Winnenden

Falk aus Berlin in der "Palme"

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Der Liedermacher Falk in seiner „Spielecke“ in der „Palme“: Ein witziges und intensives Live-Erlebnis. © Gabriel Habermann / ZVW.

Winnenden. Ein Konzert in der kleinen Kneipe „Palme“, wo normalerweise nur 30 Gäste sitzen und 70 stehen können – geht das? Und dann noch ein Liedermacher, diese scheinbar vom Aussterben bedrohte Spezies der Musikbranche? Und wie das geht. Es geht ab. Die Gäste singen etliche Refrains mit und entlassen den 30-Jährigen erst nach sechs Zugaben aus seiner Spielecke.

„Klappe halten“ steht auf dem T-Shirt des schlanken und bubenjung wirkenden Sängers, der seine gar nicht braven deutschen Texte vorträgt. Die Gäste in der Palme folgen artig, qualmen ihre Zigaretten, nippen an Bier, Blackmost und Sexy Holi und hören aufmerksam zu. Sie sind das genaue Gegenteil von dem, was man am Samstagabend in einer punkig angehauchten Kneipe erwartet. „Wir haben sie mit dem ersten Konzert, mit dem Liedermacher Marian Meyer, angefixt“, sagt Lars Cronjäger glücklich. Der 27-jährige Winnender ist im Hauptberuf Heilerziehungspfleger in der Blauen Arche der Paulinenpflege. Als Fan von Falk hat er Künstler und Managerin auf einem Konzert näher kennengelernt. Die Chemie stimmte offenbar so sehr, dass die Frau nun etliche Künstler des Liedermacherlabels Ahuga in die Wohnzimmeratmosphäre der „Palme“ vermittelt – „nur gegen eine Hutspende, und übernachten tun sie bei mir“, ist Lars Cronjäger begeistert.

Mit dieser neuen Reihe wollen er und Andreas Jäger (41) die Winnender Kulturszene bereichern. „Die Stadt kann es brauchen“, findet der frühere Grafiker, der nach dem beruflich bedingten Ausstieg seines Kompagnons Oli die „Palme“ im elften Jahr ihres Bestehens allein weiterführt. Auch er ist völlig euphorisch über die Resonanz beim Publikum („Wenn es nichts kostet, guckt man es sich doch mal an, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack ist“) und bei den Künstlern („Wir haben Anfragen aus ganz Europa, denen schreibe ich immer: Wisst ihr, wie klein wir sind?“).

Auch Falk gefällt’s in der Eckkneipe an der Mühltorstraße 5, nur wenige Meter vom Marktplatz entfernt. Der gebürtige Wuppertaler und Wahlberliner zieht sie den In-Bars der Hauptstadt allemal vor. Freilich, bei ihm ist alles, was er sagt, hintergründig-doppelbödig, seine Masche hat man schnell raus und genießt sie ungeniert: Aufs erste Lob folgt eine überraschende und abgrundtiefe Pointe, gegossen in ein Lied, in diesem Fall „Männerclub“. „Dem durfte ich in einem Hinterzimmer mal zuhören“, behauptet Falk und zeigt, dass die kabarettistische Liedermachertradition (Wecker, Wader, Biermann, Mey) weder tot noch ein Fall für ältere Herren ist. Falk lässt die Schamhaare im Abguss gurgeln, dass es die Zuhörer graust, regt sich deftig über den Tausendsassa Torben auf und verdammt auch das allseits verherrlichte Joggen. Das Publikum, alters-, tattoo- und piercingmäßig bunt gemischt, hängt an Falks Lippen. Und bejubelt den Typen, der Philosophie und Geschichte studiert und dieses Jahr 150 Auftritte bestritten hat. Einen davon nur eine Armlänge von den Zuhörern entfernt.