Winnenden

Eifersuchtsdrama in einer Boutique

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Winnenden/Waiblingen. Ein 42-Jähriger hatte im Oktober eine Winnender Boutique gestürmt und im Nebenraum einen etwa gleichaltrigen Syrer gefunden und verprügelt. Der Syrer schlug zurück. Nun hat das Amtsgericht beide wegen Körperverletzung zu Geldstrafen in Höhe von 2700 und 600 Euro verurteilt.

Der 42-Jährige war lange Zeit Partner der Boutiquebesitzerin, hatte ihr Geld geliehen fürs Geschäft und ihr Auto, hatte ihr eine Alarmanlage und Videoüberwachung in die Boutique eingebaut und hatte bei ihr gewohnt.

Ende September eröffnete die Geschäftsfrau ihrem Mitbewohner, dass sie einen anderen Mann liebt, einen Flüchtling aus Syrien, der in einer städtischen Unterkunft wohnt und ihr jetzt immer wieder hilft in der Boutique. Der 42-Jährige musste die gemeinsame Wohnung verlassen und zog zu Freunden, überwachte aber weiterhin via Laptop die Videokameras in der Boutique.

Mit Schere zugestochen

An jenem Oktobertag sah er im Laptop, dass seine ehemalige Partnerin Männerbesuch hatte im Laden und erkannte sofort den neuen Freund der Frau. Er stieg ins Auto, fuhr nach Winnenden, stürmte den Laden und fing die Schlägerei an mit dem Rivalen.

Für Richterin Christel Dotzauer waren diese Vorgänge in der Boutique klar nachvollziehbar, denn sie hatte alle Videos aus der Überwachung vorliegen. Im Lauf des Streits war der 42-Jährige eingekeilt zwischen dem Syrer und der Ladeninhaberin.

Der Mann war eingekeilt

„War das so?“, fragte die Richterin. „War da jemand hinter mir? Ich weiß es nicht“, sagte der Angeklagte. Die Richterin schaute das Video an: klarer Fall. Der Mann war eingekeilt. Er verlor sein Handy. Er bückte sich nach etwas. Eine Schere. Die packte er und stach damit den Syrer in die Waden.

Das ist der Knackpunkt: Weil er diese Schere benutzte, liegt keine einfache, sondern eine schwere Körperverletzung vor. Entsprechend höher fällt die Strafe aus.

Dem Syrer warf der Staatsanwalt Körperverletzung vor, aber keine schwere. Er hatte dem 42-Jährigen mehrere Kopfnüsse gegeben. Auch ziemlich hart, aber ohne Werkzeug. Der 42-Jährige gestand seine Tat, bereute sie und war im Amtsgericht durchaus in der Lage, friedlich neben seinem Rivalen auf der Anklagebank zu sitzen.

„Sie haben doch eine Kopfnuss bekommen?"

Auch der zweite Angeklagte saß brav neben dem Ex seiner Freundin. Richterin Dotzauer erkundigte sich bei beiden, wie schlimm ihre Verletzungen seien. „Sie haben doch eine Kopfnuss bekommen und hatten dann eine blutige Nase? „Ach was“, sagte er lächelnd. Er wirft niemanden etwas vor.

Und der Syrer? Der hat Stiche in die Waden bekommen. „Das ist normal“, sagte er und lächelte ebenfalls. Beide hätte am liebsten die Boutiquenschlägerei auf sich beruhen lassen und wären gerne mit einer Verwarnung davongekommen.

Auf schwere Körperverletzung steht eigentlich Haft auf Bewährung

ber nach dem Gesetz ist eine Körperletzung zu bestrafen, und auf schwere Körperverletzung steht eigentlich Haft auf Bewährung. Der Staatsanwalt hatte darauf plädiert. Richterin Dotzauer verwandelte die Haftstrafe in eine Geldstrafe von 2700 Euro, und für den Syrer legte sie eine Geldstrafe von 600 Euro fest.

Der Syrer lebt von Sozialhilfe und muss sich davon das Strafgeld abknapsen. Der 42-Jährige muss seine 50 000 Euro Boutiqueschulden abbezahlen mit 770 Euro monatlich und hat sein Girokonto ohnehin überzogen. Er meinte: „Also Frau Richterin, des isch jetzt aber doch a bissle viel.“ Die Richterin erklärte ihm: Er kann in die Revision gehen. Dann wird neu überlegt, ob er eine Haftstrafe statt einer Geldstrafe bekommt. Er wird sich’s überlegen, sagte er.

Video mit Ton wäre noch besser gewesen

  • Die Video-Überwachung, die der 42-Jährige in die Boutique eingebaut hatte, ist wirklich gut und diente insbesondere der Erklärung des Tathergangs. Richterin Dotzauer war eigentlich begeistert. „Sagen Sie mal, warum haben Sie da eigentlich keinen Ton auf dem Video?“, fragte sie den Angeklagten. „Das habe ich nicht gemacht, weil das nicht erlaubt ist“, erzählte er. „Ach so“, meinte die Richterin, „aber ich könnte den Ton jetzt gebrauchen.“
  • Die Richterin konnte sich schon vorstellen, warum ein syrischer Flüchtling mit einer Winnender Boutiquebetreiberin anbändelt. „Dann heiraten Sie und können in Deutschland bleiben, oder haben Sie einen Aufenthaltstitel?“ Er hat einen, sagte er. „Darf ich mal Ihren Personalausweis sehen?“ Tatsächlich. Eine Aufenthaltserlaubnis ist eingetragen. Es geht also nicht um eine Scheinehe und nicht um Aufenthaltsrecht.