Winnenden

Gericht: Fußgängerin schwer verletzt und geflüchtet

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Symbolbild. © Joachim Mogck

Waiblingen/Winnenden. Vor einem Jahr ist eine Frau aus dem Ostalbkreis gegen die Einbahnstraße gefahren und hat eine 29-Jährige auf dem Zebrastreifen Ringstraße schwer verletzt. Die 49-Jährige beging Unfallflucht. Die Winnenderin leidet noch immer unter den Folgen ihrer gebrochenen Schulter. Doch das psychologische Gutachten lässt Amtsrichter Dautel keine andere Wahl als den Freispruch. Die Frau war desorientiert wegen einer krankhaften seelischen Störung, daher schuldunfähig.

Ein junges Winnender Ehepaar dachte nichts Böses, als es abends am 19. August vor einem Jahr noch in die Stadt zum Eisessen gehen wollte. Doch als die beiden über den Ringstraßen-Zebrastreifen gingen, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Auto von rechts auf sie zu. Der Mann konnte sich mit einem Sprung nach hinten retten, die Frau wurde angefahren, schleuderte über die Motorhaube und brach sich die Schulter. Im Krankenhaus wurde der gebrochene Oberarmkopf mit einer Platte und Nägeln fixiert, die demnächst entfernt werden müssen. „Ob die Schmerzen jemals ganz verschwinden, kann mir niemand sagen“, so die 30-Jährige in ihrer Zeugenaussage. Die zivilrechtlichen Schadenersatzansprüche regeln der Anwalt der Geschädigten und die Versicherung der Verursacherin miteinander.

Schuldfähig oder nicht?

Beim strafrechtlichen Prozess vor dem Amtsgericht Waiblingen ging es um die Frage schuldfähig oder nicht, und ob die Führerscheinsperre von einem Jahr aufrechterhalten wird. Richter Dautel folgte in seinem Urteil diesem Wunsch des Staatsanwalts, was trotz des Freispruchs möglich ist. „Es soll zur Besserung maßregeln“, erläutert Dautel.

Der Rechtsanwalt der Angeklagten führte ins Feld, dass es seiner Mandantin inzwischen, nach einem Jahr Therapie wegen ihrer bipolaren Störung, viel besser gehe. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie wieder am Straßenverkehr teilnehmen kann.“ Schriftlich und vor Gericht mehrfach mündlich entschuldigte sich die Angeklagte, dass sie jemand eine solche Verletzung beigebracht hatte, wenn auch ohne Absicht.

Aus Panik geflüchtet

In besagter Nacht und vermutlich in der Zeit davor war sie offenbar nicht Herrin ihrer Sinne. Die 49-Jährige fuhr ohne Kennzeichen. Die Polizei fand sie im Kofferraum ihres Wagens, eines davon unter dem Teppich beim Reserverad. „Das erklärt, warum die Zeugen nicht einmal sagen konnten, ob WN oder LB auf dem Nummernschild zu sehen war“, sagte ein Polizist im Zeugenstand. Es befand sich nur ein Pappschild im Fenster.

Nicht nur Ortsunkenntnis war die Ursache dafür, dass die Frau an einer Stelle, wo man nur nach rechts in die Ringstraße fahren oder geradeaus der Schlossstraße folgen darf, nach links abbog. Ein Jahr später kann sich die Aalenerin das selbst nicht mehr erklären. „Ich wollte um ein vor mir stehendes Auto herumfahren“, meinte sie. Die beiden Fußgänger hat sie in der Dämmerung ebenso wenig wahrgenommen wie das Einbahnstraßenschild. Nach dem Crash hielt sie an, ging zu dem Winnender Ehepaar und sagte ihren Vornamen. Dann wollte sie ihren Audi zur Seite stellen, er blockierte die Ringstraße. „Als ich drinsaß, ergriff mich Panik, ich fuhr weg.“

Auto tauchte am Nellmersbacher Bahnhof auf

Das Auto wurde zwei Wochen nach dem Unfall der Polizei gemeldet, es war am Bahnhof Nellmersbach abgestellt. Und der Ermittler für Unfallfluchten kam erst nach seinem Urlaub am 30. August dazu, die Verursacherin zu suchen. Aufrufe im Intranet des Klinikums und der Paulinenpflege erbrachten nichts. Schließlich erfuhr er, dass eine Patientin der Psychiatrie im Schloss ihr Auto vermisst, nicht mehr weiß, wo sie es gelassen hatte – einen silberfarbenen Audi. Der Polizist guckte sich den Audi vom Nellmersbacher Bahnhof an – und fand auf der Motorhaube die Brille der Geschädigten! Verwechslung ausgeschlossen, der Vorname war eingraviert, das Gestell ein Unikat mit Nummer. Außerdem passten unauffällige Dellen auf der Motorhaube zum Unfall mit der Fußgängerin.

„Da stellte ich das Auto sicher und stattete der Patientin einen Tag später einen Besuch ab. Sie machte einen normalen Eindruck, der Unfall kümmerte sie aber wenig.“ Die Frau war am Tag nach dem Unfall durch die Polizei ins Klinikum eingeliefert worden aufgrund völliger Desorientierung und Wahnvorstellungen. Bis zum Besuch des Unfallfluchtermittlers war ein Monat vergangen.


Total in der Manie

Seit über zehn Jahren ist bei der Frau eine bipolare Störung diagnostiziert, wegen der sie immer wieder auch stationär in Behandlung war. Depressive und manische Phasen wechseln ab, bei Letzteren spielen Wahnvorstellungen eine Rolle, die ihre Steuerungsfähigkeit „erheblich herabsetzen“, so die Gutachterin.

Da die Angeklagte im Zentrum für Psychiatrie am 4. August nach drei Wochen entlassen worden und erst am 20. August wieder eingeliefert worden war, kann die Gutachterin nicht mit Sicherheit sagen, dass sie am 19. August in der Manie war. „Aber vieles spricht dafür – dass sie gegen die Einbahnstraße fährt, nach dem Unfall nur ihren Vornamen sagt, das Auto irgendwo abstellt und nicht mehr weiß, wo, und die Brille darauf liegen lässt.