Winnenden

Elfjähriger Flüchtlingsjunge will in Schweden bleiben

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Symbolbild. © Alexander Roth

Winnenden. Er war erst zehn Jahre alt, als er aus dem Irak ohne Eltern nach Winnenden kam. Urplötzlich verschwand der Junge Ende März. Tagelang wurde nach ihm gesucht – bis er sich via Facebook meldete: Alles gut. Bin in Schweden. Nun gibt’s Neuigkeiten von dem jungen Iraker.

Verwandte des Jungen leben in Schweden. Das war ganz offensichtlich der Grund, weshalb sich der Junge im März – ohne ein Wort – gen Nordeuropa aufgemacht hatte. Wie er die lange Reise bewältigt und wer ihm geholfen hat, darüber ist nichts Näheres bekannt.

Der Junge wird erst mal in Schweden bleiben, das steht nun fest. Das Kreisjugendamt, das als Vormund eingesetzt ist, beabsichtigt nicht, das Kind nach Deutschland zurückzuholen – „zumal er gegenüber dem schwedischen Jugendamt geäußert hat, bei seiner Familie bleiben zu wollen“, so Landratsamts-Sprecher Steffen Kienzle.

Asylantrag gestellt

Beim Bundesamt für Justiz gibt’s eine Abteilung „Internationale Sorgerechtsangelegenheiten“, über die das Rems-Murr-Jugendamt einen Kontakt zu Kollegen in Schweden herstellen konnte. Dort ging offenbar alles ganz schnell, nachdem der Junge in Schweden angekommen war. Bereits ein paar Tage nach seiner Ankunft wurde ein Vormund für den Jungen bestellt, berichtet Steffen Kienzle.

Das Kind habe nun in Schweden einen Asylantrag gestellt. Nun obliegt es den Behörden dort, eine Entscheidung zu treffen. Sie könnten das Kind auch zurückschicken – aber danach sieht es im Moment nicht aus.

Natürlich hätte der Junge nicht einfach so den Rems-Murr-Kreis verlassen dürfen. Theoretisch könnte der Landkreis deshalb Anzeige erstatten, zumal das plötzliche Verschwinden des Jungen die Behörden tagelang in Atem gehalten hatte. Das Landratsamt wird laut Kienzle aber von einer Anzeige absehen.

Nähe zu Angehörigen gesucht

Es sei menschlich völlig verständlich, dass ein Elfjähriger die Nähe zu Angehörigen sucht, hatte Polizei-Pressesprecher Ronald Krötz seinerzeit gesagt, als nach Tagen des Bangens klar war: Dem Kind geht’s gut. In Schweden leben seine Großeltern, ein Onkel und eine Tante. Im Rems-Murr-Kreis hatte der Junge nur Kontakt zu einem Onkel, der in Fellbach lebt. Wo seine Eltern sich aktuell aufhalten, ist nicht bekannt. Seinerzeit gab es Anhaltspunkte, dass der Vater des Jungen seinen Sohn im Frühjahr 2018 anderen Flüchtlingen anvertraut hatte, damit wenigstens das Kind aus dem Irak herauskommt.

Die Vorgeschichte nochmals in Kürze: Am Freitag, 22. März, verließ der Junge mittags die Stöckachschule in Winnenden – und verschwand. Seinerzeit lebte der Elfjährige in einer Wohngruppe der Paulinenpflege in Winnenden-Schelmenholz. Im Mai 2018 war er ohne Eltern nach Deutschland gekommen und wenig später in die Wohngruppe aufgenommen worden. Er lernte sehr schnell Deutsch, galt als prima Schüler, war nie zuvor einfach so ohne Rücksprache seiner Wohngruppe ferngeblieben. Deshalb mussten die Behörden mit dem Schlimmsten rechnen, als der Junge als vermisst gemeldet wurde. Die Behörden veröffentlichten ein Foto des Jungen, baten um Hinweise, durchkämmten mit einer Vielzahl von Einsatzkräften die Gegend ums Winnender Wunnebad. Vier Tage nach seinem Verschwinden, am Dienstag, 26. März, kam die erlösende Nachricht: Dem Jungen geht’s gut. In einem auf Facebook veröffentlichten Video meldete sich der Elfjährige selbst zu Wort, hielt eine schwedische Tageszeitung in die Kamera und erklärte: „Ihr braucht keine Angst zu haben.“ Er halte sich bei Verwandten in Schweden auf – und wolle nie wieder zurück nach Deutschland.


Zahlen & Fakten

Ende März haben zehn unbegleitete Flüchtlinge unter zwölf Jahren im Rems-Murr-Kreis gelebt. Die Kinder leben entweder in Gastfamilien oder in Wohngruppen von Jugendhilfeeinrichtungen.

195 unbegleitete minderjährige Ausländer zählte das Landratsamt Ende des ersten Quartals 2019 im Kreis.

Menschen aus dem Irak suchen vergleichsweise häufig Asyl in Deutschland. Das Land steht nach Syrien an zweiter Stelle, was die Zahl der Asyl-Erstanträge angeht.