Winnenden

Ein Albtraum: Winnender Tat als Vorbild

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Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Winnenden. © Mathias Ellwanger

Winnenden. Als immer deutlicher wurde, dass der Täter von München sich neben Utoya auch an Winnenden orientiert hat, dachte Gisela Mayer: „Es ist ein Albtraum.“

Mayer ist Vorstandsvorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen, die aus dem Aktionsbündnis Amoklauf hervorgegangen ist, in dem sich Eltern zusammentaten, die ihre Kinder am 11. März 2009 verloren haben. Wahrscheinlich wäre ganz Winnenden froh, wenn es nicht so wäre, aber es ist gesicherte Erkenntnis der Ermittler von München: „Der Attentäter war im Sommer 2015 in Winnenden. Wir haben auf seiner Digitalkamera Fotos aus Winnenden gefunden“, erklärte ein Sprecher des Bayrischen Landeskriminalamts am Montag im Gespräch mit unserer Zeitung. Weitere Angaben kann er noch nicht machen. Es wird Wochen dauern, bis unzählige Dateien und Funde aus der Wohnung des Attentäters ausgewertet sind, so dass wir jetzt im Augenblick nicht erfahren, was genau der junge Mann in Winnenden fotografiert hat und an welchem Tag er in der Stadt war.

Erfurt – Winnenden – München: Eine Reihe

„Er war hier, und das ist genau das Problem“, sagt Gisela Mayer, „wir wissen, dass für Amokläufer der Bezug zu einer vorherigen Tat wichtig ist.“ Bekannt ist von der Münchner Tat, dass sie genau fünf Jahre nach dem Massenmord in Oslo und auf Utoya geplant wurde und geschah. Gisela Mayer sieht noch einen anderen Zusammenhang: „Sieben Jahre nach Erfurt war der Amoklauf in Winnenden, jetzt, sieben Jahre nach Winnenden, ist der Amoklauf in München.“

Sie möchte nicht, dass Winnenden in die Vorbildrolle gerät. Sie wollte immer, dass die Medien sich zurückhalten, dass sie keine Fotos vom Täter veröffentlichen und dass sie keine Bilder zeigen, die einem Nachahmer einen Erfolg suggerieren könnten. Bei einigen Medien haben Eltern von Winnenden und die Traumapsychologen, die überlebende Schüler und Hinterbliebene betreut haben, viel erreicht und eine große Zurückhaltung erlebt. Aber nicht bei allen. Und nicht dauerhaft.

Mittlerweile sind Facebook und Youtube noch viel stärker genutzt und bestückt. Im Prinzip kann jeder jedes Video direkt vom Smartphone weg auf Youtube stellen. Man hat ja die Polizeiappelle aus München gehört, keine Videos einzustellen – aber sie kamen zu spät und erreichten nicht alle. Gisela Mayer ist erschrocken über die Bilder und Videos, die mögliche Nachahmer jetzt im Netz sehen. Es dürfte nicht sein. Aber es ist so.

Eltern von München brauchen einen Menschen, dem sie sich anvertrauen

Mayer denkt an die Eltern von den in München ermordeten Kindern. Was kann man ihnen sagen? Es ist schwierig. „Ich wünsche ihnen, dass sie versuchen, Ruhe zu finden, dass sie einen Menschen haben, dem sie sich anvertrauen können, das kann ein Psychologe sein oder jemand aus der Familie, aber es muss jemand sein, der zuhören kann und der hilft, das, was den Eltern widerfahren ist, irgendwie zu begreifen, damit sie weiterleben können.“ Der Verlust des eigenen Kindes ist eines der schlimmsten Schicksale, das einem Menschen widerfahren kann. „Er verändert das ganze Leben. Nichts ist mehr, wie es vorher war“, sagt Gisela Mayer. Trotzdem will sie nicht alle Hoffnung wegnehmen. „Ich glaub, dass jeder seinen Weg finden wird, damit umzugehen.“

In einem zweiten Schritt, nach Wochen oder Monaten, hofft Gisela Mayer für die Eltern von München, dass sie dieses grausame Geschehen nicht einfach hinnehmen, dass sie sich, wenn die Zeit gekommen ist, einsetzen dafür, dass sich dieses Geschehen nicht wiederholt.

Mögliche Täter

Gisela Mayer und die Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen sind überzeugt, dass mögliche Täter, mögliche Nachahmer der Taten von Winnenden oder München, Hilfe brauchen.

Mayer sagt: „Ich weiß von Fällen, in denen geholfen wurde, weil die rechtzeitig erkannt wurden.“

Auf der Homepage der Stiftung wird von einem Forschungsprojekt der Uni Gießen zu Amoktätern berichtet.