Winnenden

Durch Tanz die Welt verändern

Tanzpruefung04
Auf moderne, rhythmisch betonte Musik führen Schüler der Tanzakademie Minkov ihre Choreografien vor. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schüler der Winnender Tanzakademie Minkov greifen in ihren Choreografien aktuelle politische Themen auf

Winnenden. Es sind die ganz großen Themen, die die Schülerinnen der Tanzakademie Minkov beschäftigen: Freiheit, Gleichheit, Einsamkeit. Unter dem Motto „Change the world“ haben Tänzer der ersten Ausbildungsjahre mit eigenen Choreografien in der Kelter gezeigt, wie aktuell politisch und doch auch sehr persönlich moderner Tanz sein kann.

Oberbürger Hartmut Holzwarth ist unter den Gästen in der rappelvollen Kelter, auch weil, wie er in der Pause sagt, „nicht jede Gemeinde eine Tanzakademie zu bieten hat“. Aus Stolz somit über das, was in Winnenden in puncto Tanz läuft. Und zumindest einmal muss der Schultes, zwangsläufig, mit seinem Applaus ein politisches Statement abgeben: als in der Szene „Zwischen zwei Welten“ (Choreografie: Nelli Ostertag) Teresa Hezel, Marielle Dumont und Ostertag ein Statement zur Gender-Gleichstellung tanzen, mit zwei sich küssenden Frauen und Schildern wie „Lesben sind krank“, während auf dem Videoschirm Statements zur Frage laufen, was normal sei und dass das Glück des Einzelnen dies letztlich definiere. Ein klares Bekenntnis zur Gleichstellung der Homo-Ehe.

Auch in allen anderen Szenen gibt es was zu beklatschen: Zunächst fast durchweg ein hohes tänzerisches, bisweilen artistisches Niveau, vielleicht auf Kosten zarter, lyrischer Momente, die diese Ballettschülerinnen (nur ein junger Mann ist darunter) zugunsten von Dynamik und Drive vernachlässigen, auch weil alle neun Choreografinnen moderne, rhythmisch betonte Musik auswählten statt klassisch-romantischer. Dafür sind die Vorteile evident und jedes Applauses würdig: eine Aktualität und thematische Brisanz, die sich sofort erschließt. Ob in Saskia Hamalas „Lullaby“, ein akrobatischer Pas de deux (Mechthild Schade und Hamala) innig verwobener Körper zum Thema Depression oder Helen Petrissa Glatz mit „Technology in between“ (Lea Krebs und Teresa Hezel), das die Tristesse der Technologie behandelt, den Monitor, auf dessen Rechteck sich die vermeintliche Wirklichkeit reduziert, während die Userin zunehmend vereinsamt.

Einsamkeit und Kommunikation, das Zusammenfinden und Auseinanderdriften der Körper in der digitalen Moderne – in den meisten Choreografien, etwa „Utopisches Gleichnis zum Weltfrieden“ (Christine Herrmann, es tanzen Charlott Eberle, Ines Schneider und Ariane Bartholme), wo getanzter Zusammenhalt sich abwechselt mit körperlicher Vereinzelung, sind das die entscheidenden Themen. Und (positive) Botschaften wie „Verändere dich und du kannst die Welt verändern“ (Christina Berwanger, es tanzen Berwanger und Yasmin Behrozi) mit einem leeren Spiegelrahmen und Farbstaub, der sich am Ende, auf die Tänzerinnen geworfen, mit deren Leibern mischt; oder im Finale „Nur zusammen sind wir stark“ (Jasmin Cehajik mit Tatjana Schnekenburger und Sophie Kolter), wo nach wilden Sprüngen auf und vor der Bühne – auch Zuschauer werden berührt und einbezogen – schließlich alle friedlich zum großen Standbild der (heterogenen) Einigkeit zusammenfinden.

Stuhl und Tisch als Ballettrequisit

Toll auch Schnekenburgers Solo für Nelli Ostertag, „Das Gefühl von Freiheit“, wo Stuhl und Tisch auf ihre Tauglichkeit als Ballettrequisit untersucht werden, während ein Deutsch-Rapper konstatiert „Freiheit ist ein Menschheitstraum“.

Die Tänzer nutzen die Bühne nicht nur in ihrer Gesamtheit, sondern weiten ihre Grenzen aus, etwa mit brauner Erde, die vor „Blindness“ (von Sophie Kolter, es tanzten Helen Petrissa Glatz, Selina Kohl und Lea Krebs) auf den Bühnenboden gestreut wird und bis in die Zuschauer in den ersten Reihen spritzt – ein drastisches Mittel, um Zorn und archaische Lust am Schmutz (im Text des R’n’B-Songs geht es um „muddy waters“) auszudrücken. Außerdem werden Video-Botschaften und teils auch Gesprochenes eingesetzt, etwa in „(Un)eingeschränkt“ (von Mechthild Schade, es tanzten Saskia Hamala, Ines Schneider und Charlott Eberle), das in kontemplative Betrachtungen mündet, nachdem zuvor Kirchenglocken zur Besinnung riefen.

Eine Fülle an Ideen inspiriert hier engagiertes, wagemutiges Tanzen, das jede Menge Grund zum Jubeln bietet. Und nachher, in einer Art Diskussionsrunde, die begründete Frage aufwirft, warum fast nur junge Frauen in der Akademie tanzen. Weil es, so der Akademie-Betreiber Vessili Minkov, dieses Klischee vor allem bei Eltern gebe, Tanz sei nichts für Jungs, die würden lieber Fußball spielen. Dabei seien doch die besten Choreografen der Welt allesamt Männer.