Winnenden

Ein Tag voller Straftaten: Diebstahl, Exhibitionismus, Gewalt gegen Rettungskräfte und Polizei

Brille
In Winnenden hatte der Abgeklagte eine Brille (Symbolbild) gestohlen, in Schwäbisch Hall bespuckte er am selben Tag  Rettungskräfte. © Zuern

Räuberischen Diebstahl warf die Staatsanwaltschaft einem 34-jährigen Mann aus Schwäbisch Hall vor, der aufgrund einer von inzwischen insgesamt zehn Vorverurteilungen, für die er gerade eine achtmonatige Haftstrafe abzusitzen hat, direkt aus der Justizvollzugsanstalt vor den Richtertisch geführt worden war.

Zu behaupten, dass der 2. September 2019 für den Angeklagten einen besonders glücklichen Verlauf genommen hätte, würde nicht wirklich den Ereignissen gerecht werden, die ihn vor das Schöffengericht brachten, das im Waiblinger Amtsgericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Michael Kirbach zusammengetreten war.

Angeklagter ist auf dem linken Auge blind

Überhaupt hat es das Leben mit dem Angeklagten nicht immer gut gemeint: 1986 in Russland geboren, kam er 1995 mit Urgroßmutter, Großeltern und Mutter nach der Scheidung der Eltern über verschiedene Übergangswohnheime nach Schwäbisch Hall. Nach dem Erwerb der Mittleren Reife erblindete er auf dem linken Auge, absolvierte dennoch erfolgreich eine Ausbildung zum Industriemechaniker und arbeitete bis zu seinem Haftantritt als CNC-Fräser in der Qualitätssicherung und Prozessoptimierung, obwohl er seit 2010 nicht nur mit schweren gesundheitlichen Problemen aufgrund von Niereninsuffizienz und Unterfunktion der Schilddrüse, sondern auch mit seiner Heroin- und Marihuanaabhängigkeit zu kämpfen hat. Eine von ihm jüngst begonnene Ausbildung zum Technischen Fachwirt sei der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen.

Aus dem Zentrum für Psychiatrie entlassen

Was genau an jenem 2. September des vergangenen Jahres geschah, ergab sich aus der Befragung des Angeklagten und des Bestohlenen durch den Vorsitzenden Richter. An diesem Tag sei er nach einer zweiwöchigen Drogen-Substitutionstherapie aus dem Winnender Zentrum für Psychiatrie (ZfP) entlassen worden. Vorher habe er dort noch seine Tagesration an Medikamenten erhalten: Cortison, vier Milligramm des Substitutionsmittels Subutex, L-Thyroxin und Pantoprazol. Eigentlich sei vereinbart gewesen, berichtete der Angeklagte, dass ihn seine Mutter, bei der er lebt, mit dem Auto abholen kommt. Doch dann sei ihr eine berufliche Verpflichtung dazwischengekommen und sie habe ihn angewiesen, den Zug zu nehmen. Der Versuch, von einem anderen Patienten nach Schwäbisch Hall mitgenommen zu werden, der an diesem Tag auch entlassen wurde, sei letztendlich ebenfalls gescheitert. Die Wartezeit habe er dadurch überbrückt, dass er in der Winnender Innenstadt in einem Kebabimbiss etwas gegessen habe. Dazu habe er zwei oder drei Bier und mehrere Jacky Cola getrunken - eine Alkoholkonzentration von 1,4 Promille ergab eine Blutprobe am Ende des Tages. Auf dem Rückweg zum Zentrum für Psychiatrie sei er an einem Optikergeschäft in der Marktstraße vorbeigekommen. Dort habe er sich Brillengestelle angeschaut, eines davon in seine Umhängetasche gesteckt und dann, ohne zu bezahlen, das Geschäft wieder verlassen. Er wisse wohl, gab sich der Angeklagte zerknirscht, dies sei nicht in Ordnung gewesen. Es tue ihm leid, und er wolle sich bei dem Ladenbesitzer auch dafür gern entschuldigen.

Angeklagter: „Vorsicht, ich stech dich ab“

Der Angeklagte sei ihm bereits ins Auge gesprungen, als er den Laden betrat, erklärte dieser als Zeuge. Er habe sich an dessen Gesicht erinnert, das in seiner Datei von Personen gespeichert sei, die in seinem Geschäft bereits beim Ladendiebstahl gefilmt wurden. Da er aber gerade eine Kundin bediente, habe er sich nicht sofort an seinem PC vergewissern können. Als dies möglich war, habe der Angeklagte bereits den Laden verlassen, und er bemerkte, dass vier oder fünf Sonnenbrillengestelle im Verkaufspreis zwischen 80 und 100 Euro fehlten. Nach ungefähr einer halben Stunde habe er gesehen, wie der vermeintliche Dieb erneut an seinem Laden vorbeiging, Richtung Winnender Bahnhof. Er sei ihm flugs hinterhergegangen, und noch während er ihn verfolgte, habe er übers Handy die Polizei alarmiert. In der Bahnhofstraße, auf Höhe der „Ölmühle“, habe er den Angeklagten schließlich eingeholt, angesprochen und aufgefordert, die gestohlenen Brillen wieder herauszugeben. Als dieser unbeeindruckt weiterging, habe er ihn festgehalten. „Vorsicht, ich stech’ dich sonst ab. Ich bin Russe - oder Kasache“, habe der ihn daraufhin bedroht. Allerdings habe er diese Drohung nicht wirklich ernst genommen. Es kam zu einem kurzen Gerangel, bei dem einer der Kontrahenten versuchte, festzuhalten, der andere, sich loszureißen. Dabei fiel das Handy des Angeklagten zu Boden.

Jugendliche greifen in das Geschehen ein

Dieses Gerangel wurde von einer Gruppe Jugendlicher beobachtet, die sich um die Streitenden versammelt hatten. Als sich der Angeklagte nach seinem Handy bückte, um es aufzuheben, wurde er von einem der Jugendlichen aus der Gruppe heraus hinterrücks zu Boden geschlagen. Die anderen traten daraufhin auf ihn ein, gegen Kopf und Körper, in den Genitalbereich. Er habe Angst um sein Leben gehabt, so der Angeklagte. Durch die Tritte sei eine Rippe angebrochen und ein Zahn ausgetreten worden. Er habe versucht, die Jugendlichen abzuhalten, ergänzte der Ladenbesitzer, und als unmittelbar darauf die Polizei erschien, seien sie verschwunden. Die Beamten hätten die Personalien des Angeklagten aufgenommen und seine Taschen durchsucht. Dabei hätten sie auch ein Brillengestell gefunden, das aus seinem Laden stammte, wie am Preisschild zu erkennen war. Dies habe er dann zurückbekommen.

Frau verfolgt und auf den Gleisen unterwegs

Er sei dann weiter zum Bahnhof gegangen, um nach Schwäbisch Hall zu fahren, erzählte der Angeklagte weiter. Seine Mutter habe schließlich zugesagt, am Bahnhof auf ihn zu warten und ihn heimzuholen. In der Bahn sei er allerdings mit einem anderen Fahrgast aneinandergeraten, der völlig grundlos seine Taschen, die er neben sich auf einen Sitz gestellt hatte, auf den Boden warf. Das dicke Ende, so Rechtsanwalt Andreas Kugel, kam dann im Bahnhof Schwäbisch Hall-Hessental. Das „Haller Tagblatt“ berichtete darüber in seiner Ausgabe vom Mittwoch, 4. September 2019, wie folgt: „Eine Frau meldete der Polizei am Montag gegen 19.40 Uhr, dass ihr beim Aussteigen aus einem Zug am Bahnhof Hessental ein Mann gefolgt sei und ihr mit entblößtem Geschlechtsteil bis zu ihrem Auto hinterherlaufe. Die Frau konnte verhindern, dass der Mann zu ihr ins Auto stieg. Daraufhin trat dieser gegen den Wagen. Wenig später wurde gemeldet, dass der Mann nun über die Gleise laufe. Als die Polizisten den Mann schließlich vor dem Haupteingang ansprachen, stritt dieser gerade mit seiner Mutter. Der 33-Jährige beleidigte die Beamten. Er schien zudem verwirrt zu sein und unter Drogeneinfluss zu stehen, schreibt die Polizei, die ihn daraufhin abführen wollte. Dagegen protestierte der 33-Jährige lauthals, beleidigte, bedrohte und bespuckte Rettungskräfte und Polizisten. Der Mann wurde schließlich von einem Arzt ruhiggestellt und kam ins Krankenhaus. Gegen 3 Uhr am Dienstag meldeten die Klinikmitarbeiter, dass der Mann nun wach wäre, herumschreie und die Mitarbeiter beleidige und bedrohe. Der 33-Jährige kam daraufhin auf dem Polizeirevier in Gewahrsam, was er mit lautem Protest und Beleidigungen quittierte. Der Mann wurde am Dienstagvormittag in eine Fachklinik verlegt. Ihm droht nun ein Strafverfahren.“

Ist der Mann überhaupt schuldfähig?

In diesem Strafverfahren, das am Amtsgericht Schwäbisch Hall geführt werde, habe das Gericht angeordnet, zunächst zu prüfen, ob der Angeklagte überhaupt schuldfähig sei. Die Prüfung habe aber coronabedingt bisher noch nicht stattfinden können, so der Anwalt. „Was fangen wir mit der Geschichte an, wie sie sich uns hier darstellt?“, fragte Amtsgerichtsdirektor Kirbach im Hinblick auf die Winnender Vorfälle in die Runde. Der Vorwurf des räuberischen Diebstahls lasse sich nicht aufrechterhalten, da zwischen dem Diebstahl, den niemand gesehen hatte, und der, zudem nicht ernst genommenen, Drohung eine halbe Stunde lag. Somit blieben die Anklagepunkte „einfacher Diebstahl in Tateinheit mit versuchter Nötigung und Bedrohung“. Auf sie hin wurde das Verfahren eingestellt.

Damit könne er ebenfalls gut leben, so der Verteidiger, denn im Falle einer Verurteilung hätte er Rechtsmittel einlegen müssen, da das vom Schwäbisch Haller Gericht angeforderte Gutachten darüber, ob sein Mandant überhaupt schuldfähig sei, noch ausstehe.

Räuberischen Diebstahl warf die Staatsanwaltschaft einem 34-jährigen Mann aus Schwäbisch Hall vor, der aufgrund einer von inzwischen insgesamt zehn Vorverurteilungen, für die er gerade eine achtmonatige Haftstrafe abzusitzen hat, direkt aus der Justizvollzugsanstalt vor den Richtertisch geführt worden war.

Zu behaupten, dass der 2. September 2019 für den Angeklagten einen besonders glücklichen Verlauf genommen hätte, würde nicht wirklich den Ereignissen gerecht werden, die ihn vor das

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper