Winnenden

Gastronomen bereiten sich auf Öffnungen vor: Turmstüble-Wirt plant eigene Corona-Tests für den Notfall

Turmstüble
Jochen Baumann im leeren Turmstüble: In zwei Wochen wieder mit Gästen? © ALEXANDRA PALMIZI

Die Senioren sind die Ersten. Wenn sie über 80 Jahre alt sind, haben sie heute schon die zweite Corona-Impfung, und manch einer von ihnen wartet nur darauf, dass die Wirtschaften wieder öffnen. Viele zwischen 60 und 80 Jahren sind auch bald durchgeimpft. Den Jüngeren könnte ein negativ ausgefallener Corona-Test helfen, startklar zu sein für den Kneipenbesuch. Nächste Woche schon dürfen in Landkreisen mit einer Inzidenz unter 100 die ersten Wirtschaften öffnen für Gäste mit Impf-Nachweis oder negativem Testergebnis. In ein paar Wochen wird auch der Rems-Murr-Kreis so weit sein – wenn die Inzidenzen weiter sinken und wenn sie erst einmal fünf Tage in Folge unter 100 liegen. Vier von uns befragte Wirte denken an Öffnungen, sobald sie erlaubt sind, hätten aber auch Wünsche, die so schnell wohl nicht in Erfüllung gehen. Die Impf- und Testkontrolle, am Gasthauseingang die gelben Impfpässe der lieben Gäste zu kontrollieren und die handschriftlichen Eintragungen der Ärzte, die Stempel und die Aufkleber mit Vakzinen zu studieren und zu bewerten, fällt ihnen schwer.

Der Wunsch: Alle sollen ins Restaurant dürfen

Céline Bauer, Gastwirtin der „Schönen Aussicht“ in Bürg sehnt sich danach, dass die Restaurants und Hotels wieder öffnen dürfen. „Es sollte so sein, wie es vor Corona war“, sagt sie. Gäste zu kontrollieren und zu sortieren – der darf rein, der darf nicht rein – das widerspricht ihrer ganzen Berufsauffassung, das beeinträchtigt die Gastlichkeit. „Ich möchte nicht am Eingang die Polizistin spielen. Wenn wieder geöffnet wird, dann soll es ohne Einschränkungen sein. Wir wollen für alle da sein.“ Ein Restaurant sei eine Genuss-Sache, und alle Einschränkungen sind eine Genuss-Barriere. „Nur Geimpfte einzulassen, das wäre schon wieder eine Diskriminierung“, sagt Céline Bauer. Das möchte sie nicht haben. Aber bekommt eine Gastwirtin genau das, was sie wünscht? Sie weiß es. Es geht nicht nach ihren Wünschen. Und welcher Wirt wäre nicht froh, wenn er überhaupt nur öffnen dürfte, auch unter Auflagen?

Startklar: Gastroterrasse am Holzmarkt

Jürgen Knödler von der Weinstube zur Traube mitten in Winnenden steht vor einer großen Terrasse auf dem komplett neu gestalteten Holzmarktplatz. Fertig ist sie schon. Nur noch die Container müssen abtransportiert werden. Bei der Brauerei stehen neue Tischgarnituren für die Außenwirtschaft bereit. Knödler könnte sofort loslegen, und er hätte eine Außenfläche so groß wie noch nie bei der guten alten Traube. „Das wird richtig geil“, freut er sich, „wenn ich darf, mach ich selbstverständlich auf“. Nächsten Monat kommen noch Bauhandwerker zur Traube und gestalten die eigene untere Terrasse zur Ringstraße hin. Dann ist alles picobello und bereit für die Corona-Lockerungen. Es wird noch dauern, bis die Inzidenz so weit abgesunken ist. Kann sein, dass es bis in den Juni hinein noch geschlossen bleibt, kann sein, dass sich die Lage früher entspannt. Wenn geöffnet werden darf, dann sind jetzt auch Gasträume selbst, bei allerdings nur wenigen Gästen, erlaubt – und mit Kontrolle des Infektionsrisikos. „Mir wär’s am liebsten, wenn einfach alle kommen dürften“, sagt er. „Meine Gäste sind so im Alter ab 30. Die werden bis Ende Juni alle geimpft sein“, rechnet er sich optimistisch aus. Was er sich noch nicht so richtig vorstellen kann: dass er Impfpässe und Testbescheinigungen kontrollieren soll. Sein Wunsch wäre, dass er die Gäste fragt, und dass die sagen, ob sie geimpft oder negativ getestet sind. Die Wirklichkeit ist anders: Auch wenn der Wirt seinen Stammgästen vertrauen kann, wird er kontrollieren müssen. Vielleicht wird die Kontrolle weniger aufwendig, wenn erst einmal viele Stammgäste ihre Spritze zweimal bekommen haben. Er selbst ist bis jetzt einmal geimpft und bekommt in nächster Zeit seine zweite Impfung. „Wenn mal geöffnet werden darf, dann bin ich überzeugt, dass es dann richtig gut anläuft hier am Holzmarktplatz.“ Gäste fragen schon nach, erzählen von ihren Impfterminen. Und die Infektionszahlen im Rems-Murr-Kreis sinken zurzeit in einem gleichmäßigen Tempo. Wer weiß? Vielleicht kann Jürgen Knödler schon Anfang Juni die Schweinsbäckle und Maultaschen auf dem neuen Platz vor der Traube servieren.

Zurzeit liefert er freitags, samstags und sonntags zum Mitnehmen auf Bestellung, und es läuft gut, sagt er. Man spürt, dass die Leute ihre Wirtschaften mögen, und dass sie in den langen Sperrzeiten wenigstens zu Hause das vom Meister bereitete Essen brauchen. „An Ostern hatte ich 40 Essen pro Stunde ausgegeben. Do bin i echt an meine Grenza komma. “

Sicherheit: Ganz schlimm wäre ein Rückfall

Das La Piazza am Marktplatz hält sich gerade mit „Essen to go“ über Wasser. Es ist eine Möglichkeit, sich in Erinnerung zu halten bei den Gästen, und die Nachfrage deckt wenigstens gerade die Kosten für den Koch. Solche Projekte sind für den Wirt Aldo del Negro machbar. „Wenn ich selbst nichts verdiene, halte ich das aus“, sagt Aldo del Negro, „aber draufzahlen kann ich nicht“. Dafür würden seine letzten Reserven nicht ausreichen. Wird es dann finanziell besser, wenn er wieder öffnen darf? Das ist noch nicht ausgemacht. Das La Piazza ist konzipiert für eine große Gästezahl, die der Wirt braucht, wenn er sein volles Programm anbieten soll. Die Öffnungspläne unter Pandemiebedingungen erlauben aber nur wenige Gäste, 40 Prozent Auslastung erwartet Aldo del Negro dann und sagt: „Das wird schwierig. Ich hoffe und wünsche, dass bald echte Normalität einkehrt, – aber dauerhaft!“ Das wird vermutlich noch lange dauern, aber Aldo del Negro gehört zu jenen, die langfristige Sicherheit anstreben: „Lieber soll die Politik warten, bis ganz viele geimpft sind und die Inzidenz ganz weit unten ist, und dann sollten wir ganz normal aufmachen dürfen, ohne dass wir einen weiteren Rückfall befürchten müssen. Ein Rückfall – das wäre ganz schlimm.“

Test in der Kneipe: Turmstüble-Wirt lässt sich schulen

Keine der bevorstehenden Lockerungen passt zum Winnender Turmstüble. Die kleine Kneipe unterhalb des katholischen Betonkirchturms war immer am schönsten, wenn sie rappelvoll mit Gästen war, und wenn es auf Mitternacht zuging und das Bier pausenlos aus dem Zapfhahn floss. Wirt Jochen Baumann sehnt sich nach solchen Zeiten, aber was soll er machen? Die gibt’s halt nicht. Seit Wochen ist seine Kneipe im zweiten Lockdown. Schon im ersten war’s ihm zu viel. Damals nutzte er die Zeit, um den Gastraum zu renovieren, alles neu zu streichen. „Aber ich kann jetzt nicht schon wieder streichen“, sagt er, „ich bin mit Leib und Seele Kneipier und ich brauche meine Gäste“.

Also macht er alles, was die Infektionslage verlangt, wenn er nur aufmachen darf. Alles – das heißt: Er schließt dann halt um 21 Uhr schon wieder, obwohl das überhaupt nicht zum Turmstüble passt, wo das Hauptgeschäft erst danach beginnt. Er lässt dann nur zehn bis 15 Gäste in den Wirtsraum, weil mehr nicht erlaubt sind, aber ist schon froh, dass überhaupt im Inneren bewirtet werden darf.

Dass er Testergebnisse und Impfpässe kontrollieren muss, fällt ihm schwer. Lange hat er sich überlegt, was er tut, wenn einer kommt und sagt: „Ich bin Stammgast. Du kennscht mi. Test han i koin mehr kriegt. Kannsch mi reilasse?“ Jetzt ist ihm der Gastronomenverband Dehoga zu Hilfe gekommen. „Am Montag mache ich ein Dehoga-Seminar mit Dr. Lisa Federle aus Tübingen. Ich lerne, wie man Schnelltests macht.“ Jochen Baumann, Wirt des Turmstübles, wird, sobald er öffnen darf, Schnelltests bereithalten und wird seine Gäste, die keine andere Möglichkeit haben, testen. „Sie müssen dann halt dafür bezahlen, denn ich muss die Testkits ja auch einkaufen wie jeder“, sagt Baumann.

Der Test in der Kneipe wird vermutlich nur eine Notlösung, schließlich gibt es in der Alten Kelter, auf dem Marktplatz, vor dem Drogeriemarkt DM, vor dem Obi und beim Wunnebad Schnelltests auf Staats- oder Krankenversicherungskosten, mit denen man dann sein Negativergebnis bescheinigt kriegt und mit dem man dann ins Wirtshaus kann. Das ist ein bisschen umständlich für zwei Bier im Lokal, aber es ist eine Möglichkeit. Jochen Baumann, der sich die Inzidenzen und die immer wieder neuen Corona-Vorschriften regelmäßig genau anschaut, rechnet damit, dass es in der Woche nach Pfingsten schon hinhauen könnte mit einer Öffnung, dass dann schon fünf Tage in Folge die Inzidenz unter 100 liegen könnte. Aber nur, wenn es gut läuft im Rems-Murr-Kreis.

Die Senioren sind die Ersten. Wenn sie über 80 Jahre alt sind, haben sie heute schon die zweite Corona-Impfung, und manch einer von ihnen wartet nur darauf, dass die Wirtschaften wieder öffnen. Viele zwischen 60 und 80 Jahren sind auch bald durchgeimpft. Den Jüngeren könnte ein negativ ausgefallener Corona-Test helfen, startklar zu sein für den Kneipenbesuch. Nächste Woche schon dürfen in Landkreisen mit einer Inzidenz unter 100 die ersten Wirtschaften öffnen für Gäste mit Impf-Nachweis oder

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