Winnenden

Endlich Erdbeeren aus heimischem Anbau: Was das für den Preis bedeutet

Erdbeeren
Leuchtend rote Erdbeeren auf dem Stand von Claudia Schaaf (rechts) mit Verkäuferin Brigitte Bösner. © Gabriel Habermann

Seit Wochen gibt es Erdbeeren. Doch erst seit dieser Woche lachen den Verbraucher heimische Beeren aus Freilandanbau auf Kuchen an oder schmecken ihm pur, mit Sahne und Joghurt so gut. Die ersten Beeren kamen im kalten April noch aus geheizten Gewächshäusern. Der Aspacher Obstbauer Matthias Schaaf hat am Samstag auf dem Wochenmarkt erstmals Erdbeeren von eigenen Äckern verkauft.

Temperatursteuerung, wärmespeichernde Vliese - der Mensch scheut keine Mühen, um den deutschen Erdbeeren ein bisschen mediterranes Klima vorzugaukeln. Matthias Schaaf hat die Tunnel-Beeren zu Beginn für knapp fünf Euro verkauft. Bis vergangene Woche waren sie für 4,50 Euro zu haben. Mit der Ankunft der ersten einheimischen Erdbeeren fallen die Preise auf deutlich unter vier Euro.

Warum waren die Erdbeeren bisher so sündhaft teuer?

Wegen des kalten und nassen Frühjahrs kam auf hiesigen Erdbeerfeldern alles schleppend in Fahrt, etwa zwei Wochen später als sonst, sagt Schaaf. Derweil haben die ersten frühen Sorten auf Erdwällen schon eine aromatische, sehr gute Fruchtqualität entwickelt. Hummeln, die ab sechs Grad - nicht wie Bienen erst bei zehn Grad - fliegen, werden unter Folien als Bestäuber eingesetzt. Ihr Wasser bekommen die Pflanzen aus Schläuchen in den Erdwällen, dadurch wird nur die Erde nass, aber die Blätter bleiben trocken, Fäule wird vermieden. Um die Balance zu halten zwischen ausreichender Belüftung und einer Temperatur „in einem vegetativ günstigen Bereich“, muss mehrmals täglich von Hand die Folie hochgekrempelt werden, um Luft reinzubekommen. Hightech-Temperatursensoren informieren per Handy über die aktuelle Temperatur. „Es muss immer jemand vor Ort sein, der schnell agieren kann.“ Der hohe Aufwand für die Bewirtschaftung habe die Beeren so teuer gemacht.

Warum gibt es überhaupt Erdbeeren aus Folientunneln, warum wartet man nicht den idealen Zeitpunkt ab?

Erdbeeren mögen keinen Frost. Erdbeer-Esser mögen aber gerne so früh wie möglich reinbeißen in die saftige „Fragaria“, wie der botanische Name lautet. Zumindest die Mehrheit der Kunden möchte nicht warten, sagt Eberhard Burtsche aus Waiblingen, auch er Standbetreiber auf dem Wochenmarkt in Winnenden. Ist keine heimische Ware da, kauft der Kunde im Supermarkt eben Erdbeeren aus Italien und Spanien. Um unabhängig von Witterungseinflüssen der Importware entgegenzuwirken, sei man vor einigen Jahren dazu übergegangen, die Erntesaison zu verfrühen, sagt Burtsche. „Gerade dieses Jahr war der April unnatürlich kalt, und auch im Mai gab es noch Bodenfrost“, bilanziert Burtsche.

Wachsen Folien-Erdbeeren in Erde - oder auf Substratböden, und wie schmecken sie?

Die Folienware ist keine Substratware. Folien-Erdbeeren wachsen in der Erde. Die Pflanzen sitzen auf Erdwällen, diese sind durch Vliese vor Bodenfrost geschützt. Geschmacklich sind die frühen Sorten dank ihrer besonderen Aromatik und Süße beliebt. Obstbauer Burtsche findet nichts Schlimmes an der Verfrühung: „Ich kaufe von heimischen Landwirten, die ich kenne und bei denen ich weiß, wie sie arbeiten, in Italien oder Spanien habe ich keine Ahnung vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und wie sie mit ihren Leuten umgehen.“

Was ist in diesem Jahr speziell?

Die Pflanzen haben sich infolge der Kälte nicht entwickelt, blieben lange im Wintermodus. „Dadurch haben wir viel Zeit verloren“, so Matthias Schaaf. Den Tunnel-Beeren ging es kaum besser. „Sie waren zwar schon weit vorangeschritten, aber durch die Kälte mussten die Pflanzen, die schon ausgetrieben hatten, über Nacht zusätzlich zur Folie außen innen mit weiterer Folie bedeckt werden.“ Ohne die Kälte wären die ersten Freiland-Beeren bereits am 20. Mai in den Verkauf gekommen. Das hätte zur Situation geführt, dass Ware aus Freiland und Tunnel gemeinsam fertig gewesen wären, dann wären sie zeitgleich verkauft worden, zum deutlich günstigeren Preis. Nun aber könnte eine andere kuriose Situation eintreffen: Die verzögerten Frühsorten im Freiland werden jetzt reif, die späteren Sorten werden parallel dazu regulär reif. „Es könnten zwei Erntefenster aufeinanderprallen, die Menge steigt dann, und der Preis fällt stark ab.“

Worin unterscheiden sich Freiland-Erdbeeren von den Tunnel-Früchten?

Marktbeschicker Matthias Schaaf hat als erste Freiland-Sorten die süß-aromatische „Cléry“ und „Joly“ im Verkauf. „Sie sind nicht mehr so robust“, sagt er über die Beschaffenheit und Haltbarkeit. „Freilandbeeren sind stärker der Witterung ausgesetzt, die Kälte nachts schadet ihnen, davon bekommen sie Infekte und die typischen Rissle, die dann rasch faulige Stellen bilden können.“ Bei schönem Wetter, nachts mit trockenem Lüftchen - so wie der Frühsommer im Idealfall sein sollte -, bleiben sie schön trocken, dann kommt kein Fauldruck ins Fruchtfleisch. „Im Tunnel können wir die Feuchtigkeit durch die Bewirtschaftung draußen halten. Im Freiland können wir nichts steuern.“

Was sollte der Verbraucher beachten?

„Haltbare Beeren, die schmecken“ - wenn er das anbieten könne, dann habe er seinen Job gut gemacht, sagt Matthias Schaaf. Die Beeren aus Tunnel-Anbau hätten locker zwei oder mehrere Tage im Kühlschrank gehalten. Bei Freiland-Erdbeeren rät Schaaf: „Nicht lange aufheben, sie sind empfindlicher und können rasch unschöne Stellen zeigen.“ Frisch essen sei im Übrigen auch für die Vitaminausbeute besser.

Welche Erdbeeren sind am besten für Marmelade?

Matthias Schaaf isst die Erdbeeren am liebsten direkt aus der Schale. „Wenn sie gut ausgereift sind, zum Stiel hin ihre „Hälsle“ kriegen, schmecken sie am besten. Die Sorte „Sinfonie“ hat säuerliche Noten - dazu passt eine schöne Vanillesoße oder Vanilleeis. Bald kommt mit der Sorte „Malvina“ dann eine Spätsorte, mit einer durch und durch tiefroten Farbe, die perfekte Marmelade-Erdbeere. „Auf Hefekranz mit Butter oder zu ein paar frischen Brötchen beim Sonntagsfrühstück ist frische Erdbeermarmelade unschlagbar.“

Seit Wochen gibt es Erdbeeren. Doch erst seit dieser Woche lachen den Verbraucher heimische Beeren aus Freilandanbau auf Kuchen an oder schmecken ihm pur, mit Sahne und Joghurt so gut. Die ersten Beeren kamen im kalten April noch aus geheizten Gewächshäusern. Der Aspacher Obstbauer Matthias Schaaf hat am Samstag auf dem Wochenmarkt erstmals Erdbeeren von eigenen Äckern verkauft.

Temperatursteuerung, wärmespeichernde Vliese - der Mensch scheut keine Mühen, um den deutschen Erdbeeren

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