Winnenden

Gericht ist sich bei 20-jährigem Winnender unsicher: Kifft er noch oder ist er schon clean?

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Symbolfoto. © Pixabay.com

Ein 20-Jähriger wurde von der Polizei mit Marihuana erwischt. Er kam vor Gericht, und vielleicht hilft ihm das, was Richter Armin Blattner ihm auferlegte: eine Betreuung. Der junge Mann hat ein halbes Jahr einmal in der Woche bei seiner Betreuerin vorzusprechen, die ihm helfen soll, sich in Deutschland zurechtzufinden, um sich ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches und straftatfreies Leben aufzubauen.

Betreuung soll helfen

Dazu gehörten unter anderem auch grundlegende Fähigkeiten wie Strukturierung des Alltags, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Umgang mit Behördenvertretern, Integration in das Erwerbsleben und Erweiterung der sozialen Kompetenz. Und selbstverständlich werde dabei auch die Drogenproblematik angesprochen, versicherte die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, „denn die ist in keinster Weise aus der Welt“.

„Ich hoffe, du lässt dir von deiner Betreuerin etwas sagen. Sie wird dir helfen, aber das kann sie nur, wenn du mitmachst. Wenn nicht, dann sehen wir uns wieder“, gab es vom Richter noch mit auf den Weg. „Du sagst zwar, du kiffst nicht mehr“, hielt er dem Angeklagten vor, „aber das glaube ich dir nicht wirklich. Wenn du damit nicht aufhörst, dann bekommst du richtig Probleme, denn in Deutschland sind Drogen verboten.“

Der Vater braucht Geld

Im Jahr 2015 habe er sich allein von Afghanistan aus nach Deutschland auf den Weg gemacht, berichtete der Angeklagte in holprigem Deutsch und bisweilen nach Worten ringend dem Gericht. Hier angekommen, sei er als „Unbegleiteter Minderjähriger“ zunächst ins SOS-Kinderdorf nach Schorndorf gekommen, dann 2019 nach Winnenden in eine Wohngemeinschaft. Er habe eine Ausbildung als Maler und Lackierer begonnen, sie nach drei Monaten allerdings wieder abgebrochen. Es sei zu viel gewesen, was auf ihn eingestürmt sei: Am schlimmsten sei die Sorge um den Vater und den Bruder, die in Afghanistan zurückgeblieben seien und immer mehr Geld von ihm forderten, nachdem der Vater bei einem Bombenanschlag verletzt worden sei. Da sein Lehrlingsgehalt nicht ausreichte, habe er sich schließlich eine Arbeit in einer Autowaschanlage in Stuttgart gesucht, doch dort habe man ihn nach einem Vierteljahr wieder entlassen, als Corona kam. Im Augenblick lebe er von 300 Euro im Monat, die er vom Jobcenter bekomme. Seinen Asylantrag habe man mittlerweile abgelehnt, er habe lediglich eine Duldung, die er alle drei Monate erneuern müsse und mit der es ihm verboten sei, überhaupt zu arbeiten.

Er wollte den Kopf frei bekommen

„Niemand hilft mir, niemand kümmert sich um mich, keiner sagt mir, was ich tun kann, damit es besser wird“, beklagte er sich vor Gericht. Um ab und zu die Sorgen zu vergessen und den Kopf frei zu bekommen, habe er angefangen, Marihuana zu rauchen. „Aber jetzt rauche ich nicht mehr, denn dadurch habe ich Probleme bekommen“, versicherte er treuherzig dem Richter. „Jeder, der in Deutschland mit Drogen erwischt wird, bekommt Probleme. Drogen bringen immer Ärger!“, hakte der nach und verwies auf zwei weitere, noch offene Verfahren gegen den Angeklagten wegen Drogenbesitzes.

Das Auge des Gesetzes fiel auf den Angeklagten, als er am 14. Mai 2020 gegen 17.20 Uhr in der Waiblinger Straße in Winnenden mit einem zweiten jungen Mann vor einer Tankstelle neben einem Papierkorb stand. Dort wurden zwei Polizeibeamte, die auf Streife gerade vorbeifuhren, auf die beiden aufmerksam. Der Angeklagte habe seine rechte Hand gerade in den Papierkorb gesteckt, als sie vorbeifuhren, berichtete einer der Beamten im Zeugenstand. Bei der anschließenden Kontrolle fand sich in seiner Jackentasche ein Tütchen Marihuana, aus seiner Bauchtasche ragte ein zweites heraus. In jedem der Tütchen befanden sich zwei Gramm „Gras“. Als sie in den Papierkorb schauten, entdeckten die Beamten sechs weitere Tütchen.

Zwei Tütchen – mehr nicht

Der Angeklagte gab zu, dass die beiden Tütchen, die er bei sich hatte, ihm gehörten, mit den sechs anderen im Papierkorb habe er aber nichts zu tun. Weder gehörten sie ihm, noch betreibe er irgendeine Form von Handel, habe er „vehement“ erklärt, zitierte sein Verteidiger aus dem Protokoll der Polizei. Die Tütchen im Papierkorb hatten eine andere Form und ein anderes Aussehen als die beiden in den Taschen seines Mandanten. Spurentechnisch habe man sie weder ihm noch dem zweiten jungen Mann zuordnen können, stellte der Anwalt klar. Ohne Ergebnis sei auch die Durchsuchung der Unterkunft des Angeklagten, der dieser freiwillig zugestimmt hatte. Auch sie habe keine weiteren Drogen zutage gebracht.

Ein 20-Jähriger wurde von der Polizei mit Marihuana erwischt. Er kam vor Gericht, und vielleicht hilft ihm das, was Richter Armin Blattner ihm auferlegte: eine Betreuung. Der junge Mann hat ein halbes Jahr einmal in der Woche bei seiner Betreuerin vorzusprechen, die ihm helfen soll, sich in Deutschland zurechtzufinden, um sich ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches und straftatfreies Leben aufzubauen.

Betreuung soll helfen

Dazu gehörten unter anderem auch grundlegende

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