Winnenden

Erik Raidts Buch über Bosch und Daimler

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Erik Raidt las im Theater der Alten Kelter. © Büttner / ZVW

Winnenden. Angesichts des Untertitels von Erik Raidts Buch über Daimler und Bosch hätte Lokalpatriotismus erwartet werden können. Doch der Kolumnist der Stuttgarter Zeitung zog bei seiner Lesung in der Alten Kelter ganz andere Parallelen: zur aktuellen Migration, zu moderner Technik als Grundlage der Globalisierung.

Die Epoche der Erfinder und die industrielle Revolution im späten 19. Jahrhundert - eine gar nicht so ferne Zeit einerseits, andererseits auch wieder sehr fremd. Eric Raidt berichtet 40 Zuhörern davon, wie Gottlieb Daimler im damaligen Schorndorf, von einer ehemals blühenden Stadt längst zur „unbedeutenden Provinzstadt“ verkommen, im „keineswegs stolzesten Gebäude der Gegend“ ärmlich aufwuchs. Das hatte kaum was von Lokalstolz oder Fachwerk-Folklore, auch wenn die Daimlerstadt mit ihren verwinkelten Gassen für Kinder damals „ein Abenteuerspielplatz“ gewesen sei. Spätestens nach dem „Jahr ohne Sommer“ 1816, als ein Vulkanausbruch im fernen Indonesien weltweit für Hungersnöte gesorgt hatte und ganze Landstriche verarmen ließ, wurde Daimlers Heimat zum „Armenhaus“, mit Krankheiten wie der Brechruhr, mit Not und Elend. Ein Massenexodus der Menschen im Südwesten setzte ein, vor allem nach Amerika, aber auch nach Russland. Zehn Prozent der Bevölkerung von Baden und Württemberg wählten zwischen 1845 und 1859 den Weg der Migration.

Als der Tod kam und ging, wie er wollte

Auch Robert Bosch, mit elf Geschwistern bei Ulm als Sohn eines Land- und Gastwirtes aufgewachsen, kam über Krankheit und Not zu seiner Bestimmung. Raidt schildert, wie ihn der Tod eines älteren Bruders an Lungenentzündung prägte, weil damals „der Tod kommt und geht, wie er will“. Der weichherzige Vater, alles andere als ein Patriarch, entsprach in seiner Naturverbundenheit „der Ursuppe des grünen Milieus“ und nahm Robert als Kind mit auf die Jagd, was der erfolgreiche Unternehmer Bosch später im Leben mit seinen Mitarbeitern auch so machen sollte.

Die Reise des Feinmechanikers Robert Bosch nach New York

Ein Kapitel in Raidts Buch beschreibt, wie der 22-jährige Bosch mit dem Schiff nach New York reist, damals die Metropole der Moderne schlechthin, mit der soeben fertiggestellten Brooklyn Bridge, der ersten Hängebrücke dieser Größe. „Der junge Feinmechaniker aus Ulm“ hatte ein Empfehlungsschreiben für Thomas Edison in der Reisetasche, laut damaliger Presse den „Zauberer von Menlo Park“, damals „ein Popstar seiner Zeit“, wie Raidt schreibt. Eine Zeit, in der sich nicht nur die Pferdekutsche zum Automobil wandelt, sondern Städte plötzlich nachts hell erleuchtet sind, Nachrichten und Daten auf elektrischem Wege um die Welt reisen, Entfernungen und auch alles andere näherrücken.

Als Gottlieb Daimler eine Premium-Kutsche kaufte

Eine erste, bahnbrechende Globalisierung. Die auch in unternehmerischer Hinsicht keine zimperlichen Zauderer verlangte. Raidt betont die egoistische Härte Daimlers, ein schwieriger Mann mit Ecken und Kanten, der nicht nur von seinem alten Weggefährten Carl Benz aus der Firma geworfen worden sei, sondern auch Händel mit Konkurrenten wie Nicolaus August Otto und vielen anderen hatte. Es lag halt „Großes in der Luft“ damals, 1886, als Daimler im Stuttgarter Bohnenviertel das Ladengeschäft von Wilhelm Wimpff betrat, Kutschenbauer seiner Majestät und einer von 27 Wagenbauern der Württembergischen Königsstadt, um eine Premiumkutsche zu bestellen, Bauweise „Americaine“. Für seine erst Kraftmaschine, den ersten Ventilmotor der Geschichte.

Daimler lernte in England und Frankreich

Während sich Robert Bosch als junger Mann an den USA orientierte, war Gottlieb Daimler zunächst in England und Frankreich erfolgreich, wo er auch einige Lehrjahre verbrachte.

Per Reisestipendien lernte er in Manchester den Frühkapitalismus kennen. Und im eleganten Paris gab es laut Erik Raidt ohnehin einen Markt für und somit schon lange vorher ein Interesse an Automobilen, weil die Franzosen das Auto sehr früh als große Erfindung erkannt hätten.

Wobei zum Ende des Jahrhunderts, als Daimler mit Wilhelm Maybach zunächst in einem Gartenhaus und ganz streng im Geheimen an seiner Erfindung tüftelte und Carl Benz in Berlin sein dreirädriges Fahrzeug anmeldete, eine weltweite Konkurrenz diesbezüglich herrschte, wer wohl mit dem besten Motor rauskäme.