Winnenden

Frau beleidigt, bedroht, geschlagen - Angeklagter bleibt auf freiem Fuß

Waiblingen im Amtsgericht 3
Amtsgericht Waiblingen. © Gabriel Habermann

Ein junger Mann hat seine Freundin beleidigt, erniedrigt, geschlagen, mit einer Lautsprecherbox beworfen und ihr Geld abgepresst. Im Asylbewerberheim beleidigte er eine Frau vom Sozialdienst und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Das Urteil des Jugendschöffengerichts Waiblingen: eine Jugendstrafe von acht Monaten Freiheitsentzug, gegen das Ableisten von siebzig Stunden gemeinnütziger Arbeit für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Wegen Beleidigung, versuchter Nötigung, vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung wurde er verurteilt.

Die Freundin arbeitet in Stuttgart als Prostituierte

Richter Martin Luippold meinte in seiner mündlichen Urteilsbegründung, auch bei der Hauptgeschädigten handle es sich nicht um ein „klassisches Opfer“. Sie habe dem Täter immer wieder verziehen, ihm Geldgeschenke gemacht. Es sei schwierig gewesen herauszuarbeiten, ob es in der Beziehung um Liebe oder lediglich um das Sexuelle ging, ob es sich bei Opfer und Täter um ein Paar handelte, welche Rolle die Eifersucht spielte und wie ein weiterer Bekannter der beiden in das Beziehungsgeflecht passte. Doch nachdem mittlerweile auf Antrag des Opfers gegen den Täter ein Annäherungsverbot ausgesprochen wurde, falle der eigentliche Streitpunkt zwischen Opfer und Täter weg, so der Richter.

Es waren eigentlich drei Fälle, mit denen sich das Gericht unter Luippolds Vorsitz zu beschäftigen hatte, und trotz der Unterstützung durch zwei hervorragende Dolmetscher für die Sprachen Mandinka und Rumänisch sowie der Befragung dreier Zeugen gestaltete sich die Wahrheitsfindung schwierig.

Angeblich kann der Angeklagte weder lesen noch schreiben

Am einfachsten war der erste Anklagepunkt. Der Angeklagte wurde am 23. Oktober 2001 in Gambia geboren. Als er ein, zwei Jahre alt war, sei seine Mutter gestorben, so dass er nicht die Schule besuchen konnte, sondern schon als Kind arbeiten musste. Mit 15 Jahren habe er Gambia verlassen, weil er dort als angeblicher Homosexueller diskriminiert worden sei. Über den Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, Libyen und Italien sei er vor drei Jahren nach Winnenden gekommen, zunächst in eine Wohngruppe einer Sozialeinrichtung. Er gehe seit seiner Ankunft in Winnenden in die Schule, seit Beginn der Coronabeschränkungen erhalte er Arbeitsblätter für den Fernunterricht. Die zu bearbeiten falle ihm allerdings sehr schwer, da er weder lesen noch schreiben könne.

Streit mit vielen Mitbewohnern im Asylbewerberheim

An seinem 18. Geburtstag musste er aus der Wohngemeinschaft in die Asylbewerberunterkunft in der Albertviller Straße umziehen, berichtete eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes als Zeugin. Seitdem er dort wohne, habe er sich mit so gut wie allen Mitbewohnern zerstritten, viermal habe man ihn mittlerweile in ein anderes Zimmer umquartieren müssen, wiederholt sei er in Schlägereien verwickelt gewesen, mehrmals schon musste die Polizei wegen ihm anrücken oder wurde gar von ihm gerufen. Bei der letzten Zimmerumverteilung sei er sehr verärgert gewesen, habe auf ein Einzelzimmer bestanden, in dem er auch mit seiner Freundin ungestört sein könne. Er habe sich aggressiv vor der Sozialarbeiterin aufgebaut, sie als „böse Frau, fick dich“ beschimpft und schließlich Schlüssel nach ihr geworfen. Deshalb habe sie ihn wegen Beleidigung angezeigt.

Bei den beiden anderen Anklagepunkten handelte es sich um Zwischenfälle, die sich am 18. Juli und am 18. November in der Stuttgarter Wohnung seiner Freundin, einer dreißigjährigen Prostituierten aus Rumänien, ereignet hatten. Sie habe den Angeklagten 2018 kennengelernt, nachdem sie nach Deutschland gekommen war. Bei beiden Zwischenfällen seien sie miteinander in Streit geraten, das erste Mal seiner Aussage nach wegen eines Mannes, der bei ihr die Nacht verbracht hatte. Bei diesem handle es sich um den Ecstasylieferanten der Freundin, weshalb er ihr jeden weiteren Kontakt verboten habe, erzählte der Angeklagte.

Sie hingegen erklärte, der Angeklagte habe Geld von ihr gefordert und ihr eine Eifersuchtsszene gemacht. Als sie ihn aus der Wohnung verwies, habe er ihr Handy an sich genommen. Er habe sie geschlagen und getreten. Sie habe ihn gebissen, und beide seien schließlich zu Boden gestürzt. Auf ihre Hilferufe hin sei ihr der Mann, mit dem sie die Nacht verbracht hatte, zu Hilfe gekommen. Der zur Verhandlung als Zeuge geladene Mann konnte vom Gericht allerdings nicht befragt werden, da er sich zurzeit in der Justizvollzugsanstalt in Haft und dort in Quarantäne befindet.

Die Wohnungstür eingetreten und die Freundin misshandelt

Nachdem sie dem Angeklagten zunächst verziehen hatte, habe er ihr am 18. November erneut eine Eifersuchtsszene gemacht und Geld von ihr gefordert, berichtete die Zeugin. Er habe sie beleidigt, erniedrigt und als „Nutte“ beschimpft, geschlagen, geboxt und gegen einen Schrank gestoßen. Nachdem er zunächst ihre Wohnung verlassen hatte, sei er zurückgekommen, habe in die Wohnungstür ein Loch getreten und aus zwei, drei Metern Entfernung eine drei Kilogramm schwere Lautsprecherbox nach ihr geworfen, die sie am Hals und dann am Knie traf. Mehrere Wochen habe sie hinterher noch Schmerzen gehabt.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, Staatsanwalt, Verteidiger und Gericht waren sich einig, dass der junge Mann nach Jugendstrafrecht zu verurteilen war. Das Urteil stelle eine letzte Warnung dar, gab ihm Richter Luippold mit auf den Weg, „Nehmen Sie sich das zu Herzen ... Bei der nächsten Verurteilung wegen eines Aggressionsdelikts werden Sie weggesperrt!“

Ein junger Mann hat seine Freundin beleidigt, erniedrigt, geschlagen, mit einer Lautsprecherbox beworfen und ihr Geld abgepresst. Im Asylbewerberheim beleidigte er eine Frau vom Sozialdienst und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Das Urteil des Jugendschöffengerichts Waiblingen: eine Jugendstrafe von acht Monaten Freiheitsentzug, gegen das Ableisten von siebzig Stunden gemeinnütziger Arbeit für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Wegen Beleidigung, versuchter Nötigung, vorsätzlicher

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