Winnenden

Eltern lehnen Ganztagsschule im Schelmenholz ab

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Die Grundschule im Schelmenholz. © ZVW/Sarah Utz
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Beim Infoabend überreichten die Eltern Unterschriften gegen die Ganztagsgrundschule.

Winnenden. Die Botschaft ist bei der Schulverwaltung und bei Gemeinderäten angekommen: Viele Eltern von Grundschul- und Kindergartenkindern in Schelmenholz und Hanweiler wehren sich dagegen, dass die Grundschule Schelmenholz in vier Jahren eine verpflichtende Ganztagsschule werden könnte. Um dies zu unterstreichen, überreichten drei der 40 Anwesenden Unterschriftenlisten an Bürgermeister Norbert Sailer.

Mehr als 40 Ablehnungen hat Simone Hinkel im Maximilian-Kolbe-Kindergarten gesammelt, Melanie Hahn brachte aus dem Christophoruskindergarten 33 mit und 15 kommen aus dem Hanweiler Kindergarten. Etwa drei Viertel der befragten Eltern wollen demnach nicht, dass ihr Kind in der Grundschule vier Tage die Woche sieben oder acht Stunden betreut wird und dass dieses Angebot verpflichtend für alle Eltern wird.

Befragung aller künftigen Grundschuleltern gefordert

Bürgermeister Sailer und der städtische Schulamtsleiter Andreas Hein und auch die anwesenden Gemeinderäte machten mehrmals deutlich, dass der endgültige Beschluss zur Umwandlung der Grundschule in eine Ganztagsschule noch nicht gefasst sei. Bisher habe lediglich der mehrheitlich gefasste Beschluss der Schulkonferenz, bestehend zu gleichen Teilen aus Eltern und Lehrern/Schulleitern, eine bauliche Prüfung des Gebäudes durch die Stadt ausgelöst. Man habe erst zwei von insgesamt acht erforderlichen Schritten auf dem Weg zum Ganztagsmodell gemacht, nun seien die Lehrer und die Schulleitung am Zuge, ein pädagogisches Konzept zu erarbeiten, das die hohen Anforderungen der Stadt Winnenden an die Qualität der Ganztagsbetreuung erfüllt. „Wir liegen damit über den eher unverbindlichen Vorgaben des Landes“, betonte Andreas Hein. Doch viele der sich zu Wort meldenden Eltern machten klar, dass es ihnen überhaupt nicht um die Qualität der Betreuung oder das spezielle Konzept geht. Sie möchten frei entscheiden, wann sie am Nachmittag mit ihrem Kind Zeit verbringen oder welchen Sportverein oder welchen Musikunterricht es besucht. Eine offene Ganztagsschule, bei der flexibel ein bis vier Tage gebucht werden könnten, wäre ihnen sympathischer. Manche bezweifeln allerdings auch den Wert des Konzepts, bei dem der Unterricht nicht in einem Block am Vormittag stattfindet, sondern auf den Tag verteilt wird, ebenso wie die Versorgung mit ausreichend Lehrern.

Die Versammelten baten die Stadtvertreter, die Kindergarteneltern im gesamten Stadtgebiet zu befragen und so den Bedarf nach Ganztagsbetreuung in der Grundschule zu ermitteln. Bürgermeister Norbert Sailer nimmt dies ins Rathaus mit, erklärte aber auch, dass er mit Blick auf die steigende Nachfrage nach Ganztagskindergartenplätzen einen Ausbau der Ganztagsschulplätze für geboten hält, es sei „eine gesellschaftliche Aufgabe“. Es sei durchaus möglich, dass Eltern, die beide arbeiten möchten oder auch müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, ihre Kinder in die Ganztagsschule fahren, so wie sie jetzt schon den Ganztagskindergarten ansteuern, meinte Stadtrat Richard Fischer.

Charme des verbindlichen Modells: Kostenlos für alle

Der Charme des angestrebten verpflichtenden Modells sei jedenfalls, dass es für die Eltern kostenlos zu haben ist, im Gegensatz zu Früh- und Spätbetreuung vor und nach der Schule oder der flexiblen Nachmittagsbetreuung in der „Tomate“ für Stöckachschüler. Sailer verwies darauf, dass möglicherweise die „schweigende Mehrheit“ ganz anders denke als die Eltern beim Infoabend. In diesem Sinne äußerte sich auch ein Mann: „Ich glaube nicht, dass sich hier heute Abend der sozioökonomische Durchschnitt vom Schelmenholz befindet. Viele Eltern brauchen beide Einkommen und daher eine Ganztagsschule.“

Schulwechsel ist für viele unattraktiv

Vor zwei Jahren hat die Stadt ihre inhaltlichen und räumlichen Vorgaben für Ganztagsschulen in einem umfangreichen Papier definiert. Es wurde vom Schulamtsleiter Andreas Hein zusammen mit Schulleitern erarbeitet und nennt sich „Winnender Modell“.

Es wurde gemacht, weil eine Studie festgestellt hatte, dass nur verbindliche Ganztagsschulen die Kinder in ihrer Entwicklung voranbringen. Die gleiche Studie zitierte Dr. Valentina Ketterer, um zu belegen, dass Ganztagsschule den Kindern keine Vorteile bringe.

Das Papier wurde außerdem gemacht, weil das eher experimentelle und offene Ganztagsschulmodell im Schelmenholz nach einem Jahr 2014 mangels Nachfrage eingestellt werden musste. Seitdem bietet die Stadt dort eine verlängerte Betreuung bis 15.30 Uhr an, um die Eltern nicht zu enttäuschen, die damals gern den Ganztagszug gewählt hätten.

Die Stadt wendet seit 2016 die qualitativ hohen Anforderungen auch auf die bestehenden Nachmittagsbetreuungen an und sichert den Eltern zu, die Schulbezirke flexibler zu handhaben, sie dürfen zur Wunschschule wechseln. Schelmenholz-Eltern argumentieren aber damit, dass sie einem Grundschüler den weiten Weg in eine andere Schule in der Stadt nicht allein zumuten können.

Als erste Schule ging die Grundstufe der Haselsteinschule 2017 mit dem Modell an den Start, die nächste wird die Kastenschule 2020 sein, wenn sie dafür umgebaut worden ist.


Nicht vor 2022/23 - bis zum Ganztagsbetrieb sind noch viele Schritte nötig

Kinder in der Ganztagsbetreuung brauchen Räume zum Ausruhen und Sichzurückziehen, mehr Räume für Bewegung und Spiel. Die Stadt rechnet mit bis zu 390 Quadratmeter zusätzlich im Schelmenholz, deren Erstellung mehrere Hunderttausend Euro kostet. Architekten planen derzeit. Doch bevor gebaut wird, muss es einen weiteren Beschluss des Gemeinderats auf Grundlage des Konzepts der Schule und der Umbaukosten geben. Bewilligt dann auch das Kultusministerium den Antrag, beginnt die Ganztagsschule im Schelmenholz frühestens im September 2022.

Den Gemeinderäten ist nach dem Infoabend umso wichtiger, dass das Modell angenommen wird, und zwar von Lehrern, die das Konzept erarbeiten und umsetzen sollen, als auch von den Eltern. Sonst wäre das Geld für die Erweiterung des Schulgebäudes in den Sand gesetzt.

Der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Siegfried Lorek (CDU) sagte beim Infoabend, dass Kommunen nicht gezwungen werden, Ganztagsschulen anzubieten, aber dass im Moment flexible Nachmittagsbetreuung nicht mehr gefördert werde. Dies war politischer Wille der Vorgängerregierung. „In anderthalb Jahren sieht das aber wieder anders aus“, erzählt er vom Willen der grün-schwarzen Landesregierung, das zugunsten offener Ganztagsschulen und flexibler Modelle rückgängig zu machen.