Winnenden

Flying Steps tanzen zu Musik von Bach

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Flying Steps
Akrobatik von der Straße, die auf Hochkultur trifft: Die Flying Steps in der Winnender Stadthalle. © Palmizi / ZVW
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Flying Steps
Die schöne Anmutung bleibt nicht dem klassischen Tanz vorbehalten. © Palmizi / ZVW
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Die Flying Steps in Action, oder Breakdance kann Körperkunst in Vollendung sein. © Palmizi / ZVW

Winnenden. Sieben Männer und eine Frau. Schon ist die Spannung da, die sich aufbaut durch Umkreisen in rasenden Schritten, aber auch wieder entlädt in einer kleinen Schlacht. Einem Battle, würden Hip-Hopper sagen. Die Flying Steps aus Berlin tanzten jetzt innerhalb der Winnender Konzerttage Bach. Eine Weltnummer, das war vorher schon klar. Entsprechend groß das Staunen in der zweifach ausverkauften Stadthalle.

Video: "Flying Bach" in der Winnender Stadthalle.

Da gibt es noch den anderen großen Spannungsbogen, den die weltmeisterlichen Flying Steps in die Hermann-Schwab-Halle tragen. Bach, der gute Johann Sebastian, trifft auf Breakdancer. Die kommen nicht direkt aus der Bronx, aus dem Ghetto New Yorks. Aber es sind im Wesentlichen Migrantenkinder, die nicht nur in Berlin, sondern auch im Juze in Beutelsbach ihre Battles austragen. Und manchmal gerät es eben so meisterlich, dass es zu höchsten Titeln der Szene reicht. Was gilt für die Compagnie aus Berlin.

Der gute Bach will doch beschleunigt werden

Und wie es gilt. Es beginnt ganz harmlos. Die sieben Männer sind mit etwas feinerem Zwirn gewandet als mit den üblichen Arsch-voll-Hosen. Zwei ältlich aussehende Tasteninstrumente flankieren sie. Dass da doch etwas nicht ganz zusammenpasst, auch für die Verhältnisse des klassischen Balletts, wird dann doch klar.

Zwei Tänzer haben Baseball-Mützen auf dem Schädel. Voraussetzung, um auf dem Kopf, und zwar nur auf dem Kopf, sich drehen zu können. Head Spin – das Rotieren auf dem Kopf. Zudem mischen sich in das Spiel des Cembalisten und des Pianisten für Klassik-Hörer immer wieder Störfaktoren: das eingespielte Scratchen auf dem Plattenteller, die druntergelegten Beats, ein Grummeln auch wie aus dem Bauch einer Musikmaschine.

Die Flying Steps wirken zwischen den Kulturen

Bach, seine orgellastigen sakralen, auch nach höfischem Ringelreihen klingenden Suiten, das will an gegebenen Stellen doch beschleunigt werden. Und interkulturell aufgepimpt. Dem Geschmack ganz anderer Generationen anheimgegeben. Und das ist ja die zweite Kunst der Berliner, ihre didaktische sozusagen: dass sie junges Publikum, ganze Schulklassen, ansprechen mit akrobatischem Freestyle, wie ihn ein Michael Jackson mit seinem Moon Walk von der Straße gestohlen hat.

Und dann zusammenbringen mit dem, was die Eltern so mögen, wenn sie in die Winnender Schlosskirche gehen zum Orgelspiel von Gerhard Paulus. Die Flying Steps wirken da zwischen den Kulturen wie sehr bewegliche Scharniere. Ungeheuer beweglich. Große Körperkunst.

Fußarbeit und das Verharren in grotesken Positionen

Man sollte vielleicht doch auf der Straße aufgewachsen sein und dann an sich geglaubt haben, um das zu können. Diese Fußarbeit, Moves, dieses Verharren in grotesken Positionen, Freezes. Die Artistik aus dem Lauf einer wahrhaft durchkomponierten Choreografie zeigt sich, wenn es ansatzlos von der Windmühle, der liegenden Drehung auf der eigenen Achse übergeht in den Airflare.

Die gespreizten Beine umkreisen den sich auf den Händen haltenden Tänzer in geschwungener Weise. Das sind dann die Momente, wo auch Mutter oder Vater, die Gerhard-Paulus-Gänger, mit offenen Mündern gen Geschehen starren und dann wie automatisiert die Hände zusammenschlagen. Nicht über dem Kopf, sondern zum Zwischenapplaus. Ganz große Nummer. Hier in dieser Stadthalle.

Kommt Johann Sebastian auch zur Premiere?

Es war einmal eine tanzende Straßengang aus Berlin. Die Flying Steps, so heißt die Truppe ursprünglich, wollte sich ganz aufs Tanzen konzentrieren. Also stellte sie sich unter die Flügel des Starkbrause-Abfüllers Red Bull aus Österreich. So heißt die Show, die jetzt in der Hermann-Schwab-Halle zu sehen war, auch „Red Bull Flying Bach“.

Die Breakdancer, in ihrem Fach Weltmeister, haben bereits eine neue Show einstudiert. Die geht Richtung Magie und Zauberei, nennt sich „Flying Illusion“ und lebt von frappierenden optischen Täuschungen.

Der Kopf hinter den Flying Steps heißt Vartan Bassil. Er kam mit seinem Eltern, die vor dem libanesischen Bürgerkrieg geflohen sind, nach Berlin. Heute ist er 38 Jahre alt und kann eine typische Migrantengeschichte erzählen: „Viele Türen wurden mir vor der Nase zugeschlagen. Am Anfang war meine Mama der Sponsor. Sie fragte mich oft, warum ich mir keinen richtigen Beruf suche. Das tut sie jetzt noch manchmal, aber scherzhaft.“

Breakdance, die Rebellen-Kultur aus dem Ghetto, und Bach, der Liebling der Hochkultur, diese Verbindung erscheint einem schräg. Tatsächlich hat einer der Breakdancer aus Bassils Stall vor der Premiere gefragt, ob Johann Sebastian auch zur Uraufführung komme. In den Nummern steckt zudem jede Menge Witz.