Winnenden

Fahreignungstest für Senioren?

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Senior auf Schleuderkurs: Körperliche Einschränkungen im Alter können die Fahreignung beeinträchtigen. © Laura Edenberger

Leutenbach/Backnang. Ein 87-Jähriger fährt mitten in der Nacht in Schlangenlinien die B 14 entlang. Sein Schutzengel scheint im Auto zu sitzen, denn die Irrfahrt endet ohne Verletzte. Auf Polizisten macht der Mann einen „total geschwächten und verwirrten“ Eindruck. Der Fall wirft altbekannte Fragen auf: Sollten Ältere zum Fahreignungstest gezwungen werden?

Nein, das sollten sie nicht. Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, begründet seine klare Haltung auf unerwartete Weise: Es gibt aus seiner Sicht keine Prüfung, die ein verlässliches Ergebnis zur Fahreignung liefern könnte. Deshalb setzt Brockmann auf „ein Instrument zur Selbsterkenntnis“: Senioren sollten aus seiner Sicht eine „Rückmeldefahrt“ mit einem Profi absolvieren müssen. Beispielsweise ein Fahrlehrer oder ein Verkehrspsychologe erläutert dem Autofahrer nach solch einer Fahrt, welche Mängel ihm aufgefallen sind. Ältere könnten auf der Basis dessen ihre Fahrfähigkeit verbessern, sie könnten aufs Fahren in der Nacht oder in der Stadt verzichten – eine Menge Zwischenschritte sind denkbar. Brockmann glaubt, dass der Fahrbegleiter nur in wenigen Fällen zur sofortigen Abgabe des Führerscheins raten muss. Von Zwangskonsequenzen rät der Forscher ab.

Jüngster Vorfall auf der B 14

Der 87-jährige Mann, der in der Nacht auf Montag gegen 2.45 Uhr auf der B 14 von Leutenbach in Richtung Backnang unterwegs war, durfte jedenfalls nicht weiterfahren. Andere Verkehrsteilnehmer hatten zuvor beobachtet, wie der Senior Schlangenlinien gefahren war. Der Mann hat laut Polizei sein Fahrzeug mehrfach in Richtung Schutzplanken und Tunnelwand gesteuert. Offenbar war er noch geistesgegenwärtig genug, in letzter Sekunde gegenzusteuern, sonst wär es unvermeidlich zum Unfall gekommen. Bei einer Baustelle in Waldrems geriet der Mercedes des Betagten sogar in den Gegenverkehr. Dort konnte ein Fahrer noch ausweichen.

In Waldrems stoppte die Polizei den 87-Jährigen. Wegen seines Zustands behielten die Beamten den Führerschein des Mannes an Ort und Stelle ein und sorgten dafür, dass er seine Fahrt nicht fortsetzt.

Zahl der Vorfälle wird wachsen

Vielleicht war’s nur eine plötzliche und gesundheitlich bedingte Schwäche – die Ermittlungen dauern noch an. Vielleicht fährt der Mann sonst Auto wie eine Eins. Hohes Alter geht nicht automatisch mit Unfähigkeit einher. Rein statistisch nimmt aber vom 75. Lebensjahr an die Zahl selbst verschuldeter Unfälle deutlich zu, gibt Siegfried Brockmann zu bedenken. Trotzdem rechnet er nicht damit, dass die Politik in naher Zukunft Rückmeldefahrten für Senioren zur Pflicht macht. Die Zeit scheint noch nicht reif dafür. Noch bleiben ein paar Jahre, bis die geburtenstarken Jahrgänge ins hohe Alter kommen, rechnet der Unfallforscher vor. Die „relevante Risikogruppe“ der über 75-Jährigen wird wachsen und somit die Zahl der Vorfälle. Der Blick auf eine andere Risikogruppe, die heißblütigen Fahranfänger, lenkt davon nicht ab. Als „noch etwas schlimmer“ bezeichnet Brockmann die Jungen, weil sie unerfahren sind und vielen das nötige Gefahrenbewusstsein fehlt.

"Freiwillige Beobachtungsfahrten" für Senioren

Vermutlich darf die Allgemeinheit bei Senioren eher auf freiwillige Einsicht hoffen als bei jugendlichen Rasern. An Angeboten fehlt es nicht: Viele Fahrschulen, der ADAC und der TÜV bieten Senioren unverbindliche Checks an. Der Schorndorfer Stadtrat und ehemalige Fahrlehrer Konrad Hofer sitzt bei „freiwilligen Beobachtungsfahrten“ eine Stunde lang neben betagten Autofahrern. Hinterher gibt er eine Einschätzung ab. Hofers Credo: „Ich bin dafür, dass die älteren Leute so lange fahren dürfen, wie sie können. – Die meisten alte Leute sind gewissenhaft.“

Trotzdem wird vereinzelt immer wieder der Ruf nach verpflichtenden Tests laut. Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins forderte jüngst, Autofahrer im Seniorenalter regelmäßig einem medizinischen Check zu unterziehen.

Landratsamt prüft Tatsachen

Ein hohes Alter allein reicht nicht, um einem Autofahrer Defizite zu unterstellen. Nach der Schlangenlinien-Fahrt des 87-Jährigen prüft das Landratsamt nun laut Pressestelle, ob Tatsachen vorliegen, welche Bedenken an der körperlichen oder geistigen Eignung des Mannes begründen. „Erst wenn solche Tatsachen vorliegen, wäre eine Überprüfung dieser Tatsache mittels Attest, Amtsarzt, Facharztbegutachtung, Fahrprobe oder medizinisch-psychologischer Begutachtung durch die Fahrerlaubnisbehörde des Landratsamts möglich“, erläutert Pressesprecherin Sandra Weiß. Je nach Lage der Dinge kann die Behörde den Führerschein entziehen oder die Fahrerlaubnis mit Auflagen oder Beschränkungen versehen.


Freiwillig abgeben

Die Ermittlungen zur Schlangenlinienfahrt des 87-Jährigen auf der B 14 dauern an. Die Polizei bittet Zeugen, sich zu melden, Telefon 0 71 95/69 40.

Die Zahl der Älteren, die freiwillig ihren Führerschein abgegeben haben, hat deutlich zugenommen: Vier Führerscheine waren es 2014 im Kreis und jeweils acht in den beiden folgenden Jahren. Dieses Jahr haben bereits 14 Senioren ihren Führerschein freiwillig abgegeben.