Winnenden

Fahrradführerschein für Flüchtlinge

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Vor dem Start bespricht Anton Steinhauser (Mitte) die Prüfung mit den Bewerbern. © Habermann / ZVW
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Ahmed auf dem Prüfungsparcours: Gut am rechten Fahrbahnrand, Hand ausgestreckt. Mit dem Start ist der Prüfungsleiter sehr zufrieden. © Habermann / ZVW

Winnenden-Birkmannsweiler. Zwei Fahrradunfälle von Flüchtlingen haben die ehrenamtlichen Helfer mitbekommen. Dann sagten sie: Es genügt nicht, Fahrräder auszugeben; wir müssen die Leute schulen. Diese Woche überprüften Ehrenamtliche das Gelernte und stellten fest: Es reicht noch nicht. Nächste Woche ist der zweite Prüfungstermin.

Ein Fahrradunfall ist kein Spaß. Und eine Fahrradprüfung mit dem ehemaligen Polizeibeamten Anton Steinhauser aus Winnenden ist entsprechend streng. Steinhauser sagt: „Ich kann nicht viel durchgehen lassen, sonst kann ich nicht mehr ruhig schlafen.“ In aller Strenge beginnt er die Prüfung zur abgemachten Uhrzeit und checkt jedes der fünf Fahrräder durch. „Geht nicht. Nicht zugelassen. Die Bremse ist zu schwach.“ Fritz Kögel, der den Flüchtlingen die Fahrräder besorgt hat, macht für Sekunden ein säuerliches Gesicht, hat aber Werkzeug dabei, spannt die Bremse nach. Zehn Sekunden braucht er - dann ist die Bremse genehmigt, das Fahrrad prüfungsbereit. Einer der Prüflinge kommt später, sagt, er habe doch angekündigt, dass es später werde. Er kriegt einen Rüffel, darf dann aber auch mitmachen.

Bei der Theorieprüfung fällt einer schon durch

Schüler, die alle mal eine Fahrradführerscheinprüfung ablegen müssen, dürfen beruhigt sein: Mit den Erwachsenen geht der Prüfer mindestens genauso streng um, auch wenn sie erst seit ein paar Monaten in Deutschland sind und noch nicht gewöhnt sind, dass gar alles geregelt ist im Radverkehr. Sechs Flüchtlinge waren bereit, sich prüfen zu lassen. Sie hatten jeder ein Fahrrad von Fritz Kögel geschenkt bekommen, mussten nur ein Schloss dafür selbst bezahlen – und mussten eben Verkehrsregeln lernen und die Prüfung machen, denn die Ehrenamtlichen wollen, dass die Flüchtlinge sich selbst schützen beim Radeln. Einer der Bewerber hatte die mündliche, theoretische Prüfung nicht bestanden, deshalb durfte er nicht zur Prüfung antreten, und so waren’s nur noch fünf.

Die Prüfer erklärten ihren Schützlingen, worauf es ankommt bei der Prüfungsfahrt: Handzeichen geben beim Linksabbiegen, auf Gegenverkehr achten, Schulterblick nach hinten. Und immer: Vorfahrt beachten, Richtungssignal geben. Einem Winnender Alltagsradler wird’s ganz schwummrig bei den Vorschriften, die so ein Mann aus Syrien oder dem Irak hier einhalten muss: Beim Überholen eines parkenden Autos Zeichen geben? Beim Wiedereinscheren noch mal Zeichen geben? Oh ja. So muss es sein. Diese Prüfung ist kein Ponyreiten. Birkmannsweilermer tun sehr viel für ihre Flüchtlinge, aber sie verlangen ihnen auch was ab.

Husam fährt als Erster los, hält sich gut rechts in der Jahnstraße bei der Buchenbachhalle, blickt über die Schulter zurück, hält den linken Arm raus. Das Einordnen ist nicht ganz korrekt. Er biegt ab. So weit alles o.k.

Fritz Kögel beobachtet ihn weiter hinten auf der Strecke und sagt: „Hat gut geklappt.“ Kurz vor Schluss der Prüfungsstrecke wartet Ingeborg Dopslaff: „Oh, des isch so en netter Kerle. Hoffentlich macht er alles richtig.“ Sie hat eine Checkliste: Handzeichen links? Handzeichen rechts? Schulterblick? Wie fährt der Prüfling um ein parkendes Auto herum?

Also, ehrlich gesagt: Es ist viel Richtiges dabei. Es sind viele Sachen, die kein ausgewachsener Normalradler machen würde, und die dieser erwachsene Flüchtling in seiner Prüfungssituation doch macht. Aber die ganze Checkliste erfüllt keiner Punkt für Punkt.

Bei der Zufahrt auf den Prüfungsleiter passieren Fehler

Nach Ingeborg Dopslaff biegen die Prüflinge wieder in die Jahnstraße ein und fahren auf Prüfungsleiter Anton Steinhauser zu. Vielleicht meinen sie, die Prüfung wäre schon zu Ende. Vielleicht haben sie das Gefühl der Zieleinfahrt wie beim Radrennen. Jedenfalls machen sie Fehler an der Kreuzung. Der eine streckt die Hand nicht raus, der andere guckt nicht richtig, der Nächste fährt zu weit in den Straßenraum hinein.

Nein. Nein. Nein. Was Prüfungsleiter Steinhauser da sieht, lässt ihm keine Ruhe: „Was machen wir? Die gefährden sich doch selber, wenn sie so fahren.“ Unter sich diskutieren die Ehrenamtlichen: Jetzt haben sich sechs Flüchtlinge so engagiert, haben das Fahrradtraining freiwillig mitgemacht, die Prüfung absolviert, und dann gibt man ihnen keinen Fahrradführerschein? Oder man gibt ihn den einen, und den anderen, die viele Fehler machten, gibt man ihn nicht. „Das können wir auch nicht machen“, sagt Steinhauser. Sie einigen sich: Am Montag wird der ganze Parcours noch mal von allen gefahren. Vorher wird trainiert. Dann müsste es klappen. Dann wird der Fahrradführerschein überreicht – ganz offiziell und feierlich im Rathaus.

Die Fahrräder

Fahrräder sind für Flüchtlinge wichtig: Deutsche oder europäische Führerscheine haben sie nicht. Bus ist teuer. Deshalb brauchen sie das Rad.

In Birkmannsweiler haben einige von der Fahrradwerkstatt gebrauchte, renovierte Fahrräder bekommen. Der ehemalige Polizist Anton Steinhauser hat die Fahrräder geprüft und ihnen dann ein Prüfungsetikett angeklebt.

Das Einzige, was die Flüchtlinge selbst bezahlen mussten, war ein Drahtschloss, um ihr Fahrrad zu sichern. Auf jedem der Fahrräder haben Fritz Kögel und seine Ehrenamtskollegen den Namen des neuen Besitzers geschrieben.

Durch zwei Unfälle merkten die Ehrenamtlichen, dass ihre Schützlinge nicht sicher fahren.

Sie trainierten mit ihnen für die Fahrradprüfung und stellten beim Training fest, dass sie zum Beispiel Probleme mit Langsamfahren und der Balance haben.

Manche fuhren nur auf Feldwegen und trauten sich nicht auf die Straßen und Radwege.