Winnenden

Familie Hägele lässt nachbohren: Wie alt ist ein ehemaliges Bauernhaus in Höfens Mitte?

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Hans-Jürgen Bleyer entnimmt einem alten Balken im Dachstuhl eine Probe, um das Alter des Holzes zu untersuchen. © Ralph Steinemann Pressefoto

In der Winnender Innenstadt hat vor 328 Jahren ein großer Brand viele Häuser zerstört. Sucht man alte Gemäuer, muss man weg vom Zentrum und eher in die Teilorte gehen. In Höfen wird gerade eines nach allen Regeln der Kunst wissenschaftlich untersucht, erste hoch spannende Ergebnisse liegen vor: Das alte Bauernhaus mit den grünen Fensterläden am Wiesgartenweg 5 ist nahezu 500 Jahre alt.

Es steht im alten Höfener Ortskern, am Fußweg zum Bädle, neben dem Backhaus und dem kleinen Platz mit der Linde. In der Nähe sind auch die Denkmäler von Höfen, das Türmle und das „Schlössle“ an der Eckehardtstraße.

Der neue Bebauungsplan würde an der Stelle ein Mehrfamilienhaus erlauben

Das alte Bauernhaus steht seit 1990 leer. Es gehört inzwischen der Familie Hägele, genauer Mathilde Hägele. Sie ist darin geboren worden und aufgewachsen. Sie hat ihrem Sohn Ulrich gesagt, das Haus solle erhalten werden. Der 46-Jährige wohnt wie sie woanders in Höfen und hat ein Faible für alte Dinge. Er war nie gegen die Bewahrung des Hauses, aber es war bisher keine Gelegenheit dazu. Doch als die Stadt einen Bebauungsplan für ein Baugebiet vom Seehaldenweg aufwärts entwickelte, der auch für das Hägele-Grundstück ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage vorsieht, war ein Anlass da, sich wieder mit dem Gebäude zu beschäftigen.

Denkmalamt liegt mit der eigenen Altersschätzung weit daneben

„Abriss und Neubau sind für uns kein Thema, meine Mutter hängt sehr daran. Als sie Kind war, war es ein kleiner Bauernhof, es ist mit vielen glücklichen und positiven Erinnerungen verbunden.“ Heute sei es ortsbildprägend, und wenn man die Feste, die daneben stattfinden, betrachtet, sei es sogar identitätsstiftend.

Der nächste Schubs, aktiv zu werden, kam durch den Besuch eines Experten von der Denkmalbehörde. „Er machte Fotos und sagte, das Gremium berät.“ Zunächst, sagt Ulrich Hägele, dachte er beim Thema Denkmalschutz an Gängeleien und hohe Kosten. „Wir holten Rolf Fuhrmann aus Hertmannsweiler ins Boot, um zu erfahren, ob die Hürden wirklich so hoch sind.“ Der Denkmalsanierer zeigte die Vorteile auf und begeisterte die Familie für den Erhalt, weil er mit einem Blick sah: „Das Gebäude ist sehr alt. Vielleicht das älteste von Winnenden.“

Als aber die enttäuschende Antwort der Denkmalbehörde eintraf – das Haus bekomme keinen Denkmalschutz, viele Umbauten führten zum Substanzverlust, außerdem datiere das Gebäude vom späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert –, da widersprachen sowohl der örtliche Fachmann Fuhrmann als auch die frühere Bewohnerin zumindest der Altersangabe. Mutter Hägele gab dem Haus 400 Jahre, Fuhrmann hätte sich anhand bestimmter Baumerkmale sogar fast 600 Jahre vorstellen können.

Um das ein für alle Mal zu klären, holten Hägeles Hans-Jürgen Bleyer aus Metzingen, der ein Ingenieurbüro für Hausforschung hat. Er nahm mit dem Bohrer Proben von verschiedenen Dachbalken und von den Außenwänden. Die erste schnelle dendrochronologische Auswertung von drei Proben ergab: Das Holz ist aus den Jahren 1524 und 1525. Demnach ist das Haus fast 500 Jahre alt.

Fuhrmann, Bleyer und Bihlmaier: Die Experten sind begeistert

Nicht nur Ulrich Hägele ist von den Socken: „Ich wusste bisher nur, dass mein Opa Gottlob Luckert 1895 darin geboren wurde. Es ist erstaunlich: Das Haus ist mitten in der Reformation und zur Zeit des Bauernaufstands im Südwesten gebaut worden.“

Rolf Fuhrmann ist enthusiastisch: „Ich habe erst ein Haus dieses Alters umgebaut.“ Der komplette Dachstuhl sei erhalten, was ganz selten sei. Natürlich wurde es unten herum umgebaut und den Bedürfnissen der Bewohner angepasst, „aber die Hauptstruktur ist bis heute erhalten“.

Auch der Hobbyhistoriker Kurt Bihlmaier, der sich besonders auf Baach, Bürg und Höfen fokussiert, freut sich. Er entdeckt es sogar auf einer historischen Zeichnung von Andreas Kieser (1685) anhand der markanten Dachform, einem „abgekippten Walmdach“. Wer dieses stattliche Haus errichten konnte, war damals „gewiss kein Armer“, vermutet er. „Es ist ähnlich alt wie das ,Schlössle', wobei uns hier nichts Genaues bekannt ist, aber älter als das Türmchen, das auf 1596 datiert wird.“

Der Hausforscher Hans-Jürgen Bleyer sagt: „Es ist eine tolle Anlage, die einmal ein Objekt für Vorlesungen an den Universitäten sein wird. Man sieht an ihr noch die mittelalterliche Denk- und Bauweise, aber auch schon moderne Ideen des Zimmermanns, also den Übergang in die neuzeitliche Bauweise.“ Dass solche Originale erhalten würden, sei unschätzbar für die Forschung.

Das Denkmalamt hat nun der Familie signalisiert, dass es den Fall noch einmal aufrollen und sich mit dem Gutachter Bleyer unterhalten möchte. Auch er wird mindestens noch einmal wiederkehren, in ein paar Wochen, um Skizzen zu machen. Dann wird er die Beurteilung ausarbeiten.

In der Winnender Innenstadt hat vor 328 Jahren ein großer Brand viele Häuser zerstört. Sucht man alte Gemäuer, muss man weg vom Zentrum und eher in die Teilorte gehen. In Höfen wird gerade eines nach allen Regeln der Kunst wissenschaftlich untersucht, erste hoch spannende Ergebnisse liegen vor: Das alte Bauernhaus mit den grünen Fensterläden am Wiesgartenweg 5 ist nahezu 500 Jahre alt.

Es steht im alten Höfener Ortskern, am Fußweg zum Bädle, neben dem Backhaus und dem kleinen Platz

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