Winnenden

Günther Dragic: Der Mann, der das Pflaster sauber hielt

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Günther Dragic. © Bernhardt / ZVW

Winnenden. Sollte das Winnender Pflaster am Morgen nicht mehr ganz so sauber sein wie gewohnt, hätte das einen Grund: Günther Dragic lebt nicht mehr. Der ehrenamtliche Kehrmaschinenfahrer ist am 25. März im Alter von 75 Jahren gestorben.

Noch vor wenigen Monaten fuhr er dienstags mit seiner anthrazitgrauen Kärcher-Kehrmaschine übers Pflaster der Stadt, streifte zentimetergenau die Ränder mit den Seitenbesen, achtete auf die frühen Fußgänger und überblickte zufrieden den Straßenzustand. Die Fußgängerzone musste sauber sein, dann war Günther Dragic mit sich und der Welt zufrieden. In Winnenden leben Unzählige, die sich leidenschaftlich für saubere Straßen und Wege einsetzen, aber nur mit Worten – Dragic und sein Kumpel Panagiotis Kalaitzidis waren die Einzigen, die ihre Leidenschaft auch in die Tat umsetzen und sauber machen, was verdreckt ist.

Wer je das Vergnügen hatte, mit Günther Dragic ins Gespräch zu kommen, der merkte: Dieser stämmige Mann mit seiner rauen Stimme brauchte nur wenige Worte, um viel zu sagen. Er sprach unverblümt, direkt und humorvoll zu allen, die mit ihm reden wollten, auch darüber, dass er ohne Lohn diese wertvolle Arbeit leistete. Er bekam ja etwas, erzählte er dann: „Zwischenei amol en Roschtbrota isch okeee. ‘S braucht koin großa sei. A Kilo langt.“

Kärcher spendete eine Maschine für den ehrenamtlichen Einsatz

Einmal, als er die Marktstraße reinigte, sprachen ihn Leute an mit dem üblichen Spruch: „Ha, des kenntetse bei uns au no macha ...“ „Ja“, sagte dann Günther Dragic, „und wenn Sie mithelfe dätet, denn wäre mer scho z’dritt und kenntet no viel mehr mache.“ Die meisten Leute hatten gar nicht damit gerechnet, dass dieser Mann auf seiner Kehrmaschine unentgeltlich arbeitete, einfach weil ihm die Sauberkeit der Stadt wirklich am Herzen liegt und weil er von der Bürgerstiftung und von Bürgermeister Sailer im richtigen Augenblick gefragt wurde. Es war im Jahr 2006, einige Monate, nachdem Günther Dragic in Ruhestand gegangen war. Damals übernahm er ehrenamtlich die Putzerei in der Stadt, die zuvor in diesem Ausmaß niemand gemacht hatte. Dragic wusste das. Er hatte schließlich beim städtischen Bauhof gearbeitet und hatte sein Geld verdient mit dem Reinigen von Straßen. Die Leute vom Bauhof leisten heute noch ihr Pensum. Nur in den Jahren seit 2006 kam ein weiterer Reinigungsgang hinzu, den Günther Dragic in Eigenregie erledigte.

Dieses Engagement eines Bürgers hat auch die Firma Kärcher und deren Geschäftsführer Hartmut Jenner beeindruckt. So sehr, dass Kärcher eine Kehrmaschine spendete für diesen ehrenamtlichen Einsatz. Und der Gipfel aus Sicht von Günther Dragic: Im Jahr 2014 bekam er von Kärcher eine völlig neu konstruierte Kehrmaschine, an deren Entwicklung er mit Tipps aus der Praxis beteiligt war. Hellauf begeistert war er von dem neuen Gerät. „Sagen Sie einen schönen Gruß an Ihre Ingenieure“, sagte Dragic zu Jenner. Das war sozusagen größtes Lob vom Praktiker, der Gehör gefunden hat. Seine klaren Worte werden einige vermissen. Und viele werden denken: Er fehlt im Stadtbild.