Winnenden

Fünf Tage auf der Flucht: Winnenderin nimmt Eltern aus der Ukraine auf

Ukrainer
Svetlana S. (rechts) mit ihrer Mutter auf dem Sofa in Winnenden. © Alexandra Palmizi

Fünf Tage banges Warten, Verharren im Stau, an Tankstellen, Grenzen, immer wieder Detonationen. Kaum vorstellbar, was die Eltern von Svetlana S. auf ihrer Flucht aus der Ukraine durchgemacht haben. Jetzt sind sie endlich in Sicherheit, wohlbehalten in Winnenden eingetroffen.

Aus Sorge vor dem russischen Putin-Regime wollen sie ihre vollständigen Namen und ihre Gesichter lieber nicht in der Zeitung sehen. Ein Teil der Familie lebt nach wie vor in der Heimat.

Den Angriff Russlands haben sie zwar befürchtet, aber er hat sie trotzdem überrascht, erzählt Svetlanas Mutter. „Unser Präsident hat die Gefahr lange kleingeredet. Wir haben ihm das geglaubt“, berichtet die Frau. Mittlerweile weiß sie, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj keine Panik in der Bevölkerung schüren wollte, wohl deshalb beschwichtigt hat. Gewundert haben sie und ihr Mann sich noch, weshalb wenige Wochen vor Kriegsbeginn die Immobilienpreise in der Ukraine plötzlich so stark angezogen sind. Ein Vorbote?

Stunden der Angst, kaum Schlaf

Am 24. Februar hat sich alles geändert. Die russischen Soldaten marschieren in die Ukraine ein.

Für Svetlana S. und ihren italienischen Ehemann Simone beginnen in Winnenden Stunden der Angst, Stunden mit kaum Schlaf. „Ich habe permanent auf mein Handy geschaut, versucht, regelmäßig mit meinen Eltern zu telefonieren. Es war für mich Horror pur“, erinnert sie sich. Ganz schlimm ist es gewesen, wenn sie dann doch eingeschlafen ist: Die Angst beim Aufwachen, dass den Eltern etwas zugestoßen sein könnte ...

Der Papa wollte in der Hafenstadt Odessa bleiben

Der Mutter von Svetlana S. ist schnell klar, dass sie mit ihrem Mann aus der Hafenstadt Odessa im Süden der Ukraine fliehen muss. Ihr Ehemann wollte bis zuletzt in den eigenen vier Wänden, der geliebten Heimat bleiben. „Am dritten Kriegstag konnte ich ihn schließlich überzeugen“, sagt die Frau.

Zuvor geht sie bereits Geld abheben, ihre Bank hatte ihr eine SMS geschickt. So reiht sie sich vor dem Geldautomaten in eine gigantische Menschenschlange ein, ehe sie einen Koffer für sich und ihren Mann packt. „Wir hatten nicht viel Zeit. Der Kühlschrank zu Hause ist noch voll. Um 5 Uhr morgens sind wir ins Auto gestiegen in Richtung zur moldawischen Grenze.“

An einer Tankstelle in der Heimat steht das Ehepaar über vier Stunden für eine Spritfüllung an. Auf dem Weg hören sie immer wieder Detonationen.

Über 26 Stunden an der moldawischen Grenze im Stau

Ein enormer Kraftakt mit dem eigenen Auto für das Ehepaar.  „An der moldawischen Grenze sind wir über 26 Stunden im Stau gestanden. Pro Stunde haben wir etwa 30 Meter zurückgelegt“, erinnert sich Svetlanas Mutter. Über Moldawien reisen die beiden nach Rumänien.

„In Rumänien hat mein Mann sie abgeholt“, erzählt Svetlana S. Das Auto des Ehepaars haben sie dort gelassen. „Es ist sehr alt. Wir wissen nicht, ob sie es damit nach Deutschland geschafft hätten“, erklärt Svetlana S., die in der Zeit auf das Kind zu Hause aufgepasst hat.

Ihr Ehemann Simone S. berichtet, dass er auf dem Rückweg sehr viele Autos mit ukrainischem Kennzeichen gesehen hat. „Es saßen eigentlich nur Frauen und Kinder in den Fahrzeugen“, erinnert er sich. Nach fünf quälend langen Tagen ist das Ehepaar mit dem Schwiegersohn schließlich in Winnenden eingetroffen.

Die Mutter will nun andere Geflüchtete unterstützen

Die Mutter von Svetlana S. will nun anderen Geflüchteten helfen. Die Frau spricht fließend Deutsch, hat die Sprache jahrelang an einer Universität unterrichtet. Bei der Stadt hat sich die diplomierte Deutsch-Lehrerin, die in Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland, studiert hat, als Dolmetscherin angeboten. Kontakt zu anderen Flüchtlingen hatte sie bisher allerdings noch nicht. „Ich bin der Stadt Winnenden wirklich sehr dankbar. Und wir sind den Menschen dankbar, wie wir aufgenommen wurden. Und auch denen, die uns auf der Flucht unterstützt haben.“

Noch immer sind die Gedanken jedoch in der Heimat. Bei Freunden, Nachbarn und Angehörigen. „Die Bevölkerung ist in Panik. Viele wollen nicht fliehen. Sie wissen nicht, was sie nun erwartet“, erzählt die Mutter von Svetlana S. Nahrung gibt es momentan genug, zumindest jene, die haltbar ist. „Frische Produkte sind knapp. Außerdem steigen die Preise“, hat sie erfahren.

Wie es jetzt weitergeht? Die Mutter von Svetlana S. zuckt mit den Schultern. Ungewissheit. Ihre Augen schimmern feucht. „Eigentlich wollten sich meine Eltern langsam auf die Rente vorbereiten, ihren Lebensabend genießen. Sie wollten sich ein kleines Häuschen kaufen“, ergreift die Tochter das Wort.

Nun sind sie als Flüchtlinge in Winnenden gelandet. „Aber immerhin haben sie es geschafft. Ich habe von vielen gehört, die zu spät los sind und nicht mehr fliehen konnten“, erzählt Svetlana S.

Russische Truppen befinden sich etwa 120 Kilometer von Odessa entfernt

Die russischen Truppen befinden sich momentan noch etwa 120 Kilometer entfernt von Odessa. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie dort sind“, vermutet Svetlanas Mutter. Sie hätte sich gewünscht, dass andere Länder der Ukraine beistehen. „Bis harte Sanktionen getroffen wurden, sind Tage vergangen“, ärgert sie sich. „Ich wünsche es niemandem, sehen zu müssen, wie das eigene Volk ermordet wird und alle schauen nur zu. Dort sterben Leute, hier reden wir über die hohen Spritpreise“, gibt Svetlana S. einen Einblick in ihre Gefühlswelt.

Für junge Menschen biete die Flucht vielleicht auch eine Chance, meint Svetlana S. „Aber was ist mit den Älteren? Meine Mutter hat Glück, dass sie Deutsch spricht. Sie wird hier bestimmt etwas finden. Aber was wird aus meinem Vater?“, fragt sie.

Für den Moment ist das egal: Ihre Eltern sind endlich in Sicherheit.

Fünf Tage banges Warten, Verharren im Stau, an Tankstellen, Grenzen, immer wieder Detonationen. Kaum vorstellbar, was die Eltern von Svetlana S. auf ihrer Flucht aus der Ukraine durchgemacht haben. Jetzt sind sie endlich in Sicherheit, wohlbehalten in Winnenden eingetroffen.

Aus Sorge vor dem russischen Putin-Regime wollen sie ihre vollständigen Namen und ihre Gesichter lieber nicht in der Zeitung sehen. Ein Teil der Familie lebt nach wie vor in der Heimat.

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