Handel zu kämpfen“, sagt Hettich.

Das bestätigt Max Meyer vom Bürofachhandel an der Ringstraße. „Gerade im Bereich unserer Geräte, also der Drucker, gibt es nach wie vor große Lieferschwierigkeiten. Die Materialbeschaffung ist schwierig, außerdem gehen die Preise durch die Decke“, erzählt er.

Zwar habe das Geschäft wieder angezogen, aber vom Niveau von vor der Corona-Pandemie sei man noch deutlich entfernt. „Hinzu kommt, dass sich viele über die Pandemie an den Kauf im Internet gewöhnt haben und nicht mehr vor Ort einkaufen“, hat der Fachhändler gemerkt.

Zieht das Neun-Euro-Ticket mehr Kundschaft in die Innenstadt?

Daran ändert wohl auch die Einführung des Neun-Euro-Tickets nichts. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute nun eher wieder nach Stuttgart fahren. In den vergangenen zwei Jahren sind sie eher in Winnenden geblieben. Mein Eindruck ist, dass sich das nun geändert hat“, sagt Tanja Heinz vom Wäschefachgeschäft Fischer beim Tor. Daran, dass durch das Ticket mehr Kundschaft aus den Teilorten oder beispielsweise aus den Berglen in die Winnender Innenstadt kommen, glaubt sie nicht.

Diesen Eindruck teilt Timm Hettich. „Das Neun-Euro-Ticket hat auf kleinere Städte wie Winnenden keine großen Auswirkungen. Ausflügler zieht es eher nach Stuttgart, Ludwigsburg oder Heidelberg“, meint Hettich.

Tanja Heinz bleibt trotz allem positiv. „Wir sind nicht unzufrieden. Dabei profitieren wir allerdings auch davon, dass man Nacht- und Unterwäsche immer benötigt. Unsere Stammkundschaft hilft uns“, berichtet sie. Seit der Pandemie sei das Geschäft jedoch sehr unbeständig geworden. „Es gibt gute Tage, dann ist wieder extrem wenig los. Ich kann mir vorstellen, dass es für Geschäfte mit mehreren Mitarbeitern sehr schwierig ist, was die Personalplanung betrifft.“

Die Einzelhändler müssen also erneut, wie schon in der Pandemie, Mittel und Wege finden, wie sie mit der Situation umgehen. „Durch die Corona-Zeit sind wir beweglicher geworden. Wir sind wacher und überlegen regelmäßig, wie wir uns den Gegebenheiten anpassen können“, sagt Ulrike Maurer von Ulli’s Confiserie und nennt ein Beispiel. „In der Corona-Zeit haben wir unsere Abläufe digitalisiert. Wir haben die Zeit genutzt für Veränderungen und sind gut aufgestellt.“

Viele Interessenten für die Räume im Alten Rathaus

Das ist einer der Gründe, weshalb Wirtschaftsförderer Timm Hettich nicht erwartet, dass es in der Innenstadt zu weiteren Leerständen kommt. „Die Händler, die die vergangenen zwei Jahre überstanden haben, haben bewiesen, dass ihr Konzept krisenfest ist“, sagt der Experte.

Am Beispiel des Alten Rathauses sehe er außerdem, dass Winnenden nach wie vor beliebt ist. Wie berichtet, verlässt Wirt Aldo del Negro die Räumlichkeiten zum Herbst. „Vor Beginn der Bewerbungsphase haben sich eine Reihe an Interessenten bei mir erkundigt. Wir müssen abwarten, wer sich schlussendlich wirklich auch bewirbt. Ich bin allerdings optimistisch, dass wir eine gute Lösung finden“, so der Wirtschaftsförderer.

Der Einzelhandel hat in Corona-Zeiten gelitten. Ausbleibende Einnahmen durch Lockdowns, dazu verunsicherte Kunden auch in der Zeit danach. In diesem Sommer sollte alles besser werden. Doch nun steigen überall die Preise. Geld für Kleidung, Multimedia und Lebensmittel ist bei den Konsumenten rar. „Dem Handel steht erneut ein hartes Jahr bevor“, prophezeit Timm Hettich, Wirtschaftsförderer der Stadt Winnenden.

Andy Kalb: Trotz der Pfingstferien war das Modegeschäft gut

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